Das städtische Umfeld – Chance oder Gefängnis für Menschen mit Behinderungen

Die Schauspielerin Iwa Sweschtarowa: Menschen mit Behinderungen verdienen mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft

Mittwoch, 3 Dezember 2025, 08:14

Das städtische Umfeld – Chance oder Gefängnis für Menschen mit Behinderungen

FOTO Privatarchiv der Regisseurin

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Am 3. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen, wird erneut deutlich, dass eine barrierefreie Stadtumgebung keine Frage des Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Laut dem Nationalem Zentrum für öffentliche Gesundheit und Analysen leben in Bulgarien über 654.000 Menschen mit dauerhafter Arbeitsunfähigkeit oder Behinderung, darunter mehr als 22.000 Kinder.

Das sind Menschen, die wir selten auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in den Geschäftn sehen, weil das städtische Umfeld oft nicht auf ihre Bedürfnisse ausgelegt ist, ein Problem, das auch Eltern mit Kinderwagen, Senioren oder jeden von uns betrifft, der vorübergehend eingeschränkt sein kann.

Warum ist die Fortbewegung in bulgarischen Siedlungen für behinderte Menschen so schwierig?

Adelina Banakiewa

FOTO Privatarchiv der Regisseurin


Sofia ist de facto eine unzugängliche Stadt“, meint Adelina Banakiewa, Freiwillige und zivile Aktivistin, die sich seit Jahren für ein würdiges Leben und gleichen Zugang zu öffentlichen Räumen einsetzt. Und sie nennt ein Beispiel: „Die U-Bahn-Station ‚Serdika‘, nur wenige Meter vom zentralen Platz ‚Hl. Nedelja‘ entfernt, verfügt bis heute über seitlich montierte Spiegel am Aufzug, die das Einfahren eines Rollstuhls um einen knappen Zentimeter verhindern. Abgesehen davon ist die Station aus sämtlichen Richtungen praktisch unzugänglich. Auf der Seite des Justizpalastes wurden zudem Rampen mit einem extrem steilen Gefälle installiert, mit einem Neigungswinkel, der weder von einem Menschen im Rollstuhl noch von einer Mutter mit Kinderwagen sicher bewältigt werden kann. Diese sogenannten Rampen allein zur bloßen Erfüllung der Vorschriften anzubringen, ohne ihre tatsächliche Nutzbarkeit zu berücksichtigen, ist für Menschen mit Behinderungen zutiefst entwürdigend“, betonte Adelina Banakiewa.


FOTO Privatarchiv der Regisseurin

In Europa wird das Fehlen von Rampen häufig durch externe oder interne Aufzüge ausgeglichen. Nach Ansicht von Banakiewa wäre das auch bei uns durchaus möglich.

In Bulgarien haben wir viel mit Vertretern der Vereinigung der Importeure und Hersteller von Aufzügen diskutiert, dass ein Aufzug überall installiert werden kann – wenn nicht innen, dann außen. Es ist keine unmöglich teure Extravaganz für einen öffentlichen Raum, aber er werden einfach keine Aufzüge eingebaut.“


FOTO Privatarchiv der Regisseurin

Ein weiteres ernsthaftes Problem ist, dass für die Installation einer Rampe am Eingang eines Wohnhauses die Zustimmung aller Miteigentümer erforderlich ist.

Die Bulgaren glauben, so unangenehm es mir auch ist, das zu sagen, dass solche Rampen stören oder das Erscheinungsbild des Wohnblocks verunstalten. Dabei sollten sie ganz selbstverständlich überall vorhanden sein, denn sie sind eine vorgeschriebene Maßnahme für alle Gebäude, in denen mehr als drei Familien leben“, kommentierte Banakiewa.



Petja Andreewa und Iwa Schweschtarowa

FOTO Privatarchiv der Regisseurin

Die Kunst als Spiegel des Problems

Die Schauspielerin Iwa Sweschtarowa schlüpfte in die Rolle von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und lernte, sich mit einem Rollstuhl fortzubewegen:

Als ich mich zum ersten Mal in den Rollstuhl setzte, war ich zugegebenermaßen ziemlich nervös. Das Gefühl war ungewohnt, und sofort schossen mir Gedanken durch den Kopf, wie Menschen es überhaupt schaffen, sich durch diese katastrophale Infrastruktur zu bewegen – nicht nur in Sofia, sondern im ganzen Land“, gestand Iwa Sweschtarowa.

Sie verkörpert die Hauptfigur im Film „Farben der Stadt“, mit dem die Regisseurin Petja Andreewa unsere Aufmerksamkeit auf das Thema der Unzugänglichkeit des städtischen Umfelds richtet. Sie ließ sich nach einer Begegnung mit einem Rollstuhlfahrer dazu inspirieren, das sozial bedeutsame Problem mit den Mitteln der Kunst darzustellen. Denn dies brachte sie dazu, mit neuen Augen auf die Hindernisse zu schauen, denen diese Menschen täglich begegnen.

Dieses Thema macht mir sehr zu schaffen, weil die Menschen in Bulgarien, die schwer beweglich sind, de facto fast Gefangene sind. Der Film nimmt an verschiedenen Festivals teil und nach jeder Vorführung führen wir Diskussionen mit dem Publikum. Leider gibt es bisher keine Reaktion seitens der Institutionen. Ich habe bemerkt, dass sie eher auf Internetvideos reagieren, aber auch dann eher „weil es Aufsehen erregt hat“, und danach bleibt alles wieder beim alten“, sagte Petja Andreewa.


FOTO stolica.bg

Ihren Worten zufolge ist Sofia in den letzten 20 Jahren zugänglicher geworden: der Nahverkehr wurde modernisiert, es gibt mehr Niederflurfahrzeuge. Aber ein anderes Problem bleibt bestehen – die Einstellung der Menschen.

„Es ist mir schon passiert, dass direkt vor mir, während ich mit dem Kinderwagen unterwegs war, eine Familie mit zwei Kindern auf dem Bürgersteig geparkt hat. Sie wissen, dass es schwierig ist, am Auto vorbeizukommen und trotzdem geben sie ihren Kindern dieses schlechte Vorbild. Ich habe sogar schon einen Fahrschulwagen gesehen, der im Rahmen des Fahrunterrichts auf dem Bürgersteig geparkt war.“

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Und so ist die Veränderung des städtischen Umfelds eine Frage der persönlichen und der gesellschaftlichen Verantwortung. In diesem Sinne lautet auch die Botschaft von Iwa Sweschtarowa:

„Ich hoffe aufrichtig, dass die Institutionen endlich Verantwortung übernehmen und anfangen, ihre Arbeit ordentlich zu machen. Von ihnen hängt das erfüllte Leben sehr vieler Menschen ab. Außerdem hoffe ich, dass alle Menschen mit Beeinträchtigungen beginnen, ein sichtbarer Teil der Gesellschaft zu werden, so wie es in Ländern mit einer angemessen ausgebauten Infrastruktur der Fall ist.“

Autor: Joan Kolew

Übersetzung: Rossiza Radulowa