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Meisterwerke bulgarischer Musikkultur:

Weihnachtslied von Nenow – erste bedeutende bulgarische Komposition zum Fest

Freitag, 26 Dezember 2025, 10:15

Dimitar Nenow (1901 – 1953)

Dimitar Nenow (1901 – 1953)

FOTO sofiaartinstitute.com

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„Ich bin Pianist, Komponist, Dirigent, Kritiker und Architekt“ – so beschrieb sich der große bulgarische Musiker Dimitar Nenow (1901–1953) in einem Brief. In all diesen Bereichen hinterließ er eine einzigartige Spur: Er war ein Träger der Moderne in der bulgarischen Musik, Mitbegründer des Komponistenverbandes „Zeitgenössische Musik“, herausragender Instrumentalist mit wesentlichem Beitrag zur bulgarischen Klavierschule, Professor an der Staatlichen Musikakademie, erster Musikredakteur beim Bulgarischen Nationalen Rundfunk sowie Architekt, der Gebäude in verschiedenen Städten des Landes entwarf. 

Als eine der führenden Persönlichkeiten des intellektuellen Elitenkreises Bulgariens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Nenow eine Schlüsselfigur für die gesamte Kultur dieser Zeit. Nachdem er parallel Architektur an der Technischen Hochschule Dresden sowie Klavier und Komposition an der Dresdner Konservatorium studiert hatte, kehrte er 1927 in seine Heimat zurück. Einige Jahre arbeitete er als Architekt im Ministerium für Öffentliche Bauten, Straßen und Stadtentwicklung sowie in der Hauptdirektion der Eisenbahnen. Er leitete die Wiederaufbauarbeiten in Borissowgrad (heute Parvomaj) nach dem verheerenden Erdbeben von Tschirpan 1928. Zudem entwarf er mehrere Bahnhöfe – der Bahnhof in Zverino gilt als ein anspruchsvoller Maßstab des bulgarischen architektonischen Modernismus. Sein umfangreicher Entwurf für ein neues Gebäude der Musikakademie in Sofia blieb jedoch unverwirklicht. 



Der Bahnhof in Swerino wurde um 1930 nach einem Entwurf von Dimitar Nenow erbaut.

FOTO Facebook/bgmodernist

Sowohl in der Architektur als auch in der Musik war Dimitar Nenow ein außergewöhnlich origineller und moderner Künstler. Sein Stil – fein, intellektuell, reich an Bildern und Klangfarben – trägt einen zeitgenössischen, aber dennoch ausgeprägt nationalen Charakter. Der Komponist bevorzugte symphonische und kammermusikalische Gattungen. Sein bekanntestes Klavierstück, das einen festen Platz im Repertoire bulgarischer Pianisten einnimmt, ist die „Toccata“, später von seinem berühmten Schüler Lasar Nikolow orchestriert. Nenows Konzert für Klavier und Orchester ist in Form und Umfang der Klavierpartie einzigartig. Doch einer seiner wichtigsten Beiträge zur nationalen Kunst entstand Ende der 1930er-Jahre – die erste bedeutende vokal-instrumentale Komposition eines bulgarischen Komponisten, die der Geburt Christi gewidmet ist.




FOTO dimitarnenov.com

Die Uraufführung der symphonischen Dichtung „Weihnachten“ für Solisten, gemischten Chor und Orchester fand 1940 statt. Nach einer grundlegenden Überarbeitung wurde sie am 7. Januar 1944 erneut aufgeführt und geriet danach fast vier Jahrzehnte in Vergessenheit – ebenso wie Dimitar Nenow selbst, der im Alter von nur 51 Jahren nach schwerer Krankheit starb. 

„Weihnachten“ wurde erst 1982 wieder in Sofia aufgeführt. 1994 erklangen und entstanden eine Aufnahme dieser Dichtung durch die Ensembles des Bulgarischen Nationalen Rundfunks unter der Leitung von Milen Natschew. Fast ein Vierteljahrhundert später – am 1. Dezember 2017 im Saal „Bulgaria“ – führten der Gemischte Chor und das Symphonieorchester des Bulgarischen Nationalen Rundfunks die Dichtung erneut auf, diesmal unter der Leitung von Mark Kadin.

FOTO Ani Petrowa - BNR

In einem Interview für das Programm „Horizont“ erklärte der Dirigent damals, die Partitur habe ihn tief beeindruckt: „Es war für mich interessant, den historischen Prozess zu beobachten und zu vergleichen, wie die musikalische Welt aussah, als Dimitar Nenow seine Oratorien-Dichtung ‚Weihnachten‘ schrieb – das war 1938/39 … Stravinsky war bereits ein Star, eroberte Europa und Amerika, Prokofjew war berühmt …“. Vor diesem Hintergrund, so Kadin, falle Nenow dadurch auf, dass er sich nicht vom Avantgardismus verführen ließ – er folgte nicht der Neuen Wiener Schule, sondern blieb den Traditionen treu.

Mark Kadin

FOTO Ani Petrowa - BNR

Die symphonische Dichtung besteht aus fünf Teilen. In unserer heutigen Rubrik präsentieren wir den dritten Teil – „Der Weihnachtsjunge“ (Koleschdantsche – in der bulgarischen Volkstradition ein Kind, das von den Weihnachtsliedsängern als ihr Anführer bzw. „König“ ausgewählt wird). Zu hören ist die meisterhafte Aufnahme aus dem Jahr 1994 mit dem Gemischten Chor und dem Symphonieorchester des Bulgarischen Nationalen Rundfunks unter der Leitung von Milen Natschew und den hervorragenden Solisten Waleri Popowa (Sopran) und Alexandar Krunew (Bariton). 

Übersetzung: Lyubomir Kolarov