Autor
Sindi Nikollofski
Artikel
Donnerstag 11 Dezember 2025 15:11
Donnerstag, 11 Dezember 2025, 15:11
Ervis Taluri
FOTO Privatarchiv von Ervis Taluri
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Seine Reise beginnt in einer für Albanien turbulenten Zeit. Nach 1997, als das Land große soziale und wirtschaftliche Krisen durchlebt, suchen viele junge Menschen ihre Zukunft im Ausland.
„Als ich das Land verließ, sah ich, dass die Realität ganz anders war, und ich wollte mein Leben an einem Ort aufbauen, an dem ich mich sicherer fühlte“, erinnerte sich Ervis Taluri. Eine zufällige Begegnung mit einem Freund, der in Sofia studierte, eröffnete ihm einen neuen Weg. „Ich habe die Idee sofort angenommen. Ich kam sehr schnell, bereits 2001. Damals war ich 13 oder 14 Jahre alt, und ich betrachte diese Reise als einen der positivsten Schritte in meinem Leben“, sagte er noch.

In der bulgarischen Hauptstadt wurde Ervis TaluriTeil des Sofia Priesterseminars „Hl. Iwan Rilski“. „Das Leben dort war sehr interessant, weil die Disziplin sehr streng war und das unseren Charakter auf eine Weise geprägt hat, die wir uns vorher nicht hätten vorstellen können“, erzählte Ervis Taluri. Obwohl die Integration in einer Großstadt nicht einfach ist, halfen ihm seine Lehrer und Freunde, innerhalb weniger Monate Bulgarisch zu sprechen und sich als Teil der Gemeinschaft zu fühlen.

Nach
dieser Phase führte ihn sein Studium an
die Universität „Angel Kantschew“ in Russe.
Zunächst empfand er es als Misserfolg, dass er nicht an der
Universität Sofia angenommen wurde, aber schon bald erkannte er,
dass Russe ihm neue Perspektiven eröffnen
würde. „Obwohl die Universität in Russe kleiner ist,
eröffneten sich mir dort große Perspektiven. In der ersten Woche
lernte ich einen Studenten kennen, der mir anbot, Teil des
Studentenrats der Universität zu werden. Meine Antwort, die „Ja“
lautete, führte mich auf einen Weg, der mir viele Möglichkeiten
eröffnete“, so Ervis Taluri.

Nach seinen Erfahrungen an der Universität Russe und nach internationalen Praktika führte der berufliche Weg von Ervis Taluri zu konkreten Projekten in Albanien.
Er erzählte: „Da ich während meines Studiums sehr aktiv im Studentenleben der Universität war, bekam ich die Möglichkeit, mich für verschiedene Praktika in Unternehmen zu bewerben, die sich mit internationalen Projekten befassten. Ich habe diese Praktika erfolgreich abgeschlossen und unmittelbar nach meinem Studienabschluss wurde mir sofort eine Stelle bei einem Projekt in Tirana angeboten.“

Obwohl diese Position die Erfüllung seines Traums war, gab es dennoch Herausforderungen. „Ich musste Menschen leiten, die bereits in dieser Branche gearbeitet hatten, aber wir hatten einen Altersunterschied von 15 bis 20 Jahren, und ich sollte ihr Vorgesetzter sein. Ich musste ihre Probleme lösen, aber das Vertrauen der Geschäftsleitung und mein Selbstvertrauen ermöglichten es mir, dieses Projekt erfolgreich umzusetzen“, erinnert sich Ervis Taluri. Diese frühen Erfahrungen im Management gaben ihm seiner Meinung nach die Kompetenzen und das Selbstbewusstsein, die er später für andere Initiativen benötigen würde.

Nach seiner Rückkehr nach Sofia, um dort zu promovieren, wurde Ervis Taluri klar, dass er sich auch für den Aufbau von Brücken zwischen den beiden Ländern engagieren wollte. Zusammen mit anderen Kollegen gründete er die Vereinigung für bulgarisch-albanische Freundschaft.
„Ich sehe die Gründung des Vereins als etwas sehr Positives, er hat sich an einigen Prozessen beteiligt, wie der Anerkennung der bulgarischen Minderheit in Albanien, der Asphaltierung der Straße Bilisht–Vernik und der Aufnahme von über tausend Studenten zum Studium in Bulgarien“, sagte er.

Der Verein ist nicht nur ein öffentliches Forum, sondern auch eine Plattform für konkrete Maßnahmen und zur Erleichterung von Kontakten zwischen Menschen über Wirtschaft und Politik hinaus. Ervis Taluri sagte, dass sein Einfluss sichtbar war. Ein solches Forum ist wichtig für die Annäherung zwischen Menschen, für die Schaffung von Möglichkeiten und für die Förderung der Entwicklung von Bildung und Kultur.

Nach diesen sozialen Herausforderungen startete er ein ganz neues Projekt – ein Unternehmen. Während der Pandemie brachte er zusammen mit einem engen Freund ein besonderes Produkt nach Bulgarien: tibetische Momos. „Die Idee entstand eines Abends, als mein Freund von seinem Studium in Fernost zurückkehrte und seine Frau etwas Traditionelles aus ihrer Kultur gekocht hatte. Da sie in Tibet aufgewachsen ist, hatte sie Gyoza und Momo zubereitet. Uns gefiel die Art und Weise, wie das Essen gleichzeitig gesund und lecker war, und wir beschlossen, dieses Produkt auf den bulgarischen Markt zu bringen“, erzählte Ervis Taluri. Die ersten zwei Jahre waren sehr erfolgreich, aber wie in jedem Geschäft standen auch sie vor strategischen Herausforderungen, aus denen sie Erfahrungen sammelten.

Seit einem Jahr hat Ervis Taluri noch eine weitere große Verantwortung übernommen – die Leitung der Bulgarisch-Albanischen Handelskammer. Er erzählte, dass die Idee aus dem ständigen Bedürfnis der Unternehmen entstanden ist, Brücken zu Albanien zu bauen: „Da ich in den letzten Jahren mehrfach Unternehmen beraten habe, die in den albanischen Markt eintreten wollten, wurde dieser Bedarf fast jedes Jahr größer. Ich traf mich auch mit Kollegen, die denselben Trend beobachteten, wir hatten auch die Unterstützung der albanischen Botschaft in Sofia und beschlossen, diese Idee umzusetzen.“
Die Handelskammern haben eine klare Aufgabe: Kontakte knüpfen, Kooperationen vermitteln und die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen. Ervis Taluri stellt fest, dass die Arbeit erste Früchte trägt: „Ja, der Anfang war etwas schwierig, aber wir hoffen, bald Treffen von Wirtschaftsdelegationen zwischen unserer Organisation und anderen Organisationen in Albanien organisieren zu können.“

An Plänen für die Zukunft mangelt es nicht. Er und sein Bruder starten eine neue Initiative – sie vertreten ein Unternehmen, das Bio-Kosmetik in Albanien herstellt. Parallel dazu soll die Handelskammer ihre Aktivitäten auf andere Städte wie Plowdiw ausweiten und so die regionalen und Handelsbeziehungen stärken.
Obwohl es zahlreiche Herausforderungen gibt, sieht Ervis Taluri eine große Chance in der Verbindung seines interkulturellen und beruflichen Lebens. „Das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen ist in erster Linie ein Reichtum, denn jede Kultur bereichert den Charakter eines Menschen. Es ist auch ein Privileg. Nicht jeder Mensch hat diese Möglichkeit, und wir, die wir sie haben, müssen sie nutzen. Das ist eine Chance. Es ist, als würde man aus zwei Fenstern unterschiedliche Landschaften betrachten und die Wahl haben. Falls ich erneut wählen müsste, würde ich dieselbe Wahl treffen“, so Ervis Taluri.

Der Weg von Ervis Taluri zeigt: Albaner in Bulgarien zu sein ist nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern auch eine Möglichkeit, Brücken der Freundschaft zu bauen, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und nachhaltige Beziehungen zwischen den beiden Ländern aufzubauen.
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Übersetzung: Antonia Iliewa
Redaktion: Rossiza Radulowa
Fotos: Privatarchiv von Ervis Taluri
Gestaltet von Rossiza Radulowa