Autor
Zwetana Tontschewa
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Sonntag 18 Januar 2026 10:30
Sonntag, 18 Januar 2026, 10:30
Georgi Slatew-Tscherkin (1905-1977)
FOTO BTA - Archiv
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Bereits in den 1920er-Jahren wurde der junge bulgarische Komponist Georgi Slatew-Tscherkin von Musikkritikern in Wien als „der bulgarische Schubert“ bezeichnet. Der talentierte Schöpfer ist bekannt für Kammerwerke wie das Klaviertrio, die „Pastorale“ für Flöte und Klavier und die unglaublich populäre „Sewdana“ für Violine und Klavier. Daneben komponierte er Operetten, Kantaten, Chormusik und etwa 50 Solo-Lieder zu Texten großer bulgarischer Dichter wie Dimtscho Debeljanow, Geo Milew, Christo Smirnenski, Elissaweta Bagrjana und Blaga Dimitrowa.
Als einer der bedeutendsten Musiker Bulgariens und Inhaber wichtiger Ämter war Slatew-Tscherkin ein herausragender Vokalpädagoge, der Stars wie Aleksandrina Miltschewa und Anna Tomowa-Sintowa ausbildete.
FOTO operasz.bg
Unter seinen Schülern glänzte die großartige Ljuba Welitsch – eine der ersten Bulgarinnen, die die Weltopernbühnen eroberte. Welitsch wurde insbesondere für die Rolle der Salome in Richard Strauss’ gleichnamiger Oper berühmt. Der große Komponist war nur einer von vielen internationalen Musikern, die sich von ihrem Talent beeindruckt zeigten.
Während des Zweiten Weltkriegs verbreitete sich in Bulgarien das Gerücht, dass Ljuba bei einem der Bombenangriffe auf Wien ums Leben gekommen sei. Erschüttert schuf Slatew-Tscherkin daraufhin seine bekannteste vokale Miniatur „Die Blauäugige“ nach dem bewegenden Gedicht von Elissaweta Bagrjana. Glücklicherweise stellte sich die Nachricht vom Tod der schönen blauäugigen und rothaarigen Ljuba Welitsch als falsch heraus, doch „Die Blauäugige“ – durchdrungen von Trauer um einen verloren geglaubten, nahen und hochbegabten Menschen – zählt bis heute zu den beliebtesten Liedern der bulgarischen Klassik.
Es wurde von renommierten Sängerinnen wie Julia Wiener, Blagowesta Karnobatlowa, Krassimira Stojanowa, Nadja Krastewa, Aleksandrina Pendatschanska, Ina Kantschewa und Gabriela Georgiewa interpretiert.
Nur wenige Kenner wissen jedoch, dass sie eine nicht unerhebliche Rolle in der Karriere der großartigen Gena Dimitrowa gespielt hat. Im Repertoire der unvergleichlichen Gena sind bulgarische Werke weniger zahlreich als die Finger einer Hand. „Die Blauäugige“ ist mit ihrem ersten Triumph verbunden – dem ersten Preis und der Goldmedaille beim vierten Wettbewerb für junge Opernsänger in Sofia im Jahr 1970.
Gena Dimitrowa in der Rolle der Abigaille aus Verdis „Nabucco“
FOTO Archiv
Besonders interessant sind die Aufnahmen der ersten und zweiten Runde des Wettbewerbs – aus dem April 1970, als die jungen Sänger Opernfragmente und Kammerminiaturen mit Klavier präsentieren mussten. Gena sang Arien aus Verdis „La forza del destino“ und Mozarts „Don Giovanni“, Lieder von Richard Strauss und Rachmaninow sowie „Die Blauäugige“ von Georgi Slatew-Tcherkin. Die Aufnahme mit dem meisterhaften Pianisten Atanas Atanasow ist Teil eines unschätzbaren Archivs, das ausschließlich beim Bulgarischen Nationalen Rundfunk aufbewahrt wird.
Am Ende ertönt Applaus – der berühmte bulgarische Opernwettbewerb, einst eine der verlorenen musikalischen Prestigetraditionen des Landes, ließ Publikum bei allen Runden zu. Nach der Goldmedaille in Sofia gewann Gena Dimitrowa 1972 auch den ersten Preis beim Wettbewerb in Treviso. Es folgte eine Spezialisierung an der Mailänder Scala und eine weltbekannte Karriere, wie sie heute bekannt ist. Gena Dimitrowa verstarb am 11. Juni 2005. Zwei Jahrzehnte später erinnern wir an sie mit „Die Blauäugige“.
Übersetzung: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov