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Sonntag 11 Januar 2026 11:44
Sonntag, 11 Januar 2026, 11:44
FOTO Wessela Krastewa
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Die ersten Tage des Jahres 2026 zeigen uns, dass wir im Kern doch dieselben bleiben. Mit einer neuen Währung und der Hoffnung auf eine helle Zukunft möchten wir heute von einem kleinen Dorf erzählen, das vielen unbekannt und damit scheinbar „neu“ ist, tatsächlich aber seit Jahrhunderten existiert.
Die Rede ist vom bulgarischen Dorf Vërnik in Albanien. Eingebettet in die Natur, einst umgeben von Weiden und Wasser, trägt es seinen Namen von der Erde selbst, die Generationen von Bulgaren Leben geschenkt hat. Heute ist das Dorf nahezu menschenleer, mit nur noch an die dreißig Einwohnern. Doch seine Geschichten werden bewahrt – in den Herzen und Gedanken der Menschen, die geblieben sind. Ein Team von Radio Bulgarien besuchte Vërnik Ende 2025, am Tag des Dorffestes Heilige Petka, und wurde herzlich vom Bürgermeister Pandi Endriko empfangen. Er gehört zu den wenigen hier Geborenen, die sich entschieden haben zurückzukehren. Sein Bericht ist ein Spiegel des Schicksals Vërniks in den vergangenen Jahrzehnten.
FOTO Wessela Krastewa
„Vor etwa dreißig Jahren, zur Zeit des Kommunismus, verließ fast niemand das Dorf. Damals lebten hier zwischen 450 und 550 Menschen. Nach Beginn der Demokratie begannen die jungen Leute wegzugehen, weil es keine Arbeit gab. Sie wanderten ins Ausland aus – nach Griechenland, Bulgarien, Deutschland, Amerika. So wurde das Dorf nach und nach entvölkert“, erzählte Pandi Endriko. Auch er selbst lebte und arbeitete viele Jahre in Griechenland, kehrte jedoch zurück – zu seinen Eltern, zu seinen Wurzeln.
Eine genaue Antwort auf die Frage „Wann wurde das Dorf gegründet?“ hat der Bürgermeister nicht. Sicher ist, dass seine Wurzeln fast zwei Jahrhunderte zurückreichen, und nicht selten wird ihm der Titel „erstes bulgarisches Dorf“ in Albanien zugeschrieben. Vërnik erinnert sich nicht an das Jahr seiner Gründung, wohl aber an seine Menschen. Sein Anfang ist nicht in Dokumenten festgehalten, sondern verborgen in den Wurzeln der Familien, in den alten Häusern, im Geist Bulgariens als Heimat all seiner Bewohner. So erklärt es auch Pandi Endriko:
FOTO Wessela Krastewa
„Niemand weiß genau, wann Vërnik gegründet wurde. Mein Haus ist mehr als einhundertfünfzig Jahre alt. Meine Familie stammt von hier – meine Urgroßväter und Großväter wurden hier geboren. Alle unsere Vorfahren sind auf dem örtlichen Friedhof begraben.“
Heute leben im Dorf Vërnik noch rund dreißig Menschen, ausschließlich Senioren, alle über fünfundsiebzig Jahre alt. Eine Schule gibt es nicht mehr, Kinder auch nicht. Die Häuser sind alt, die meisten über einhundert Jahre, doch im Sommer erwachen einige von ihnen wieder zum Leben: Kinder aus den Städten und aus dem Ausland kehren zurück, wenn auch nur für ein oder zwei Monate.
Als Bürgermeister kennt Pandi Endriko die Bedürfnisse des Dorfes am besten. Das größte Problem ist die Kanalisation, die stark veraltet und an manchen Stellen gar nicht vorhanden ist. Dennoch vergisst er nicht zu erwähnen, wofür es dankbar zu sein gilt – etwa für die Straße, die zum Dorf führt und mit Unterstützung des bulgarischen Staates renoviert wurde. Die Menschen in Vërnik sind dafür zutiefst dankbar, denn diese Straße ist ihre Verbindung zur Welt.
FOTO Wessela Krastewa
Der größte Schmerz der Einheimischen ist heute der Zustand der Kirche „Heiliger Georg“, die dringend einer Sanierung bedarf. Erbaut im Jahr 1823, überstand sie eine Brandstiftung während des Ilinden-Preobraschensko-Aufstands und wurde von den Dorfbewohnern und der Region Mala Prespa wieder aufgebaut.Während der Herrschaft von Enver Hoxha wurde sie in einen Wirtschaftsraum zum Trocknen von Kleidung umgewandelt. Ende der 1990er Jahre wurde die Kirche wieder restauriert. Heute steht ihre Existenz als Quelle der Hoffnung und des Zusammenhalts wieder auf dem Prüfstand: Das Kirchendach ist in einem sehr schlechten Zustand, die Kirche benötigt eine umfassende Sanierung. „Diese Kirche ist nicht nur ein Gotteshaus, sondern Hüterin des Gedächtnisses der Menschen hier, ein Symbol ihres Glaubens und ihrer Spiritualität“, betonte Pandi Endriko.
FOTO Wessela Krastewa
In die Vergangenheit führt uns auch die archaische bulgarische Mundart von Großmutter Dimana Shano – eine Stimme, in der jedes Wort Emotion trägt und jede Pause Erinnerungen wahrt.
FOTO Wessela Krastewa
„Ihr seid zu unserem Fest Heilige Petka gekommen. Zu diesem Fest wird hier Kohl gekocht. Es wird ein Gericht mit Kohl und Trockenfleisch von Schaf oder Ziege zubereitet. So wurde früher gekocht. Rind- oder Schweinefleisch nahm man nicht, weil das Gericht dann nicht schmeckt. Man nahm Schaf- oder Ziegenfleisch. Es gab auch Kartoffeln und Suppe. So feierte man das Fest“, erläuterte Großmutter Dimana.
FOTO Privatarchiv von Dimana Shano
Früher sei das Dorf wie eine große Familie gewesen, erzählte sie weiter. Alle Häuser waren voll, niemand wanderte aus. Zu den Festen lud man Gäste ein, stellte einen großen Kessel auf, kochte Kohl für alle und bereitete Fleisch mit Kartoffeln zu. „Es gab viele Menschen“, erinnerte sich Großmutter Dimana mit einem nostalgischen Lächeln.
FOTO Privatarchiv von Dimana Shano
Die Frauen von Vërnik sind nicht nur Hüterinnen der Bräuche und Traditionen, sondern kochen auch sehr gut. Zu den traditionellen Gerichten gehören Fasulnik (ein Bohnengericht), Baniza, Börek, Mletschnik (Milchbaniza) sowie Süßspeisen wie Baklawa und viele andere. Das ganze Jahr über waren jedoch die Hochzeitsbräuche das größte Ereignis für alle.
FOTO Privatarchiv von Dimana Shano
„Die Hochzeiten begannen schon am Montag“, erzählte Großmutter Dimana weiter. „Man kaufte Äpfel, und zwei Kinder gingen mit einem Tuch voller Äpfel von Haus zu Haus und verteilten jeweils einen, um zur Hochzeit einzuladen. Heute schickt man schriftliche Einladungen. Danach bereitete man den Teig für den ‚Slanudok‘ (ein Festbrot aus Kichererbsen) vor. Der Slanudok wurde von nahen Verwandten und Cousins zubereitet. Die ganze Verwandtschaft versammelte sich beim Bräutigam, es wurde die ganze Nacht gesungen, man legte sich nicht schlafen, um den Kichererbsenteig zu bewachen. Am nächsten Tag knetete man die rituellen Brote. Die Backöfen waren voll. Es wurden zehn oder elf Bleche mit Festbrot gebacken, oben mit Blumen und Zucker verziert. Am Freitag kamen die Verwandten des Bräutigams, um die Aussteuer der Braut abzuholen. Die Mutter des Bräutigams kaufte den Kleiderschrank. Das ganze Dorf nahm teil. Der Bräutigam lud das ganze Dorf ein, die Braut abzuholen, und alle zogen gemeinsam los. Früher ging wirklich das ganze Dorf mit – egal ob verwandt oder nicht. Alles geschah mit viel Freude, Musik, Liedern und Tänzen unterwegs. Es wurden unterschiedliche Lieder gesungen – von der Seite der Braut und von der des Bräutigams. Der Braut band man ein Hemd an die Hände, und sie wurde von einem kleinen Jungen geführt. In der Mitte des Weges hielt man an, damit der Bräutigam Geld in das Hemd werfen und die Braut ‚kaufen‘ konnte, sonst gab man sie nicht frei. Beim Verlassen ihres Elternhauses verbeugte sich die Braut dreimal, und beim Betreten des neuen Hauses trat sie zuerst mit dem rechten Fuß ein. Man bestrich ihre Hände mit Honig, und sie strich davon auf die Außentür des Hauses, damit das Familienleben süß werde. Unter ihre Achseln legte man Brot, damit das Haus reich und voller Fülle sei.“
FOTO Wessela Krastewa
Die Stimme von Großmutter Dimana und die Erinnerungen von Pandi Endriko führen uns in eine Welt, in der Vërnik lebendig ist – auch wenn seine Straßen still und seine Häuser leer sind. Vërnik lebt durch die Menschen, die seine Geschichte bewahren, durch die Erinnerungen an schöne Tage, an Weihnachten, Neujahr, Sweta Petka und Mitrowden; an Hochzeiten, wenn jedes Haus von Freude, Lachen und dem Duft hausgemachter Speisen erfüllt war. Auch im Jahr 2026 wird Vërnik mit seinen stillen Höfen weiter sprechen – mit den Stimmen der Alten und mit der Wärme jener, die diesen bulgarischen Ort auf fremder Erde lieben. Wie lange noch? Das weiß niemand zu sagen.
Übersetzung: Rossiza Radulowa
Gestaltet von Rossiza Radulowa