Zwischen zwei Welten: Deniza Ürge findet Heimat und Identität in Ungarn

Dienstag, 13 Januar 2026, 16:05

Zwischen zwei Welten: Deniza Ürge findet Heimat und Identität in Ungarn

FOTO Facebook /Denka v Ungariq

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Der Weg von Deniza Ürge nach Ungarn begann nicht mit einem langfristigen Plan oder einer klaren Strategie, sondern mit Liebe und einer spontanen Entscheidung. Die Bulgarin, die heute mit ihrer Familie in Ungarn lebt, lernte ihren zukünftigen Ehemann – einen Ungarn – während ihrer Arbeit in einem Callcenter in Sofia kennen. 
„Er lebte insgesamt vier Jahre in Bulgarien. Wir haben uns im Callcenter in Sofia kennengelernt, und dort begann unsere Geschichte“, erzählte Deniza. 

Ihr erstes Kind wurde in Sofia geboren. Als ihr Mann jedoch ein Jobangebot in Budapest erhielt, traf die junge Familie eine Entscheidung, die ihr Leben veränderte. 

Das majestätische ungarische Parlamentsgebäude in Budapest

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„Ich habe nicht lange darüber nachgedacht. Ich habe einfach gesagt: Wir gehen. Wir waren sehr jung, sehr verliebt. Unser Kind war ein Jahr alt, und wir haben die Risiken nicht analysiert – wir haben einfach gepackt und sind losgefahren“, erinnert sie sich. Das Verlassen des Landes sei jedoch kein Abschied gewesen: „Ich habe das keinesfalls als Flucht aus Bulgarien empfunden. Für mich war es eine natürliche Fortsetzung unserer Geschichte, erklärte Deniza. 

Die ersten Monate in Ungarn waren schwer. Obwohl sie auf die „großen Unterschiede“ vorbereitet war, konfrontierte der Alltag Deniza mit unerwarteten Entbehrungen. 

Schornsteinchen – ein leerer Osterkuchen, auf Holzkohle gebacken und um einen Holzzylinder gewickelt

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„Es fiel mir sehr schwer, mich an das Fehlen von Schafskäse im Laden oder an den Geschmack des Joghurts zu gewöhnen. Plötzlich waren diese vertrauten Dinge verschwunden“, sagt sie. Hinzu kamen die Sprachbarriere, Einsamkeit und die Betreuung eines kleinen Kindes. „Ich habe mich oft gefragt, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe“, gesteht die Bulgarin. Heute blickt Deniza auf diese Zeit als Phase inneren Wachstums zurück: „Das ist passiert, damit ich mich als Mensch neu aufbauen kann“, sagte sie.  

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Ein besonders wichtiges Thema im Gespräch sind die Kinder und ihre Eingliederung in die ungarische Realität. Auch wenn sie sich heute sicher in einer mehrsprachigen Umgebung bewegen, war der Anfang nicht leicht. 
„Als sie in den Kindergarten kamen, brauchten sie etwa ein Jahr zur Eingewöhnung. Sie weigerten sich, Ungarisch zu sprechen, und wollten dort nicht essen“, erzählte Deniza. Allmählich hätten sich die Kinder jedoch angepasst. Heute wechseln sie ganz selbstverständlich zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen – etwas, das ihre Mutter als Reichtum empfindet. 

Die bulgarische Identität nimmt im Familienleben einen zentralen Platz ein. 

„Bis heute spreche ich mit meinen Kindern nicht Ungarisch – nur Bulgarisch“, betont Deniza. In ihrem Zuhause werden bulgarische Gerichte gekocht, Martenizi gebastelt und Kukeri-Masken hergestellt. „Für mich ist es wichtig, dass sie wissen, woher sie kommen“, ergänzte sie. 

Eiersuppe nach ungarischem Rezept

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Über soziale Netzwerke wie YouTube und Facebook teilt Deniza Rezepte, persönliche Geschichten und Eindrücke aus dem Leben in Ungarn. „Ich wollte zeigen, dass glücklich zu sein außerhalb Bulgariens nicht bedeutet, die eigene Identität zu verlieren“, sagte sie. Außerdem sei Ungarn, ihren Worten zufolge, ein Land, über das man in Bulgarien nur wenig wisse. 

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In diesem Zusammenhang spricht Deniza mit besonderem Stolz über die bulgarischen Gärtner, die tiefe Spuren in der ungarischen Geschichte hinterlassen haben. 

Rechts: Mitglieder der „Gesellschaft der Bulgaren in Ungarn“

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„Das ist ein Thema, das in mir unglaublich viel Stolz weckt. Menschen, die im 17., 18. und 19. Jahrhundert kamen, haben den Ungarn Landwirtschaft beigebracht. Sie haben eine bulgarische Schule und eine Kirche gebaut. Wenn jemand die bulgarischen Gärtner erwähnt, freue ich mich immer sehr“, erzählte sie. Heute ist das bulgarische Gärtnerwesen Teil des immateriellen Kulturerbes Ungarns – eine Anerkennung, die das Zugehörigkeitsgefühl stärkt. 

Deniza findet ihre Gemeinschaft sowohl unter den Bulgaren in Ungarn als auch online. Ihre Kinder besuchen eine bulgarische Schule und tanzen Volkstänze.

„Das, was Sie machen, ist eine Schatzkammer“, sagte sie über die Rubrik „Fernab der Heimat“ von Radio Bulgarien. „Hinter jeder Zahl in der Statistik steht ein Mensch mit seinen Träumen, Ängsten und Hoffnungen“, ergänzte Deniza.  

Gedenktafel der bulgarischen Kirche „Hll. Kyrill und Method“ in Budapest

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Und ihr Rat an jene, die darüber nachdenken auszuwandern? 
„Seid mutig. Nehmt eure Sprache, eure Traditionen, eure Erinnerungen – und euren Sinn für Humor – mit in den Koffer.“ 

Die Geschichte von Deniza Ürge zeigt, dass ein Leben im Ausland kein Abschied von Bulgarien ist, sondern eine Möglichkeit, es mitzutragen, zu teilen und lebendig zu halten – auch fern seiner Grenzen. 

Übersetzung: Lyubomir Kolarov 

Gestaltet von Lyubomir Kolarov