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Altertümliches Kukeri-Ritual in Trastenik sorgt für Stimmung im Januar

Donnerstag, 22 Januar 2026, 15:20

Altertümliches Kukeri-Ritual in Trastenik sorgt für Stimmung im Januar

FOTO Volkskulturhaus "Neofit Rilski - 1872", Trastenik

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Die Einwohner von Trastenik wissen seit je her, dass zu Beginn des Jahres ein lang erwarteter Gast zu ihnen kommt, eine folkloristische Figur, ein mythisches Wesen aus Märchen und Legenden, die es lange vor der Erfindung des Buchdrucks gegeben hat. In der volkstümlichen Vorstellung haben Farben und Bilder schon immer eine große Rolle gespielt. So ist es auch im Brauch, von dem wir heute erzählen. Er ist zu einer Art Visitenkarte und Wahrzeichen einer Stadt im Norden Bulgariens in der Nähe von Plewen geworden - Trastenik.

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Jedes Jahr werden am Johannistag(am 7. Januar nach dem gregorianischen Kalender und am 20. Januar nach dem julianischen Kalender) die Häuser von Schembartläufern, Kukeri, besucht, aber nicht von den Männern mit den furchterregenden Masken und schweren Glocken am Gürtel, so wie wir sie kennen. Die Kukeri von Trastenik sind anders, ebenso wie ihr Ritual, das „blinde Stute” genannt wird. Die maskierten Tänzer der Gruppe stellen immer wieder eine Szene nach, bei der eine Attrappe, die eine alte und blinde Stute darstellt, im Mittelpunkt steht. Die Szene nimmt eine komische Wendung, weil die Stute herumhüpft, hinfällt, sich wälzt. Alles hängt davon ab, wie die Bewegungen der Teilnehmer der Maskenspieler synchronisiert sind.

Das Ritual von Laien vom örtlichen Volkskulturhaus aufgeführt. Die Teilnehmer teilen sich in sieben bis acht Gruppen auf, so dass sie so viele Häuser wie möglich in der Stadt besuchen können, um die Bewohner zu belustigen und ihnen Gesundheit, Fruchtbarkeit und gutes Gelingen im Jahr zu wünschen.

Die Sekretärin des Volkshauses „Neofit Rilski 1872“, Galja Kuntschewa, schwört, dass der Brauch „blinde Stute“ einzigartig ist nur in Trastenik in seiner authentischen Form bewahrt wird.

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„Das Volkskulturhaus organisiert seit etlichen Jahren das Kukeri-Fest am Johannistag und das Ritual „blinde Stute“, um böse Geister zu vertreiben und Gesundheit und Wohlergehen für die Bewohner der Häuser zu erbitten, die von der „blinden Stute“ besucht werden“, erzählt Galja Kuntschewa. „Dieses Fest steht in Verbindung zu einer Legende über die Rettung des damaligen Dorfes vor der Zerstörung durch die osmanischen Eroberer.

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Doch es gibt eine weitere Legende, die vom lokalen Amateurkünstler und Bibliotheksmitarbeiter Simeon Kantchew aufgezeichnet und nacherzählt wurde. Dieser Überlieferung zufolge hatte die Bevölkerung des damaligen Dorfes Trastenik einen besonderen Status und konnte ihre Steuern an das Osmanische Reich mit Pferden bezahlen. Die Legende erzählt, dass die Stute eines Bauern namens Iwan erkrankt sein soll. Um sein geliebtes Tier nicht eigenhändig töten zu müssen, habe er es auf dem Feld zurückgelassen. Die Zeit verging und im Dorf brach eine Pferdekrankheit aus, die alle Pferde hinraffte. Eines Tages, mitten im Winter, am 20. Januar, dem Tag des Heiligen Johannes (nach julianischem Kalender), stand dieselbe Stute mit mehreren kleinen Fohlen vor Iwans Tor und als er herauskam, konnte er kaum glauben, was er sah. Die alte Stute brach vor seinen Augen zusammen und starb. Durch ihre Fohlen aber konnten die Bewohner von Trastenik wieder Pferde züchten und so ihre Steuern an den Sultan entrichten. Mit dem Ritual „blinde Stute“ soll an diesen wundersamen Vorfall erinnert werden“, erzählt Galja Kutschewa. Sie berichtet, dass das Ritual um Mitternacht vor dem Johannistag beginnt und alle Einwohner, insbesondere die, die den Namen Iwan tragen, gespannt auf die Ankunft der „blinden Stute“ warten.

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Die Teilnehmer des Maskenspiels versammeln sich im Haus des Anführers und ziehen von dort mit viel Lärm, Gesängen, Rufen und Scherzen durch die Häuser. Jeder freut sich, diese Gäste empfangen zu können und sie mit Handtüchern, Blutwurst, Wein, Popcorn, getrockneten Paprikaschoten, Münzen zu beschenken. Das lustige Treiben wird von Wünschen nach Gesundheit und viel Glück begleitet.

Tatsächlich glauben die Einwohner von Trastenik, dass ihre Gesundheit und ihr Erfolg im Jahr ohne den Besuch dieser sonderbaren Gäste mit der „blinden Stute“ nicht gesichert ist. Deshalb lassen sie die Türen die ganze Nacht über offen in Erwartung der Kukeri.“

 

Interview: Darina Arnaudowa
FotosBTA, Volkskulturhaus Neofit Rilski – 1872“ in Trastenik

Übersetzt und veröffentlicht von Georgetta Janewa