Autor
Wichra Baewa
Artikel
Wein und Weintrauben im Volksglauben der Bulgaren
Aus der Schatzkammer von Radio Bulgarien
Sonntag 1 Februar 2026 14:17
Sonntag, 1 Februar 2026, 14:17
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Wein
und Weintrauben wird auf der Tafel der Bulgaren ein ehrenvoller Platz
eingeräumt und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie auch
in ihrer geistigen Welt eine bedeutende Rolle spielen. Allgemein gilt
der Apfelbaum als der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im Garten
Eden, der zum Sündenfall der ersten Menschen wurde. In einigen
bulgarischen Überlieferungen aber ist von einem Rebstock und nicht
von einem Apfelbaum die Rede. Gott selbst habe den Wein geschaffen
und der Teufel, der es Ihm gleich tun wollte, in einem erfolglosen
Versuch den Brombeerbusch. Beide Früchte reifen zur gleichen Zeit am
Ende des Sommers, aber es gilt seit alters her, dass man vor den
Weintrauben keine Brombeeren essen darf, um nicht unter die Macht des
Teufels zu fallen.
In
den Volksmärchen ist die Rede von Zauberwein, der Menschen in Esel
verwandle und von solchen, die ihnen ihre ursprüngliche Gestalt
wiedergeben. In einem dieser Märchen wird die Geschichte eines
klugen Jünglings erzählt, der mit solchen Zauberweinen der
Zarentochter eine Lektion erteilt, die versuchte, ihn hinters Licht
zu führen. Doch der wundersame Wein tritt nicht allein in den
Märchen auf. Bis heute wächst im Hof des Roschen-Klosters "Mariä
Geburt" ein alter Weinstock, dessen Früchte kinderlosen Frauen
helfen sollen, ein Kind zu bekommen. Viele Pilgerinnen nehmen die
ungewöhnlichen Früchte mit und kehren später ins Kloster mit
Dankesgeschenken zurück.
Von
der rituellen Bedeutung der Weintrauben in Bulgarien zeugt die
Tatsache, dass ihr Anbau bis zur Kelterung von Festen und Verboten
begleitet wird. Weintrauben dürfe man nicht vor Verklärung Christi
am 6. August essen. Die ersten Früchte solle man in die Kirche zur
Segnung bringen und erst dann dürfe man sie essen. Am Fest der
Enthauptung Johannes des Täufers am 29. August dürfe man keine
roten Lebensmittel und Getränke zu sich nehmen, die an das
vergossene Blut des Heiligen erinnern. Daher wurde an diesem Tag nur
weiße Weintrauben und weißer Wein kredenzt.
Die
Weinlese beginnt traditionsgemäß am 14. September. Das Weinjahr
fängt aber bereits am Tag des heiligen Triphon an, der nach altem
Kalender am 14. Februar und nach neuem am 1. Februar geehrt wird. An
diesem Tag erfolgt der erste Schnitt der Weinstöcke. Diesem
christlichen Heiligen wurden im Grunde genommen Eigenschaften der
antiken heidnischen Gottheit Dionysos übertragen, der Wein und
Weintrauben beschützte. Und so tritt uns im Volksglauben der
sanftmütige und gottesfürchtige heilige Triphon, der für den
christlichen Glauben den Märtyrertod erlitt, als „betrunkener
Triphon“ mit einem Glas Wein in der Hand. Der übermäßige
Weingenuss an seinem Festtag gilt demzufolge nicht als Sünde.
Das Verhältnis zum Wein in der Folklore ist zwiespältig. Davon zeugt das Sprichwort „Gesegneter Wein, verwunschene Trunksucht“ und zwei Namen des Weines „Hausbelustiger“ und „Kopfbrecher“. Der Wein gilt einerseits als Symbol für das Blut Christi und wird daher dem Brot gleich verehrt. Es heißt, dass man mit Brot und Wein keinen Zauber machen kann, weil die Teufel ihnen weichen würden. In früheren Zeiten war es sogar üblich, vor dem Weintrinken sich zu bekreuzigen.
Der Wein begleitet den Menschen in den wichtigsten Momenten seines Lebens. Wein gehört wie auch der Reigentanz bis heute unabdingbar zur Hochzeit. Die Neuvermählten trinken Wein, bevor sie in ihr neues Haus treten, um in Liebe und Einvernehmen zu leben. Den hochschwangeren Frauen wurde einst ein wenig Wein verabreicht, um die Geburt zu erleichtern. Nach altem Brauch wurde Wein als eine Art Opfer ins Feuer geschüttet, um dem Neugeborenen Gesundheit zu bescheren. Der Wein ist auch in den Todesritualen vertreten. Wein wird auf das Grab begossen, damit die Erde gnädig ist und den Toten aufnimmt.
Der Wein hat bekanntlich aber auch eine negative Seite, wenn man ihn in größeren Mengen trinkt. Die widersprüchliche Natur des Weines kommt auch in der Legende vom biblischen Noah zum Ausdruck, der den ersten Weinberg bepflanzt habe. Die Weinstöcke solle er mit Blut begossen haben, die so rote Weintrauben gaben. Das Blut stammte von drei Tieren – Lamm, Löwe und Schwein. Das hat seine symbolische Bewandtnis: Wenn man wenig trinkt, ist man zahm und lustig, wie ein Lamm, wenn man mehr trinkt wird man heldenmütig und schrecklich, wie ein Löwe, wenn man ohne Maß trinkt, liegt man wie ein Schwein im Dreck und wird zum allgemeinen Gespött. Und so wird in etlichen bulgarischen Volksliedern vor dem übermäßigen Weingenuss gewarnt.
Die
„Löwennatur“ des Weines ist wohl der Grund dafür, dass in den
Volksepen der Wein immer zu den Helden gehört. In vielen Liedern
sitzen die Helden in kühlen Schenken und trinken roten Wein, bevor
sie sich auf den Weg zu ihren Heldentaten machen, um Drachen zu
töten, Feinden den Garaus zu machen oder versklavte Menschen zu
befreien. Manchmal tritt die Rivalität unter den Helden in der Form
des Wetttrinkens auf. Der größte Held der Balkanregion, Krali
Marko, wird als „Weintrinker“ besungen. Zu Mittag verspeiste er
einen ganzen Ochsen, aß Brote aus drei Backöfen und trank dazu
ganze drei Fässer Wein.
Übersetzung:
Vladimir Daskalov
Die
Weinrebe gilt in Bulgarien auch als Symbol der Schönheit und
Fruchtbarkeit, was seinen Ausdruck in einigen Vornamen findet, wie
Grosdan und Grosdanka, Losan, Losanka oder Losinka – ableitet von
den bulgarischen Worten für Trauben und Rebstöcken – „Grosde“
und „Losa“. Einige Dörfer in Bulgarien haben Namen, die mit dem
Wein verbunden sind, wie Winarowo, Winarsko, Winiza, Winischte,
Winograd, Winogradi oder Winogradez.
Redaktion:
Wladimir Wladimirow
Gestaltet von Rossiza Radulowa