Der Rogosen-Schatz erzählt seit vier Jahrzehnten vom Leben der Thraker

Sonntag, 8 Februar 2026, 15:35

Der Rogosen-Schatz erzählt seit vier Jahrzehnten vom Leben der Thraker

FOTO Iwo Iwanow

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Keine bulgarische Ausstellung im Ausland über die Thraker kommt ohne Teile aus dem Rogosen-Schatz aus. Er ist der größte bekannte Schatz an antiken Objekten aus Bulgarien und umfasst 165 silberne Kannen, Becher und Phialen, von denen einige vergoldet sind. Die Gefäße sind mit mythologischen Szenen und stilisierten Darstellungen verziert. Während andere thrakische Schätze meist zufällig entdeckt wurden, geschah dies beim Rogosen-Schatz in zwei Phasen: die erste zufällig, die zweite das Verdienst der Archäologen des Museums von Wraza im Januar 1986, erklärt der Archäologe Prof. Narzis Torbow von der Universität für Bibliothekswissenschaft und Informationstechnologien. 

Ende 1985 fand ein Traktorist aus dem Dorf Rogosen (Nordwestbulgarien) beim Graben eines Bewässerungsgrabens auf einem Privatfeld einen Haufen mit 65 Gefäßen. Der Bauer hielt sie zunächst für kirchliches Gerät und übergab die Funde später dem Rathaus. 

Prof. Narzis Torbow

FOTO Iwo Iwanow

„Nach Neujahr kamen drei Archäologen und sahen die 65 Gefäße in einer Kiste im Rathaus. Das große Verdienst haben die Kollegen vom Museum in Wraza, insbesondere Bogdan Nikolow“, erzählt Prof. Torbow. „Sie erinnerten sich an eine frühere Entdeckung in Misia, im Gebiet Gladno Pole, wo Alexander Witanow 1925 Gefäße fand und 1935 einen zweiten Teil an fast derselben Stelle. Als Bogdan Nikolow und seine Kollegen die Kiste sahen, bemerkten sie Ähnlichkeiten zu den Kannen im Bukjowski- oder Misia-Schatz. Natürlich vermuteten sie, dass es auch hier einen zweiten Teil geben könnte, wie beim Misia-Schatz. Bei archäologischen Untersuchungen entdeckten sie am 6. Januar fünf Meter nordwestlich vom ersten Fund die zweite Hälfte – exakt 100 Gefäße.“ 

Die Entdecker des Rogosen-Schatzes (von links nach rechts) – die Archäologen Spas Maschow, Bogdan Nikolow und Plamen Ivanow

FOTO RHM - Wraza

Über die Herkunft des Schatzes gibt es viele Theorien. Wahrscheinlich handelte es sich um Kriegsbeute, die beim Rückzug des makedonischen Königs Philipp II. versteckt wurde, der 339 v. Chr. von den thrakischen Tribalen besiegt und am Bein verwundet wurde.  

FOTO Iwo Iwanow

Eine andere Theorie besagt, dass der Schatz dem lokalen Herrscher gehörte, über Generationen gesammelt wurde und ein Trinkservice, vermutlich für Wein, darstellte. Die Gefäße stammen aus verschiedenen Epochen und tragen Inschriften früherer Besitzer, was auf ein über Generationen gewachsenes Set hinweist, das bei Herrscherfesten der Thraker verwendet wurde. 

Abgekratzte Graffiti von den Inschriften auf den Gefäßen mit den Namen der Geber und der Beschenkten

FOTO Iwo Iwanow

Die kunstvolle Verarbeitung und die mythologischen Szenen lassen zwei Typen unterscheiden: einige wurden von griechischen Handwerkern in hellenistischer Tradition hergestellt, z. B. eine feine Phiale mit Herakles und der Priesterin Auge. Andere stammen von lokalen Handwerkern und zeigen thrakische Mythologie.  

Phiale – Aige und Herakles

FOTO Iwo Iwanow

„Diese Szenen sind besonders wertvoll, weil die Thraker keine eigene Schrift hatten. Alles, was wir über ihre Mythologie wissen, stammt aus Berichten von Griechen, die durch ihr Land reisten. Der Rogosen-Schatz liefert daher direkte Zeugnisse der religiösen Vorstellungen der Thraker im Nordwesten Bulgariens“, erklärt der Forscher. 

Thrakische Göttin

FOTO Iwo Iwanow

Teilweise sind Gefäße beschädigt, vermutlich durch die geringe Silberqualität, doch gerade das macht den Schatz interessant, da zahlreiche Theorien über die thrakischen Mythologien entstehen und weiterentwickelt werden. Prof. Torbow betont, dass bei der Interpretation Vorsicht geboten ist: „Hinter den mythologischen Szenen stehen Handwerker, die das Leben und die Religion der Thraker realistisch darstellten. Übertreibungen schaden dem Verständnis.“ 

Bikonische Kanne, die teilweise zerstört ist

FOTO Iwo Iwanow

Heute werden Teile des silbernen Rogosen-Schatzes im Nationalen Historischen Museum aufbewahrt, andere im Regionalmuseum von Wraza gezeigt. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov 

Gestaltet von Lyubomir Kolarov