Autor
Diana Zankowa
Nachricht
Montag 9 Februar 2026 16:05
Montag, 9 Februar 2026, 16:05
FOTO freepik.com
Schriftgröße
In Bulgarien wurden zuletzt Fälle aufgedeckt, die auf die Befriedigung niederer Instinkte hindeuteten und, wie sich zeigte, langfristige Spuren hinterlassen. Das Filmen von Tierquälerei, das Anbringen von Kameras in Kosmetiksalons und gynäkologischen Praxen sowie das Verbreiten der Aufnahmen auf Pornoseiten lassen sich oberflächlich erklären: durch Rückendeckung, die Annahme, nicht entdeckt zu werden, oder schlichte menschliche Dummheit. Nach Erkenntnissen der Psychologie steckt jedoch eine komplexe Kombination aus Persönlichkeitsdefiziten und einem sozialen Umfeld dahinter, das dieses Verhalten nicht nur zulässt, sondern auch normalisiert.
Der Sozialpsychologe Doz. Nikolaj Dimitrow verwendete den Begriff der Dehumanisierung des Opfers, um zu erklären, warum das Aufzeichnen und Verbreiten von Gewaltbildern oder intimen Momenten für die Täter zur Unterhaltung werde. Hinzu komme das Phänomen der moralischen Distanz, bei dem die Urheber die Folgen ihres Handelns nicht wahrnähmen, während ihnen das Umfeld Anonymität und ein Gefühl der Straflosigkeit biete.
Doz. Nikolaj Dimitrow
FOTO Ani Petrowa
„Im Kern solcher Normverletzungen steht das Streben nach Macht und Kontrolle über ein Lebewesen – sei es ein Tier oder ein Mensch –, über den Körper, den persönlichen Raum und letztlich über das Leiden des Anderen“, sagte Nikolaj Dimitrow. Dies sei ein Versuch, innere Leere, mangelnde Empathie oder ein Bedürfnis nach eigener Bedeutung zu kompensieren. Blieben solche Handlungen ohne moralische und institutionelle Reaktion, begännen sie sich zu reproduzieren, so Dimitrow.
Geld spiele bei diesen Exzessen meist nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sei vielmehr, dass Inhalte im Internet durch Klicks, Likes, Kommentare und Teilungen Aufmerksamkeit erhielten und damit zu einer Quelle von Prestige würden. Vor diesem Hintergrund entschieden sich Menschen, die Unregelmäßigkeiten vermuteten, häufig dafür, Abstand zu halten.
Am häufigsten handle es sich um den sogenannten Bystander-Effekt, erklärte der Psychologe. Je mehr Menschen wüssten oder ahnten, dass etwas geschehe, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit, dass jemand reagiere. Verantwortung löse sich auf, jeder warte darauf, dass ein anderer die Initiative ergreife. Hinzu komme die Angst vor Repressionen. Es entstehe eine Kultur des vorsichtigen Schweigens, in der Angst dominiere und Passivität zwar verständlich, gesellschaftlich jedoch schädlich sei.
Vorsicht, Distanz und das Wegsehen – trotz des Wissens, dass auch Schweigen Schuld bedeute – erlaubten jedoch keine pauschale Diagnose für die gesamte Gesellschaft.
FOTO freepik.com
„Validiert werden müssen die sozialen Bedingungen, die solche Exzesse mitunter unsichtbar machen“, meinte Dimitrow. Extremes Verhalten trete dort hervor, wo Normen unklar, Sanktionen inkonsequent und gesellschaftliche Reaktionen verspätet oder zögerlich seien. Am gefährlichsten sei nicht die Tat selbst, sondern die Stille um sie herum, weil sie diese erst möglich mache.
Woher müsse also die Erziehung zur Empathie kommen?
„Von allen Sozialisationsinstanzen, an erster Stelle von der Familie“, betonte der Psychologe. Wenn Eltern stark beansprucht seien und ihren Kindern zu wenig Aufmerksamkeit schenkten, fehle die Grundlage für das Erlernen zentraler sozialer Kompetenzen. Auch im formalen schulischen Umfeld werde häufig nicht ausreichend daran gearbeitet. Nicht zuletzt spiele die Religion als über Jahrhunderte wirksamer Faktor der Persönlichkeitsbildung eine Rolle – doch die Bulgarische Orthodoxe Kirche befinde sich in einer institutionellen und moralischen Krise und ziehe sich aus gesellschaftlichen Funktionen zurück. Hinzu kämen die Medien als mächtiger Sozialisationsfaktor: Werde mediale, insbesondere visuelle Gewalt Teil des Programms, normalisiere sie sich und werde als Bestandteil des Alltags wahrgenommen.
FOTO BTA
„Es ist wichtig, dass die Gesellschaft reagiert“, sagte der Psychologe abschließend. Ob die Strafverfolgungsbehörden ihre Arbeit erfüllten, bleibe zu hoffen, denn einer der zentralen Mechanismen sozialer Kontrolle sei die klare und konsequente Reaktion der Institutionen.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov