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Joan Kolew
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Mittwoch 18 Februar 2026 16:15
Mittwoch, 18 Februar 2026, 16:15
Zwetan Dimow
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„Sei positiv, egal was dir passiert“ – in diesen Worten wurzelt der Optimismus unseres Landsmannes Zwetаn Dimow, dessen Lebensweg Stoff für einen Roman oder einen Film bieten würde. In Sofia geboren, lebte er bis zu seinem zwölften Lebensjahr in Bulgarien. Dann zog er mit seinen Eltern, beide Ärzte, nach Japan. Neben dem Kulturschock, den der Besuch einer ausschließlich japanischen Schule mit sich brachte, musste sich Zwetаn auch an eine neue Anrede gewöhnen: Man nannte ihn „Zubetan“, da es im Japanischen den Laut „w“ nicht gibt und er nicht ausgesprochen werden kann.
„Ich brauchte drei bis vier Monate, um die beiden Alphabete zu lernen, die im Japanischen verwendet werden – Hiragana und Katakana. Der Fehler war, dass ich mit Katakana begann, das nur für Fremdwörter und ausländische Namen benutzt wird“, erinnert sich Zwetаn. „Irgendwann merkte ich, dass ich nichts lesen konnte – außer meinem eigenen Namen und der Aufschrift auf Joghurtbechern: ,Burgaria‘. Wenn man mich fragte, woher ich komme, wiederholte ich dieses Wort, und alle lachten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ich aus einem Joghurtbecher komme.“
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Um Japanisch zu lernen, müsse man die Kultur und die Denkweise der Menschen verstehen. Eine der ersten Besonderheiten, mit denen der Bulgare konfrontiert wurde, seien die „zwei Gesichter“ der Japaner, die mit den Begriffen tatemae und honne beschrieben werden. Tatemae bezeichnet das Verhalten in der Öffentlichkeit, um niemanden zu verletzen, während honne das ist, was man tatsächlich über sein Gegenüber denkt.
Von Zwetаn Dimow erfahren wir auch, dass es in der Millionenmetropole Tokio ein wachsendes Interesse an der Sprache und Kultur des kleinen Balkanlandes gibt. Immer mehr Japaner lernen Bulgarisch – eine Sprache, die für Ausländer alles andere als leicht ist. In Japan werden sogar Rhetorikwettbewerbe auf Bulgarisch organisiert.
FOTO Botschaft der Republik Bulgarien in Japan
„Seit dem vergangenen Jahr organisiert die bulgarische Botschaft in Tokio Rhetorikwettbewerbe auf Bulgarisch für Japaner. Es gibt zwei Universitäten – auf der nördlichen Insel Hokkaidō und in Tokio –, an denen Bulgarisch unterrichtet wird. Die Japaner beschäftigen sich zunehmend intensiver mit unserer Kultur, Sprache und Denkweise. Sie reisen gern nach Bulgarien, einige leben bereits dort. Zu ihren Lieblingsorten zählen die Belogradtschtiker Felsen, das Rila-Kloster, die Bojana-Kirche, Warna, Burgas, Smoljan und die Rhodopen. Der Rhetorikwettbewerb auf Bulgarisch ist jedoch einzigartig“, sagte Dimow.
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Da Bulgarien auf demselben Breitengrad liegt wie die nördliche Insel Hokkaidō, wissen viele Japaner, dass man auch hier Ski fahren kann. Zudem arbeiten in Japan zahlreiche bulgarische Skilehrer.
Eine Zeit lang arbeitete Dimow in Tokio als Verkäufer bulgarischer Rosenprodukte – Öl, Rosenwasser – sowie von Rakija und Wein. Er erzählt, die Japaner seien von den natürlichen bulgarischen Erzeugnissen beeindruckt und wüssten längst mehr über Bulgarien als nur über Joghurt, Wein und die Sumo-Legende Kalojan Machljanow – Kotoōshū.
Dimow selbst wurde zum Meister der Kalligrafie und kann sie sogar unterrichten. Lehrer zu sein, sagt er, sei eine Berufung.
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„Meine erste Begegnung mit Reispapier hatte ich in der Schule. Man sagte mir, ich solle den Arm im 90-Grad-Winkel in der Luft halten, keine Angst vor Fehlern haben und konzentriert bleiben. Der Pinsel wird nicht wie ein Kugelschreiber gehalten – man malt mit Schwung. Außerdem schreibt man immer auf der glatten Seite des Reispapiers, denn auf der rauen verläuft alles. Deshalb tastet man vor dem Schreiben stets die Papierseite ab“, erklärt Dimow. „Wichtig ist, mit dem Herzen zu malen. Schon in Bulgarien lag mir die bildende Kunst, und das Japanische selbst gleicht mit seinen vielen Schriftzeichen einer Kunstform.“
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Im Jahr 2020 kehrte Dimow nach Bulgarien zurück und beschloss, bulgarischen Kindern in Japan dabei zu helfen, den Bezug zu ihrer Heimat zu bewahren. So entstand die Online-Schule „Sladkopojna Tschutschuliga“, die bis zur Gründung der Sonntagsschule „Wassil Lewski“ an der bulgarischen Botschaft in Tokio bestand.
Heute lebt Dimow in Sofia, arbeitet mit beiden Sprachen – Bulgarisch und Japanisch – und verschweigt nicht, dass er relativ leicht beruflich Fuß fassen konnte, auch mithilfe der Initiative „Bulgaria wants you“, die in den vergangenen Jahren die Verbindung zwischen Arbeitgebern im Land und jungen Bulgaren im Ausland gestärkt hat.
FOTO Bulgaria Wants You
Seine Rückkehr vor sechs Jahren verlief jedoch nicht ohne einen sogenannten umgekehrten Kulturschock. Was überraschte ihn in Bulgarien?
„Manchmal wirke ich vielleicht frischer und strahlender als andere und erscheine den Menschen deshalb seltsam. Außerdem gibt es in Japan keine streunenden Katzen und Hunde – die Gemeinden nehmen sie auf und kümmern sich um sie. Auch an den Verkehr musste ich mich erst gewöhnen: Dort fährt man links mit dem Lenkrad rechts, hier ist es umgekehrt. Aber ich habe verstanden, dass es in Bulgarien am wichtigsten ist, ,out of the box‘ zu denken, mehr Fantasie zu haben und sich nicht zu scheuen. Trotzdem finde ich, dass das Autofahren in Sofia schwieriger ist als in Tokio“, sagte Dimow abschließend.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov