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Die Schriftstellerin Sdrawka Ewtimowa: Unsere Gesellschaft steht am Abgrund

Dienstag, 24 Februar 2026, 13:16

Sdrawka Ewtimowa

Sdrawka Ewtimowa

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In den letzten Wochen wurde die bulgarische Gesellschaft von einem Gefühl des Zerfalls der Institutionen erschüttert. Wir wurden Zeugen des entsetzlichen Kasus „Petrochan“ mit sechs Todesopfern, von Beziehungstaten, der Verbreitung von Aufnahmen mit Gewalt gegen Tiere sowie illegal gefilmten Videos aus Kosmetiksalons auf pornografischen Internetseiten. Das Gefühl der Straflosigkeit ist greifbar, und die Geisterbahn scheint keine Endstation zu haben. Und all dies geschieht am Vorabend bevorstehender vorgezogener Parlamentswahlen.

Unsere Gesellschaft steht vor einem Abgrund“, warnte die international anerkannte bulgarische Schriftstellerin Sdrawka Ewtimowa in einem Interview für den Bulgarischen Nationalen Rundfunk.

Ihren Worten zufolge verschwinden Menschlichkeit und Humanität dort, wo das Geld die Hauptrolle zu spielen beginnt: „Ich bin der Ansicht, dass gerade das Virus der Gier die Ursache all dieser Katastrophen ist – für die Morde, für die Qual, für den Spott über die Menschlichkeit, für die Pädophilie. Mit anderen Worten: Die niedrigsten Triebe führen zu den schnellsten und leichtesten Gewinnen“, sagt Ewtimowa.

Warum sind wir so weit degeneriert? Braucht es Umerziehung, oder sollten gerade Schriftsteller und Kulturschaffende eine Art Front bilden, um die um sich greifende Geistlosigkeit und Grausamkeit aufzuhalten?

An Umerziehung glaube ich kaum, sobald das Virus der Geldgier einmal ausgebrochen ist. Das einzige Mittel dagegen ist, dass ein Mensch Wissen, Fähigkeiten und Qualitäten besitzt. Wer sein Geld mit den Kenntnissen verdienen kann, die er im Laufe seines Lebens erworben hat, wird dem Virus der Habgier standhalten. Und die Gier siegt dort, wo sich die niederen Leidenschaften des Menschen entfesseln – Mord, Pädophilie, Unzucht... Das ist natürlich eine Degradierung und ein Maßstab dafür, wie die Gesellschaft mit den Problemen, denen sie gegenübersteht, umgeht und ob sie sie bewältigen kann oder nicht. Diese Degradierung zeigt: Wir haben zugelassen, dass Unwissenheit und Ignoranz die Oberhand gewinnen, denn der Unwissende, der Ignorante schnappt sich das schmutzige Geld. Geld wird zum einzigen Maßstab dafür, ob man etwas wert ist.“

Ein Ansatz zur Bewältigung des Sittenverfalls ist der Glaube.

Der Glaube ist der größte Gegensatz zum Wunsch, zu erniedrigen, Schmerz zuzufügen und Leid in eine finanzielle Ressource zu verwandeln. Wenn ein Mensch nicht von Kindheit an zu solchen Werten erzogen wurde, erliegt er leicht der Versuchung, die Erniedrigung anderer, Schmerz und Schandtaten zur Quelle von Reichtum zu machen. Das ist für mich niederschmetternd, und ich denke, dass wir als Gesellschaft zugelassen haben, dass schmutziges Geld in hohem Maße das Bewusstsein der Menschen beherrscht. Wenn es Kunden für solche Sachen gibt, die Schmerz in Reichtum verwandeln, bedeutet das, dass die Gesellschaft tatsächlich vor einem Abgrund steht. Ich habe Angst, aber Angst hat den Menschen noch nie geholfen. Angst ist nur ein Signal. Sie ist wie ein Messerstich in die Herzgegend – nicht die Angst, sondern die Maßnahmen zur Heilung des Verwundeten sind entscheidend. Ich denke, die Rolle von Strafe, Gerechtigkeit und Rechtsprechung ist enorm. Gerade deshalb ist der Kampf um Rechtsstaatlichkeit in unserem Land so wichtig. Niemand sollte sich aufgrund seines Geldes freikaufen oder sich als unschuldig darstellen können. Wenn Justiz es einem erlaubt, sich mit Geld von Schuld freizukaufen, dann nennt man das nicht Gerechtigkeit – dann ist sie selbst Teil des Verbrechens. Wo Geld zum einzigen Maßstab für Erfolg wird – wehe einer solchen Gesellschaft!“

Ein Künstler wird stets von Gefühlen geleitet. Der Schreibende beobachtet das Leben und hält es im Geschriebenen fest. „Manche schreiben, um sich ihr Gefühl von Anständigkeit zu bewahren. Talent kann nicht in einer Atmosphäre von Unterwürfigkeit leben – es ist die Antithese von Gehorsam und Anbiederung“, betonte abschließend die Autorin der Erzählung „Maulwurfsblut“, die in den USA Teil des Literaturunterrichts ist.


Übersetzung: Rossiza Radulowa