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Die deutschen Stimmen Radio Bulgariens:

Ralf Petrow: Die Deutsche Redaktion von Radio Bulgarien ist in meinem Herzen

Die Medien müssen die Phase finanzieller Schwierigkeiten überwinden, um für junge Menschen wieder attraktiver zu werden

Sonntag, 22 Februar 2026, 15:45

Ralf Petrow

Ralf Petrow

FOTO Privatarchiv

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Die deutschsprachigen Programme des Auslandsdienstes des öffentlichen Rundfunks, dessen Nachfolger heute Radio Bulgarien ist, haben eine lange Geschichte. Bereits 1937 wurden sie auf Kurzwelle über Radio Sofia ausgestrahlt. Bis 1941 unterschieden sich die deutschen Sendungen in ihrer Dauer nicht von jenen auf Französisch, Italienisch, Englisch und Esperanto, doch ab Mitte des Jahres dominierten sie zunehmend das Programm. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwand Deutsch vorübergehend aus dem Auslandsprogramm, kehrte jedoch bald zurück. Im Laufe der Jahre wechselte die Zahl der Übersetzer und Sprecher im Team; in der Blütezeit der Redaktion zählte sie 10 bis 12 Mitglieder. Einer von ihnen war der Journalist Ralf Petrow, der 1987 zur Redaktion stieß. 

FOTO MUSEUM FÜR RADIOGESCHICHTE PROF. DR. „WESSELIN DIMITROW“

„Ein Jahr zuvor war ich im Rahmen eines Austauschprogramms mit der Sofioter Universität an der Humboldt-Universität in Berlin, wo ich Germanistik studierte. Im Wohnheim lebten auch andere Bulgaren, darunter eine Studentin, die bereits mit der deutschen Redaktion zusammenarbeitete. Sie empfahl mir, mich beim Bulgarischen Nationalen Rundfunk zu melden, wo es einen Jugendklub gab“, erinnerte sich unser Gesprächspartner an seine ersten Schritte. „Als ich nach Bulgarien zurückkehrte, nahm ich Kontakt mit der deutschen Redaktion auf und ging einmal im Monat in diesen Klub, wo wir verschiedene Jugendthemen auf Deutsch diskutierten. Ein Jahr später reiste eine Kollegin aus der deutschen Redaktion zu ihrer Hochzeit nach Plowdiw und lud alle Kolleginnen und Kollegen ein. Am Tag der Hochzeit stellte sich heraus, dass niemand da war, der die Abendnachrichten moderieren konnte. Damals schenkte man mir das Vertrauen – das war mein erster echter Einsatz in der Redaktion“, sagte Petrow.

Kurz darauf wurde Ralf Petrow offiziell Teil des Teams, sodass sich die Alternative erübrigte, als Deutschlehrer irgendwo im Land eingesetzt zu werden. Sein beruflicher Weg blieb fortan mit den Medien verbunden. Obwohl er seit Jahrzehnten nicht mehr zur deutschen Redaktion von Radio Bulgarien gehört, bewahrt er lebhafte Erinnerungen an die Kolleginnen und Kollegen, mit denen er im „Alten Haus“ gearbeitet hat. 

Foto aus dem Jahr 1990. Von links nach rechts sitzend: Barbara Müller, Maja Stefanowa, Georgetta Janewa, Wladimir Wladimirow und stehend: Bistra Usunowa, Ralf Petrow, Margarita Georgiewa und Radoslaw Dikow

FOTO MUSEUM FÜR RADIOGESCHICHTE PROF. DR. „WESSELIN DIMITROW“

„Wir hatten eine großartige Chefin – Swetlana Wlajkowa, alle nannten sie Suni. Maja Stefanowa und Margarita Georgiewa, die leider nicht mehr unter uns sind, gehörten ebenfalls zur Redaktion. Außerdem Radoslaw Dikow, Bistra Usunowa, die jetzt bei der Deutschen Welle arbeitete, und Katja Pawlowa. Als Dolmetscherinnen und Sprecherinnen waren Regina Indschewa, Elvira Bormann und Barbara Schütz-Nikolowa tätig – sie kamen aus der DDR, waren mit Bulgaren verheiratet und lebten in Sofia“, ergänzt Petrow.  

Heute produziert die deutsche Redaktion das werktägliche Online-Programm „Bulgarien heute“, in dem über das Leben im Land berichtet, touristische Ziele vorgestellt und gute bulgarische Musik präsentiert wird. Bis 2012 erfolgte der Kontakt zum Publikum hauptsächlich über Kurzwelle. Ralf erinnert sich noch gut an das damalige Programmschema.

„Es gab zwei Blöcke, darunter einen abendlichen mit Nachrichten, politischen Kommentaren, Kultur, Tourismus und Volksmusik. Obwohl wir von den Jahren vor den demokratischen Umwälzungen von 1989 sprechen, bemühte sich das Team, übermäßige Propaganda zu vermeiden. An unserer Tür hing sogar ein Schild, dass das die Redaktion für Sendungen für die Bundesrepublik Deutschland und Österreich ist. Unsere Ausrichtung galt Westeuropa. Die Idee war zu zeigen, wie gut wir im Osten leben. Es bestand dabei immer die Gefahr, das wir an der Parteilinie vorbei sind, nicht so zu klingen wie auf Parteikongressen. Ich behaupte, dass das, was wir sendeten, wirklich interessant war – mit Fokus auf die Geschichte, Kultur und Musik Bulgariens – Dinge, die die Menschen mehr interessieren als trockene Politik. Unser Ziel war es, ein interessantes Bulgarien zu präsentieren, trotz der damaligen Teilung Europas, sagte Ralf Petrow.  

Von links nach rechts: Vera Dobreva, Aleko Djankow, Vessela Vladkova, Albena Kostowa, Alexandar Alexandrow, Wladimir Wladimirow, Petar Georgiew, Rossiza Radulowa, Wladimir Daskalow und Georgetta Janewa

FOTO MUSEUM FÜR RADIOGESCHICHTE PROF. DR. „WESSELIN DIMITROW“

Besonders beeindruckt war er von den Hörerbriefen. Dadurch erfuhr er, dass es Ende der 1980er-Jahre noch Deutsche in Bulgarien gab, die nach dem Zweiten Weltkrieg geblieben waren, ebenso wie viele Urlauber, die unser Land liebgewonnen hatten – und eine große Begeisterung für die bulgarische Volksmusik zeigten. 

„Als junger Mensch hörte ich ganz andere Musik und wunderte mich, wie Menschen in Deutschland von der bulgarischen Volksmusik begeistert sein konnten. Aber es war die Zeit des Mysteriums der bulgarischen Stimmen‘, und sie sorgten dort für enormes Aufsehen“, fügte Petrow hinzu. 

Seine Leidenschaft für neue Musik machte Ralf Petrow zum Fan der damals legendären Radiostimmen, der Musikjournalisten Toma Sprostranow und Jordan Georgiew. 

Mit Toma Sprostranow im Studio vom Programm „Horizont“

FOTO viabulgaria.com

„Schon bevor ich im Rundfunk anfing, hörte ich regelmäßig ihre Sendungen ‚Musikalische Leiter‘ und ‚Pulsierende Noten‘ – mit dem Finger auf der Aufnahmetaste, um interessante Stücke mitzuschneiden. Vom ersten Tag an fieberte ich darauf hin, sie kennenzulernen, denn für mich waren sie Idole. Glücklicherweise lag neben unserem Studio die Kabine, in der Schallplatten auf Tonbänder überspielt wurden“, sagte Petrow. 

Einmal bat ihn Toma Sprostranow, den Text eines Liedes zu prüfen. Als er merkte, wie sehr Ralf sich für Musik interessierte, überließ er ihm für eine Nacht die Schallplatten, die er jede Woche aus Plowdiw mitbrachte, damit er sie überspielen konnte. Mehrmals vertrat Ralf Petrow ihn sogar als Moderator von „Pulsierende Noten“. Später lernte er auch Jordan Georgiew kennen, den er gelegentlich in dessen Sendung „Musikalische Leiter“ vertrat. 

FOTO viabulgaria.com

Indirekt – dank dieser Kontakte und einer Musikzeitschrift – erfuhr Ralf 1989 von einem Musikforum in Ost-Berlin mit großen Plattenfirmen und Produzenten. Er wurde als Journalist aus Bulgarien dorthin entsandt – eine ungeahnte Chance. Im Jahr darauf wurde er zu einer ähnlichen Messe nach Köln eingeladen, wo er über Urheberrechte in Osteuropa sprechen sollte. Dort besuchte er auch den Stand des bekannten Musikmagazins Popcorn. 

„Ich stellte mich vor, hinterließ eine Visitenkarte, und einige Monate später rief man mich an – sie wollten mit mir zusammenarbeiten. Wir schrieben das Jahr 1992, als ich beschloss, den Rundfunk zu verlassen und in die Privatwirtschaft zu wechseln. Gemeinsam mit Radoslaw Dikow, der auch von der deutschen Redaktion kam, und Jugendfreunden gründeten wir die bulgarische Lizenzausgabe von Popcorn. Es ermöglichte uns, die Kontakte zum Rundfunk aufrechtzuerhalten, da wir hauptsächlich über Musik schrieben, oft in Musiksendungen zu Gast waren und Abonnements als Preise zur Verfügung stellten“, erklärte Petrow.  

1993 – Treffen mit den Scorpions vor ihrem Konzert im Stadion Wassil Lewski

FOTO viabulgaria.com

Das Magazin existierte bis 1997. Nach einem Zwischenstopp beim Bulgarischen Nationalen Fernsehen wechselte Ralf Petrow das Themenfeld und wurde Teil der Redaktion eines der weltweit bekanntesten Automagazine mit bulgarischer Ausgabe und ist heute ihr Herausgeber. Die Medien sind sein Schicksal geblieben und er hört nicht auf, Bulgarien im Herzen des europäischen Publikums zu verankern. 

Mit Joan Kolew von Radio Bulgarien

FOTO Joan Kolew

„Die Medien lehren Disziplin, Neugier und Interesse an der Welt um uns herum. Für junge Menschen ist es derzeit nicht leicht, aber wenn man die positiven Seiten entdeckt – mit Gleichgesinnten und guten Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten –, dann sind die Medien ein sehr angenehmer Ort zum Arbeiten. Ich hoffe aufrichtig, dass sie die Phase der finanziellen Schwierigkeiten überwinden, damit sie für junge Menschen wieder attraktiver werden. Für mich waren die Medien immer ein Magnet – sie haben mich begeistert und mir nur Gutes gegeben. Ich wünsche dem Rundfunk und dem Team viel Erfolg – sie werden immer in meinem Herzen bleiben, denn hier hat für mich alles begonnen“, sagte Ralf Petrow abschließend.  

Übersetzung: Lyubomir Kolarov

Redaktion: Rossiza Radulowa