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Lyubomir Kolarov
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Mittwoch 25 Februar 2026 17:36
Mittwoch, 25 Februar 2026, 17:36
FOTO Deutsche Botschaft in Sofia
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Am 2. März beginnt für zwei junge Bulgarinnen und Bulgaren ein neues Kapitel: Lora Warbanowa und Konstantin Pramatarow reisen nach Berlin, um am Internationalen Parlamentsstipendium (IPS) des Deutschen Bundestages teilzunehmen. Das Programm zählt zu den renommiertesten Förderinitiativen für junge Akademikerinnen und Akademiker mit ausgeprägtem Interesse an Politik und demokratischen Prozessen. Es eröffnet die Möglichkeit, mehrere Monate im Deutschen Bundestag mitzuarbeiten, einen Abgeordneten im parlamentarischen Alltag zu begleiten und parallel an einem universitären Begleitprogramm in Berlin teilzunehmen.
Die feierliche Verleihung der Stipendienurkunden fand am 18. Februar in der Deutschen Botschaft in Sofia statt. Gastgeberin des Empfangs war die deutsche Botschafterin Irene Maria Plank, die die Bedeutung des Programms für den deutsch-bulgarischen Austausch hervorhob. Das IPS sei nicht nur ein Praktikum, sondern ein intensiver Einblick in parlamentarische Prozesse und demokratische Entscheidungsfindung – und zugleich ein Netzwerk, das junge Führungskräfte aus über 40 Ländern miteinander verbinde.
FOTO Deutsche Botschaft in Sofia
Ein Programm mit internationaler Strahlkraft
Das Internationale Parlamentsstipendium richtet sich an Hochschulabsolventinnen und -absolventen aus aller Welt. Die Teilnehmenden arbeiten in den Büros von Bundestagsabgeordneten, nehmen an Sitzungen, Ausschüssen und Fachgesprächen teil und setzen sich wissenschaftlich mit politischen Fragestellungen auseinander. Ziel ist es, demokratische Werte zu vermitteln, internationale Perspektiven zu stärken und langfristige Kontakte zwischen Deutschland und den Herkunftsländern der Stipendiaten aufzubauen.
Für Lora Warbanowa, Absolventin der Erasmus-Universität Rotterdam im Fach Kommunikation und Medien, war die Entdeckung des Programms typisch für ihre Generation.
„Als Vertreterin der Generation Z habe ich über das IPS-Programm in einem sozialen Netzwerk erfahren. Als ich die Beschreibung gelesen habe, hat mich besonders fasziniert, dass man mehrere Monate aktiv an der Arbeit eines Bundestagsabgeordneten mitwirken kann und gleichzeitig an einem Berliner Universitätsprogramm teilnimmt. Diese Kombination aus Praxis und akademischer Vertiefung ist einzigartig. Es ist eine Gelegenheit, Politik nicht nur theoretisch zu analysieren, sondern unmittelbar mitzuerleben – in Diskussionen, in Entscheidungsprozessen und im täglichen parlamentarischen Betrieb.“
Ihre Motivation speist sich aus konkreten Erfahrungen: Während ihres Studiums absolvierte sie ein Praktikum in der Öffentlichkeitsarbeit und organisierte gemeinsam mit ihrem Team eine Veranstaltung zum bulgarischen Beitritt zur Eurozone. Die anschließenden Diskussionen mit Politikerinnen und Politikern hätten ihr deutlich gemacht, dass sie sich intensiver mit politischen Prozessen befassen wolle.
Lora Warbanowa
FOTO Privatarchiv
Politische Erfahrung aus Sofia – und der Blick nach Europa
Konstantin Pramatarow studierte Politikwissenschaft an der Universität Sofia „Hl. Kliment von Ochrid“ und arbeitet bereits in der bulgarischen Volksversammlung. Für ihn ist das IPS eine logische Fortsetzung seines bisherigen Weges.
„Ich habe bereits Erfahrung im bulgarischen Parlament gesammelt, und das war einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich für dieses Stipendium entschieden habe. Ich möchte mehr über das politische Leben in Deutschland erfahren und mein Wissen über Deutschland und die Europäische Union vertiefen. In der Volksversammlung habe ich erlebt, wie die Kommunikation zwischen Ausschüssen und Fraktionen funktioniert, wie Abgeordnete aus unterschiedlichen politischen Lagern zusammenarbeiten, wenn ein Gesetz ausgearbeitet wird. Ich habe gesehen, dass Politiker aus rechten und linken Parteien gemeinsam Lösungen suchen, die gut für die Bevölkerung sind. Diese Erfahrung möchte ich nun im deutschen Kontext erweitern.“
Von dem internationalen Charakter des Programms zeigte er sich ebenfalls beeindruckt:
Konstantin Pramatarow
FOTO Privatarchiv
„Ich habe vom Stipendium durch Freunde erfahren, die in den vergangenen Jahren teilgenommen haben. Sie haben mir erzählt, wie bereichernd es ist, mit Menschen aus Südamerika, Afrika, Europa, Asien oder Australien zusammenzuarbeiten. Diese globale Perspektive ist eine große Chance. Man begegnet unterschiedlichen politischen Kulturen und lernt, wie Demokratie in verschiedenen Teilen der Welt verstanden wird. Das hat mich überzeugt, mich zu bewerben.“
Literatur, Geschichte und gesellschaftliche Verantwortung
Neben Politik spielen auch kulturelle Interessen eine wichtige Rolle. Lora Warbanowa liest leidenschaftlich Poesie, insbesondere Liebesgedichte von Eftim Eftimow und Damjan Damjanow. Doch Literatur ist für sie mehr als Ästhetik.
„Ein Buch, das mich besonders geprägt hat, ist ‚10 Minuten und 38 Sekunden in dieser seltsamen Welt‘ von Elif Şafak. Ich habe es als Geschenk bekommen, als ich in die Niederlande zog. Der Roman erzählt von Tekila Leyla, die in Istanbul am Rand der Gesellschaft lebt und ermordet wird. In den letzten Minuten ihres Lebens erinnert sie sich an ihre Vergangenheit, an Ausgrenzung, Gewalt, aber auch an Freundschaft und Solidarität. Das Buch spricht gesellschaftliche Ungerechtigkeit offen an und hat meinen Blick auf Minderheiten und soziale Themen verändert. Es zeigt, wie wichtig Menschlichkeit selbst in einer harten Welt ist.“
Lora Warbanowa und Konstantin Pramatarow
FOTO Deutsche Botschaft in Sofia
Konstantin Pramatarow wiederum interessiert sich intensiv für Geschichte und politische Sachbücher wie „Wie Demokratien sterben“ oder „Faschismus – eine Warnung“. Seine Analyse aktueller Entwicklungen ist deutlich:
„In den letzten Jahren sehen wir in Europa, auch in Bulgarien, dass politische und soziale Prozesse sich verändern, wenn die Bevölkerung nicht aktiv teilnimmt. Wenn große Teile der Gesellschaft sich nicht für politische Abläufe interessieren, entstehen Gruppen, die diese Prozesse in ihrem Sinne beeinflussen. Das betrifft nicht nur Politik, sondern auch soziale Entwicklungen. Deshalb ist es entscheidend, dass Bürgerinnen und Bürger informiert und engagiert bleiben.“
Neben der Geschichte fasziniert ihn auch der Tennissport – nicht zuletzt wegen des bulgarischen Stars Grigor Dimitrow.
Brücke zwischen Bulgarien und Deutschland
Mit ihrer Teilnahme am IPS werden Lora Warbanowa und Konstantin Pramatarow Teil eines internationalen Netzwerks junger Fachkräfte, die demokratische Werte aus erster Hand kennenlernen. Das Programm stärkt nicht nur ihre individuelle Kompetenz, sondern vertieft auch die Beziehungen zwischen Bulgarien und Deutschland.
Bewerbungsfristen und weitere Informationen zum Internationalen Parlamentsstipendium veröffentlicht die Deutsche Botschaft in Sofia regelmäßig auf ihren Kanälen in den sozialen Medien – auf Facebook, Instagram und LinkedIn.
Für die beiden jungen Bulgaren beginnt nun eine intensive Zeit im politischen Zentrum Deutschlands. Sie reisen mit fachlicher Neugier, internationaler Offenheit und dem Wunsch, demokratische Prozesse besser zu verstehen. Berlin wird für einige Monate ihr Lern- und Erfahrungsraum – mitten im Herzen der deutschen Demokratie.
Gestaltet von Lyubomir Kolarov