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Meisterwerke bulgarischer Musikkultur:

„Junge Liebe“ – der Song von Atanas Bojadschiew, der als Volkslied gilt

Freitag, 27 Februar 2026, 20:00

Atanas Bojadschiew (1926 – 2017)

Atanas Bojadschiew (1926 – 2017)

FOTO binar.bg

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Am 1. März 2026 jährt sich der 100. Geburtstag des Komponisten Atanas Bojadschiew. Als „Doyen der bulgarischen Popmusik“ bezeichnet, zeichnen sich seine Hits vor allem durch ihre nationale Prägung und Nähe zum bulgarischen Volkslied aus. Einer seiner engsten Mitarbeiter war der talentierte Dichter Bogomil Gudew. Nach mehreren erfolgreichen gemeinsamen Hits beschlossen die beiden, Lieder auf folkloristischer Grundlage zu schreiben. „Es wäre übertrieben zu sagen, wir hätten der Welle serbischer Musik, die zunehmend nach Bulgarien drang, aktiv etwas entgegensetzen wollen“, erinnerte sich der Komponist Jahrzehnte später. „Aber wir dachten, es sei gut, dem Publikum bulgarische Lieder mit Elementen unserer städtischen und ländlichen Folklore anzubieten.“ 

Atanas Bojadschiew und Bogdana Karadotschewa mit den Auszeichnungen beim Festival „Goldener Orpheus“ 1969

FOTO Privatarchiv von Kristian Bojadschiew

So erschien 1970 auf dem bulgarischen Musikmarkt eine kleine Platte des Labels „Balkanton“ mit zwei Liedern von Atanas Bojadschiew und Bogomil Gudew  „Ich habe mich verliebt, Mama“ und Woher soll ich Kraft nehmen“.

In einem exklusiven Interview für den Bulgarischen Nationalen Rundfunk erinnert sich Bojadschiews Sohn, der Komponist Kristian Bojadschiew, an die faszinierende Geschichte von „Woher soll ich Kraft nehmen“, das heute unter dem Titel „Junge Liebe“ bekannt ist:  


Kristian Bojadschiew

FOTO Sdrawko Petrow

„Die Interpreten waren Magda Panajotowa und Petar Tschernew. Ich erinnere mich an die kleine Platte mit dem Cover-Artwork von Alexander Brazisow – dem bekannten Komponisten, der die Kunstakademie mit Schwerpunkt Grafik abgeschlossen hat. 1970 erschien diese kleine Platte mit einer Büchse auf dem Cover – im Pop-Art-Stil, ein Augenzwinkern auf die Aktualität der Zeit.“ 

FOTO Archiv

Der Song erreichte auch das Radio, wurde jedoch zunächst nicht ausgestrahlt:

„Wie wir später erfuhren, lag es an einigen Zeilen im Text, besonders am Ende, als das Mädchen den jungen Mann weckt („Junge Liebe“) und er sagt: ‚Woher soll ich Kraft nehmen, wenn du sie schon genommen hast‘. Meiner Meinung nach verhinderte diese kleine erotische Anspielung, dass das Lied im Nationalradio gespielt wurde – so unbedeutend sie auch war. Damals war die Zensur einfach anders… Gleichzeitig habe ich Bücher mit Volksliedern gesehen, in denen es deutlichere Hinweise und sogar ähnliche Formulierungen gab. Offensichtlich wurde Popmusik etwas anders bewertet.“ 

Woher soll ich Kraft nehmen“ blieb auf Platte aufgenommen, wurde aber fast zwei Jahrzehnte lang nicht im Radio gespielt. Plötzlich, in den 1990er Jahren, begannen viele Sänger, das Lied aufzuführen, und bezeichneten es stets als Volkslied. Kristian Bojadschiew wandte sich an den BNR, woraufhin eine Kommission gebildet wurde. Es wurden Beweise vorgelegt – die alte kleine Platte und eine Sammlung mit Originalsongs von Atanas Bojadschiew aus den 1970er Jahren, in der auch dieses Lied enthalten war. Die Kommission entschied, die Radio-Register zu ändern und die Autoren korrekt einzutragen. Allmählich begannen bulgarische Interpreten, „Junge Liebe“ korrekt zu präsentieren. In der lebhaften Interpretation der Volksmusikerin Stojanka Bonewa wurde es sogar in eines der neuesten Musikschulbücher der 10. Klasse aufgenommen, mit namentlich genannten Autoren. 

Atanas Bojadschiew (rechts) und Kristian Bojadschiew in einer Arbeitsumgebung

FOTO Privatarchiv von Kristian Bojadschiew

Kristian Bojadschiew berichtete, dass er oft erlebt habe, dass das Lied als Volkslied bezeichnet wurde, selbst Vertreter einzelner Folkloreregionen behaupteten, es stamme beispielsweise aus Mazedonien: 

„Ob die Leute es als Volkslied sehen oder nicht – ich denke, für einen Autor gibt es nichts Schöneres, als wenn sein Lied, besonders zu Lebzeiten, als Volkslied anerkannt wird. Moralisch betrachtet ist das ein unvergleichliches Kompliment! Wie viel schöner kann es sein? Diese Lieder macht man für die Menschen. Wenn sie sie singen und sich so stark damit identifizieren, ist das wirklich ein großes Lob!“ – schloss der Sohn von Atanas Bojadschiew. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov 

Gestaltet von Lyubomir Kolarov