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Präsidentin gegenüber Radio Bulgarien: Ich glaube mehr an Frieden als an Waffen

Ilijana Jotowa: Bulgarien hat seine Freiheit verdient – sie wurde erkämpft!

„Der bulgarische Staat ist bereit, das Leben und die Sicherheit seiner Bürger zu schützen – nicht nur in Bulgarien, sondern auch in den bulgarischen Gemeinschaften im Ausland“, betonte die Präsidentin angesichts der Eskalation im Nahen Osten.

Dienstag, 3 März 2026, 09:36

Präsidentin Ilijana Jotowa

Präsidentin Ilijana Jotowa

FOTO Präsidentschaft der Republik Bulgarien

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Wir feiern 148 Jahre seit der Wiederkehr Bulgariens auf die Weltkarte – ein Tag, der Bulgaren weltweit verbindet. „Bulgarien hat seine Freiheit verdient – sie wurde erkämpft“, erklärte Präsidentin Ilijana Jotowa im Interview mit der mehrsprachigen Sendung des Bulgarischen Nationalen Rundfunks (BNR) anlässlich des Nationalfeiertags. In ihrem zweiten Interview für ein bulgarisches Medium seit Amtsantritt sprach Jotowa aktuelle nationale und internationale Themen an und richtete eine Botschaft an die Bürger:

Vor 148 Jahren, als Bulgarien seine Freiheit erlangte, hinterließ dieses Datum nicht nur in unserer Geschichte Spuren, sondern prägte uns als Volk. Dieser Tag wird von Generation zu Generation weitergegeben – der Tag, an dem Bulgarien nach fünf Jahrhunderten Fremdherrschaft auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte. Heute sagen viele Menschen, „wir hätten unsere Freiheit geschenkt bekommen“. Ich möchte sofort klarstellen: Bulgarien hat seine Freiheit verdient – sie wurde erkämpft! Der Russisch-Türkische Befreiungskrieg markierte das Ende einer Ära, aus der der Dritte Bulgarische Staat hervorging.

Doch zuvor gilt es, die glanzvollen Momente unserer Geschichte zu würdigen: die Bewahrung des bulgarischen Volkes und der Identität, die zentrale Rolle der bulgarisch-orthodoxen Kirche und der Klöster, die das Bulgarische bewahrten und über fünf Jahrhunderte spirituelle Zentren blieben. Hinzu kommt die immense geistige Kraft der Bulgarischen Wiedergeburt – das intellektuelle Erbe, die nationale Befreiungsbewegung, die Helden des Aprilaufstands, die die Welt auf ein kleines Volk aufmerksam machten, das viele damals vergessen hatten. All dies führte zum Befreiungskrieg, doch Bulgarien und das bulgarische Volk erkämpften sich das Recht, heute von einer Nation zu sprechen und die Wiedergeburt einer der ältesten staatlichen Traditionen Europas zu feiern. 



FOTO Präsidentschaft der Republik Bulgarien

Wir feiern unsere Freiheit in einer Zeit, in der die Welt von Konflikten erschüttert wird und unser Sicherheitsgefühl stark beeinträchtigt ist. Wie beruhigen Sie die bulgarischen Bürger, um ein Gefühl der staatlichen Schutzbereitschaft zu vermitteln_

„Ich erkläre: Der bulgarische Staat ist bereit, das Leben und die Sicherheit seiner Bürger zu schützen – nicht nur hier in Bulgarien, sondern auch in den bulgarischen Gemeinschaften im Ausland. In diesen sehr besorgniserregenden Zeiten wenden sich Menschen an uns, die seit Langem im Ausland leben und sich genauso wie wir um die Entwicklungen im Nahen Osten sorgen. Wir haben viele Bulgaren, die in diesen Ländern arbeiten und leben. Bulgarien wird bereit sein, jedem von ihnen Hilfe zu leisten. Dazu wurde über das Außenministerium die notwendige Organisation geschaffen. Wir erhalten kontinuierlich Informationen und stimmen unsere Maßnahmen mit den Sicherheitsdiensten ab. Der Sicherheitsrat des Ministerrats tritt regelmäßig zusammen. Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Verbündeten sowohl in der EU als auch innerhalb der NATO. Erlauben Sie mir ein paar Worte im globalen Kontext: Ich gehöre zu den Menschen – vielleicht weil ich Frau bin –, die mehr an Frieden als an Waffen glauben. Ich denke, dass Konflikte noch auf diplomatischem Weg hätten gelöst werden können, denn die Geschichte ist unser sehr weiser Lehrer – wenn irgendwo ein Krieg ausbricht, bleibt er nie an einem Ort. Hier frage ich: Wo bleibt die Rolle der großen internationalen Institutionen, wo die Vereinten Nationen? Der Sicherheitsrat hat seine Position beendet, aber man sieht, dass die Länder sehr gespalten sind, Entscheidungen lange nicht für alle verbindlich sind. Ich spreche seit langem darüber, dass diese Institutionen reformiert werden müssen, um den Frieden weltweit zu sichern – so wie es bei ihrer Gründung vorgesehen war. Bulgarien muss dabei seine Stimme haben.“ 

Wie ist die klare bulgarische Position zum Nahost-Konflikt? 

„Wir haben noch keine konkrete klare Position – es ist zu früh. Die Lage ist sehr heikel, und ich würde niemandem empfehlen, dies innenpolitisch auszuschlachten. Unsere wichtigste Rolle ist derzeit die Sicherheit unseres Landes und die Gewährleistung, dass Bulgaren, die in diesen Ländern leben, arbeiten oder sich aufhalten, sicher zurückgeführt werden können. Deshalb stehen wir in ständigem Kontakt mit unseren Verbündeten. Ich würde derzeit niemandem zu radikalen Maßnahmen raten. Die Politik unseres Landes sollte Teil der Stimmen sein, die sagen: Stoppt die Waffen und setzt euch an den Verhandlungstisch!“ 

Sie erwähnten die Spaltung der Welt. Wie sieht es in Bulgarien aus – ist nicht gerade die innere Spaltung ein „Joch“, das wir schnell überwinden müssen? 

„Es gibt keine Spaltung unter den Menschen! Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass wir als Gesellschaft zusammenhaltender sind als je zuvor. Wir teilen dieselben Probleme, Armut, Ungerechtigkeiten – von der Justiz bis zu den ungleichen Chancen für Kinder. Über die Ungleichheiten in der Wohnsituation und deren Einfluss auf die Zukunft der Jugendlichen kann man viel sagen. Aber von einer gesellschaftlichen Spaltung können wir nicht sprechen. 

Was besorgniserregend und gefährlich ist, ist der künstliche Versuch, Menschen politisch zu spalten. Eine der wichtigsten Aufgaben – neben der guten Organisation der bevorstehenden Wahlen und der Verhinderung von Missbrauch – ist meiner Meinung nach, den Menschen die Möglichkeit zu geben, nach Gewissen zu wählen.“ 

Hat der Staat die Mittel, das Vertrauen der Bürger in den Wahlprozess und die Institutionen wiederherzustellen? 

„Seien wir ehrlich – das lässt sich nicht über Nacht lösen, auch nicht bei diesen Wahlen. Aber es ist wichtig, einen Anfang zu machen, damit die Menschen spüren, dass der Staat existiert. Wir sprechen hier nicht über Repression oder Säuberungen, sondern über einen normalen Prozess. Die Bürger sehen, wie Stimmen gekauft werden, wie bestimmte Konzerne Menschen zwingen, für eine Partei zu stimmen. Viele trauen sich nicht, dies offen zu sagen, weil der Staat bislang nicht gezeigt hat, dass er sie schützen kann. Wenn sie den Staat als Garant erleben – die Regierung und alle zuständigen Organe – werden sie den Mut haben, ihre Stimme zu erheben. Denn was bedeutet Stimmenkauf im 21. Jahrhundert? Es ist eine Diagnose für unsere Gesellschaft: Es gibt Menschen, die so arm sind, dass sie bereit sind, eines ihrer wichtigsten Rechte – das Wahlrecht – zu verkaufen. Diese Prozesse sind tiefgreifend, und in zwei Monaten kann man das nicht ändern, aber es werden Schritte unternommen.“

Ilijana Jotowa bei den Bulgaren in Taraklia

FOTO Präsidentschaft der Republik Bulgarien

Seit 90 Jahren erzählt Radio Bulgarien der Welt, wie neugierig, historisch und kulturell reich Bulgarien ist – eine aufklärerische Mission, die dem Land weltweit Freunde brachte, von Indien und China bis Argentinien, Amerika und Europa. In einer von Hass und Konflikten zerrissenen Welt sind die Worte eines der ersten Auslandssprecher besonders lebendig: Intellektueller Petar Uwaliew sagte: „Die Radiowellen übersprangen die Gräben des Hasses!“ Welche Botschaft senden Sie als erste Frau im Präsidentenamt über Radio Bulgarien in die Welt?

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich gratuliere Ihnen, denn Sie sind die besten Botschafter Bulgariens im Ausland. (…) Ich weiß nicht, ob Sie erkennen, was Sie in den Händen halten – Sie transportieren nicht nur das Bild Bulgariens, sondern auch seine Seele – das Herz und die Seele jedes Bulgaren. 

Meine Botschaft am 3. März: Ja, ich bin die erste Frau als Präsidentin. Es ist nicht einfach, aber wir Frauen schaffen das. Es mag hochtrabend klingen, aber wenn die Menschen sehen, dass man kann, dass man will, dass man stark genug und mutig ist, beginnt auch die männliche Hälfte zu helfen, freiwillig oder unfreiwillig. 

Meine Botschaft in dieser sehr besorgniserregenden und gefährlichen Welt lautet: Denkt an die Kinder, die wir zur Welt bringen! Sie brauchen Liebe, unseren Mut, unseren Schutz und ihre Zukunft!


Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov