Autor
Rossitsa Petkova
Nachricht
Interview mit I. E. Dai Qingli, Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafterin der Volksrepublik China in Bulgarien
Bulgarien kann Schlüsselrolle bei Vernetzung zwischen China und Europa spielen
Wir sind besorgt über die zunehmenden protektionistischen Tendenzen in der EU, sagt die Diplomatin aus dem zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt
Montag 16 März 2026 09:09
Montag, 16 März 2026, 09:09
Dai Qingli, Botschafterin der Volksrepublik China in Bulgarien
FOTO Botschaft der Volksrepublik China in Bulgarien
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Das chinesische Parlament eröffnete am 5. März seine jährliche Sitzung mit der Vorstellung des Regierungsberichts („Government Work Report“), in dem die wirtschaftlichen Prioritäten und strategischen Ziele des Landes für das kommende Jahr umrissen werden.
Was bedeuten diese Prioritäten für die Entwicklung Chinas und für die Beziehungen zu Europa und zu Staaten wie Bulgarien? Wie könnten sich globale Krisen – darunter die Krise im Nahen Osten – auf die Energiemärkte und den internationalen Handel auswirken?
Im Studio von Radio Bulgarien war I. E. Dai Qingli zu Gast – Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafterin der Volksrepublik China in Bulgarien. Zu Beginn des Gesprächs werfen wir einen Blick auf die aktuellen Parameter der wirtschaftlichen Entwicklung des asiatischen Industriegiganten.
FOTO Facebook/Embassy of China in Bulgaria
„Für uns war das Jahr 2025 nicht besonders leicht. Dennoch konnten wir ein Wirtschaftswachstum von 5 Prozent erreichen, was deutlich über dem weltweiten Durchschnitt liegt. Deshalb hat der Premierminister für dieses Jahr ein BIP-Wachstum zwischen 4,5 Prozent und 5 Prozent vorgeschlagen. Wir halten das für ein realistisches Ziel, das sowohl der innenpolitischen als auch der internationalen Lage Chinas Rechnung trägt“, sagte Botschafterin Dai Qingli.
In den vergangenen fünf Jahren habe China ein enormes Wachstum im Bereich der Elektrofahrzeuge und der erneuerbaren Energien verzeichnet. Allein 2025 habe die Produktion von Elektroautos 16 Millionen Stück erreicht. Auch in den Bereichen erneuerbare Energien, künstliche Intelligenz, 5G-Technologien und Telekommunikation werde mit einer deutlichen Entwicklung gerechnet, die durch Investitionen in Bildung unterstützt werde.
FOTO Facebook/Embassy of China in Bulgaria
Obwohl China mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt ist, steht es bereits vor demografischen Herausforderungen, die eher für kleinere europäische Staaten wie Bulgarien typisch sind – eine alternde Bevölkerung und sinkende Geburtenraten. Welche Maßnahmen sind geplant, um diesen Trends zu begegnen?
Die Hauptursache seien wirtschaftliche und alltägliche Belastungen – der Druck im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt und die hohen Kosten für die Kindererziehung. Deshalb ergreife die Regierung verschiedene Maßnahmen, etwa die Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs und finanzielle Anreize für Familien mit einem zweiten Kind. Diskutiert würden zudem weitere Anreize wie zusätzliche bezahlte Urlaubstage und andere Maßnahmen, die junge Menschen ermutigen sollen, mehr Kinder zu bekommen.
FOTO BGNES
Wie positioniert sich China in der heutigen komplexen geopolitischen Lage? Wie definiert das Land seine Rolle bei der Aufrechterhaltung der internationalen Stabilität?
„Unsere Position zu den Ereignissen im Nahen Osten ist sehr klar. Wir sind nicht nur über den enormen menschlichen Preis zutiefst besorgt, sondern auch über die wirtschaftlichen Folgen. Wir sehen bereits einen starken Anstieg der Ölpreise, und wie Sie wissen, ist China stark von Ölimporten abhängig. Noch wichtiger ist jedoch, dass wir immer gravierendere Folgen für die internationale Ordnung beobachten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde. Anfang dieses Jahres äußerten europäische Vertreter auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Sorge, dass diese internationale Ordnung unter Druck geraten ist. Die Ereignisse rund um Iran zeigen, dass diese Entwicklung anhält und sich sogar verschärft, weil wir eine Situation erleben, in der Stärke zum Recht wird und die Welt allmählich zum „Gesetz des Dschungels“ zurückkehrt“, sagte Botschafterin Qingli.
China werde sich bemühen, bei der Vermittlung zu helfen. Der Sondergesandte des Landes für den Nahen Osten werde bald in die Region reisen, um eine neue Runde diplomatischer Konsultationen zu beginnen. Diplomatie müsse eine Chance erhalten.
Außenminister der Volksrepublik China, Wang Yi
FOTO BGNES
Die ganze Welt erwartet den Besuch von US-Präsident Donald Trump in China Ende dieses Monats. Welche Prognosen haben Sie?
„Es wird ein sehr wichtiges Gipfeltreffen sein. Die Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten gehören zu den bedeutendsten der Welt und werden in hohem Maße die Entwicklung des 21. Jahrhunderts prägen.
China hatte nie die Absicht, die globale Führungsrolle der USA zu übernehmen. Unsere wichtigste Priorität ist es, für unsere 1,4 Milliarden Bürger ein besseres Leben zu sichern. Wir haben den Vereinigten Staaten wiederholt erklärt, dass wir nicht beabsichtigen, ihre Präsenz und ihre Rolle als Hegemon im asiatisch-pazifischen Raum zu verdrängen“, erklärte die Botschafterin.
Schiffe in der Straße von Hormus, 11. März 2026.
FOTO AP/BTA
Gleichzeitig werde der Aufstieg Chinas auf amerikanischer Seite häufig in einem negativen Licht gesehen.
Die beiden Staats- und Regierungschefs würden zahlreiche Themen erörtern, darunter auch Handelszölle, die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Vor dem Gipfel sollen die Handelsteams beider Länder Gespräche in Europa führen, um weitere Details zu klären.
Sicherlich werde auch die Taiwan-Frage zu den zentralen Themen aus chinesischer Sicht gehören. China werde darauf drängen, dass die USA ihre Unterstützung für separatistische Kräfte auf der Insel einschränken.
Der Präsident der USA, Donald Trump, und der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, vor ihrem Gipfeltreffen am internationalen Flughafen Gimhae in Busan, Südkorea, 30. Oktober 2025
FOTO AP/BTA
Wie sehen Sie die Entwicklung der wirtschaftlichen und handelspolitischen Beziehungen zwischen China und Europa in der gegenwärtigen globalen Lage?
„Die Partnerschaft zwischen China und der Europäischen Union ist äußerst wichtig. Die EU ist der wichtigste Handelspartner Chinas und ein zentraler Partner im Modernisierungsprozess des Landes.
Vor wenigen Tagen hat der chinesische Außenminister Wang Yi erklärt, dass der Handel zwischen China und der EU – sowohl mit Waren als auch mit Dienstleistungen – inzwischen rund eine Billion US-Dollar pro Jahr erreicht hat.
FOTO Facebook/Embassy of China in Bulgaria
Gleichzeitig ist China über die zunehmenden protektionistischen Tendenzen in der Europäischen Union besorgt. Man respektiere selbstverständlich die Autonomie der EU. Wenn sie eine Politik der „Risikominimierung“ im wirtschaftlichen Bereich verfolgen will, ist das ihre Entscheidung. Wenn sich diese Politik jedoch in vielen Bereichen gezielt gegen China richtet, bereitet das Sorgen“, so Qingli.
Als Beispiel nannte die Botschafterin die Antisubventionszölle der EU auf chinesische Elektroautos, auch wenn es in dieser Frage inzwischen gewisse Fortschritte gebe und der Dialog fortgesetzt werde.
Die Europäische Kommission habe zudem neue gesetzgeberische Initiativen vorgestellt, darunter den „Industrial Accelerator Act“ sowie Änderungen im Bereich der Cybersicherheitsgesetzgebung. Diese Maßnahmen könnten erhebliche Einschränkungen und verbindliche Anforderungen für chinesische Investitionen in der Region sowie für die Zusammenarbeit mit chinesischen Lieferanten mit sich bringen.
China betrachte dies als eine ernsthafte Herausforderung.
Der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, der chinesische Präsident Xi Jinping und die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, beim EU-China-Gipfel, 24. Juli 2025
FOTO consilium.europa.eu
Wie würden Sie das derzeitige Niveau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen China und Bulgarien beschreiben? Welche Sektoren in Bulgarien stoßen bei chinesischen Investoren auf das größte Interesse?
„Bulgarien war der zweite Staat der Welt, der das neue China anerkannt hat. Deshalb nimmt Bulgarien stets einen besonderen Platz ein – nicht nur in der Außenpolitik Chinas, sondern auch in unseren Gedanken und Herzen“, sagte Botschafterin Qingli.
In den vergangenen Jahren habe sich jedoch gezeigt, dass diese traditionelle Freundschaft nicht immer in konkrete Zusammenarbeit umgesetzt werde, insbesondere im Vergleich zu einigen Nachbarstaaten Bulgariens und anderen EU-Ländern. In mehreren Bereichen bleibe die Kooperation zwischen China und Bulgarien zurück.
Chinesische Unternehmen hätten bereits in die bulgarische Landwirtschaft, in die Herstellung von Autoteilen, in erneuerbare Energien – insbesondere Solaranlagen – sowie in die industrielle Produktion investiert.
Eröffnung des Hightech-Werks für Autoteile der chinesischen Gruppe ZS Europe Ltd. bei Plowdiw im Oktober 2025
FOTO investbg.government.bg
China begrüße auch die steigenden Importe bulgarischer Agrarprodukte. Bulgarien verfüge über ausgezeichnete Weine, Produkte aus der Ölrose und viele andere landwirtschaftliche Erzeugnisse, die sich gut für den chinesischen Markt eigneten. Man arbeite aktiv daran, die Importverfahren für bulgarische Produkte zu erleichtern.
Zudem habe Bulgarien das Potenzial, durch seine Häfen und seine Eisenbahninfrastruktur eine wichtige Rolle bei der Vernetzung zwischen China und Europa zu spielen.
Die bulgarische Regierung und bulgarische Unternehmen begrüßten chinesische Investitionen, was sehr positiv sei. Allerdings sei ein intensiverer Dialog notwendig, um zu klären, welche Investitionen für Bulgarien am geeignetsten wären.
Es bestehe großes Potenzial nicht nur im Bereich der künstlichen Intelligenz – wo Bulgarien zu den führenden Ländern in Mittel- und Osteuropa gehöre –, sondern auch in anderen Hightech-Bereichen. China beobachte diese Möglichkeiten aufmerksam und ermutige chinesische Unternehmen, nach Bulgarien zu kommen.
Eröffnung des Hightech-Werks für Autoteile der chinesischen Gruppe ZS Europe Ltd. bei Plowdiw im Oktober 2025
FOTO bg.china-embassy.gov.cn
Chinesische Sprache und Kultur werden an mehreren bulgarischen Universitäten gelehrt, und auch an Schulen entstehen zunehmend Chinesischkurse. Wächst das Interesse junger Menschen in Bulgarien an der chinesischen Sprache?
„Ja, eindeutig. Ich glaube, dass sich die junge Generation in Bulgarien zunehmend für das interessiert, was in China geschieht.
Viele Schulen und Eltern wenden sich an uns mit dem Wunsch, Chinesischunterricht einzuführen, was sehr ermutigend ist“, erklärte die chinesische Botschafterin.
Das Konfuzius-Institut an der Universität „Hll. Kyrill und Method“ in Weliko Tarnowo
FOTO confuciusinstitute-velikoturnovo.bg
In Bulgarien gebe es zwei Konfuzius-Institute – in Sofia und in Weliko Tarnowo –, die ausgezeichnete Arbeit leisten. Derzeit arbeiteten sie mit rund 100 Schulen zusammen, an denen Chinesischkurse angeboten werden.
Auch der akademische Austausch entwickle sich positiv.
Die Bibliothek des Konfuzius-Instituts in Sofia
FOTO confuciusinstitute.bg
Für 2026 seien in Bulgarien zahlreiche Initiativen im Zusammenhang mit asiatischer Kultur geplant.
„Das Chinesische Kulturzentrum in Sofia organisiert jedes Jahr mindestens 200 Veranstaltungen – einige kleinere, andere größere. Auch die beiden Konfuzius-Institute führen zahlreiche kulturelle Aktivitäten durch“, erklärte die Botschafterin.
Das Drachenboot-Festival in Russe im Jahr 2025
FOTO Facebook/DragonBoatFestivalBG
„Im Juni wird außerdem ein Asiatisches Festival stattfinden, das von der Botschaft Indonesiens in Bulgarien organisiert wird und an dem auch China teilnehmen wird. Wir planen weitere kulturelle Veranstaltungen sowie Initiativen zur Förderung des Tourismus. Für bulgarische Staatsbürger mit gewöhnlichen Reisepässen gilt inzwischen eine 30-tägige visafreie Regelung für Reisen nach China. Wir hoffen, dass dies mehr Bulgaren dazu ermutigen wird, China als Touristen zu besuchen.
Ebenso wichtig ist es für uns, mehr chinesische Touristen zu ermutigen, Bulgarien zu besuchen und Ihr schönes Land kennenzulernen“, sagte Botschafterin Qingli.
FOTO Facebook/DragonBoatFestivalBG
Das vollständige Interview, das die chinesische Botschafterin in Sofia Radio Bulgarien gegeben hat, können Sie in der englischsprachigen Veröffentlichung anhören.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov