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Meisterwerke bulgarischer Musikkultur:

„Es hat sich der Wald entfaltet“ – ein Meisterwerk aus der Pirin-Region

Freitag, 20 März 2026, 20:00

„Es hat sich der Wald entfaltet“ – ein Meisterwerk aus der Pirin-Region

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Die Bulgaren bewohnen ein kleines Land, sind jedoch stolz auf ihren außerordentlich reichen Folklore-Schatz, der die Weisheit der Nation in sich trägt und sie von Generation zu Generation weitergibt. Die Vielfalt des volkstümlichen Schaffens verdankt sich neben dem bulgarischen Genius auch der Tatsache, dass Bulgarien in sieben eigenständige Folkloreregionen gegliedert ist: die Pirin-, Rhodopen-, Thrakische, Schop-, Nord-, Dobrudscha-, und Strandscha-Region – jede mit ihren eigenen Besonderheiten und charakteristischen Merkmalen. 

Die kleinste dieser ethnografischen Regionen – die Pirin-Region im Südwesten des Landes – ist besonders farbenreich und vielgestaltig. Sie ist vor allem für ihren zweistimmigen Gesang bekannt, doch es existieren auch zahlreiche einstimmige Lieder, die gemeinsame Motive mit Volksliedern aus ganz Bulgarien aufweisen. Weit verbreitet sind Themen rund um die Befreiungskämpfe. Eines der bekanntesten Lieder mit einem solchen Sujet ist das lyrische „Es hat sich der Wald entfaltet“, in dem das klassische folkloristische Motiv des „Entfaltens“ (Ergrünens) des Waldes mit der Selbstaufopferung und den Leiden eines jungen Freiheitskämpfers verbunden wird. Die bewegende Handlung inspirierte bedeutende bulgarische Komponisten wie Dobri Christow und Pantscho Wladigerow zu eigenen Chor- und Solofassungen des Liedes. 

Häufig vorgetragen von berühmten Pirin-Sängern wie Ruska Stoimenowa oder Ilija Argirow, fand das Lied auch Eingang in das Repertoire namhafter Interpreten aus anderen Folkloreregionen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der bekannte Grujtscho Dotschew aus Harmanli, der jahrzehntelang als Sänger, Tänzer und Tapan-Spieler im Ensemble „Filip Kutew“ wirkte. In seiner Version – als Vertreter der thrakischen Tradition – liegt unter dem einzigen Baum im Wald, der nicht ergrünt ist, ein Held mit neun schweren Wunden; doch die zehnte schmerzt am meisten und wird ihm das Leben kosten. 

Die bekannteste Interpretation des Liedes über den ergrünten Wald und den verwundeten jungen Helden ist die emblematische Chorfassung des renommierten Komponisten, Dirigenten, Wissenschaftlers und Kulturfunktionärs Prof. Kiril Stefanow. Geboren 1933 in Blagoewgrad, spielte er bereits als Kind Violine. 1956 schloss er mit Auszeichnung das Konservatorium (heute Nationale Musikakademie „Prof. Pantscho Wladigerow“) im Fach Chordirigieren ab und wurde unmittelbar danach zum künstlerischen Leiter und Chefdirigenten des Chors im Staatlichen Ensemble für Volkslieder und -tänze „Pirin“ berufen, das zwei Jahre zuvor in seiner Heimatstadt gegründet worden war. Mit diesem Ensemble realisierte Kiril Stefanow über 6.000 Konzerte in mehr als 50 Ländern auf allen Kontinenten. Mehr als 6 Millionen Zuschauer und Zuhörer verfolgten die Auftritte, die in über 100 Publikationen weltweit gewürdigt wurden – von England und Italien über Deutschland, Russland und die USA bis nach Japan, Indien und Australien. 

Als Professor für Chordirigieren hinterließ er ein umfangreiches Werk, das eigene Kompositionen für verschiedene Vokalformationen umfasst, darunter über 750 Bearbeitungen für Volkschöre, Orchesterstücke, groß angelegte Suiten auf der Grundlage von Volksmotiven sowie Bühnenmusik. Er gilt als der Schöpfer, der das multigenrehafte Spektakel als Form der Präsentation bulgarischer Folklore eingeführt hat. Seine Arbeit mit dem Ensemble „Pirin“ setzte Maßstäbe für das zeitgenössische bulgarische Komponieren für Folkloreformationen.  

Im Vorwort seiner Sammlung „Volkslieder aus der Pirin-Region“ schrieb Kiril Stefanow: „Die Lieder des Pirin! Sind sie nicht lebendiges Feuer aus der ewig lebendigen Volksseele! In ihnen erklingen wie Glöckchen die klaren Quellen einer kristallreinen Liebe zur Familie, zur Heimat und zu allem Bulgarischen…“

Diese tiefe Liebe zu allem Bulgarischen klingt auch in seiner Bearbeitung der Pirin-Perle „Es hat sich der Wald entfaltet“ – interpretiert von den wunderbaren Stimmen der Sängerinnen des Ensembles „Pirin“. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov