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Königliche Symbole vom Zweiten Bulgarischen Reich auf moderner Sgraffito-Keramik

Sonntag, 22 März 2026, 14:20

Königliche Symbole vom Zweiten Bulgarischen Reich auf moderner Sgraffito-Keramik

FOTO Gergana Mantschewa

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Eine besondere Handwerkswerkstatt für Keramikgefäße in königlichem Stil, wie sie von Bojarenfamilien zur Zeit des Zweiten Bulgarischen Reiches (12.–14. Jahrhundert) verwendet wurden, gibt es in der alten Hauptstadt Weliko Tarnowo. Das Atelier befindet sich unweit des Anfangs der berühmten Samowodska Tscharschija. Es ist vermutlich der einzige Ort in Bulgarien, an dem der Herstellungsprozess von Keramikgefäßen in der Sgraffito-Technik – also durch Gravur zur Verzierung – beobachtet werden kann. 

FOTO Gergana Mantschewa

In Bulgarien wird die Sgraffito-Keramik auch als „Tarnowo-Keramik“ bezeichnet, da solche Gefäße vor allem bei Ausgrabungen auf dem Hügel Zarewez entdeckt wurden – dort, wo sich einst der Königspalast befand. Diese Gefäße waren ausschließlich dem Hof und den Bojaren vorbehalten. Deshalb blieb die Tarnowo-Keramik unter der einfachen Bevölkerung wenig verbreitet, und das Handwerk verschwand nach der osmanischen Eroberung Ende des 14. Jahrhunderts vollständig. 

Die Gefäße werden aus rotem Ton gefertigt. Nach dem Formen lässt man sie antrocknen, anschließend werden sie in verdünnten weißen Ton getaucht. Danach folgt erneut eine Ruhephase. Genau hier liegt die Kunst der Sgraffito-Technik – der richtige Zeitpunkt muss genau getroffen werden. Innerhalb eines Zeitfensters von etwa 15 Minuten graviert der Meister die Oberfläche, um das gewünschte Muster zu erzielen. 

FOTO Gergana Mantschewa

Der gesamte Herstellungsprozess – von der Tonkugel bis zum kunstvoll verzierten Gefäß – dauert mindestens einen Monat. Jeder Schritt erfordert Geduld und Präzision, nichts kann ausgelassen werden. Vielleicht ist das der Grund, warum es heute nur noch wenige Meister gibt, die sich mit Tarnowo-Keramik beschäftigen. 

Das bestätigt auch Dimitar Neschew, der in einem der ältesten Ateliers der Samowodska Tscharschija arbeitet. Dort wird deutlich, dass das Handwerk technologisch anhand von bei Ausgrabungen gefundenen Bojarengefäßen rekonstruiert wurde. „In der Stadt gibt es kein anderes Atelier für Sgraffito-Keramik mehr – nur noch unseres“, sagte der junge Meister. 

Nina Neschewa

FOTO Sdrawka Masljankowa

Die Einhaltung der Technik sei entscheidend, da sonst viele Gefäße unbrauchbar würden. Alle Materialien seien mineralischen Ursprungs, ohne Blei oder schädliche Bestandteile, sodass die Gefäße auch für den täglichen Gebrauch geeignet seien, betonte Neschew 

Die Symbole und Motive der Tarnowo-Keramik sind Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Studien, dennoch ist sie in Bulgarien weniger bekannt als etwa die Trojaner Keramik. Charakteristisch sind reiche geometrische Ornamente, florale Motive sowie Tierdarstellungen – vor allem Adler, Löwen und Fische – sowie filigrane Durchbrüche und Applikationen. Typisch ist auch die gelb-grüne Farbpalette. 

Auf Gefäßen aus dem 12.–14. Jahrhundert wurden häufig Vögel dargestellt, insbesondere der Adler als königliches Symbol des Zweiten Bulgarischen Reiches. Diese Tradition wird auch heute im Atelier der Familie Neschewi fortgeführt. 

FOTO Gergana Mantschewa

„Unsere Keramik ergänzt daher auch Museumsausstellungen, die das Leben und die Kultur des Zweiten Bulgarischen Reiches zeigen“, erklärte Dimitar Neschew weiter.

Er betont jedoch, dass kaum noch jemand diese Technik ausübt, da sie äußerst zeit- und arbeitsintensiv ist. Elektrische Brennöfen sowie Materialkosten treiben die Preise zusätzlich in die Höhe. 

FOTO Gergana Mantschewa

„Ich wünsche mir, dass junge Menschen hier sehen, was Handwerk bedeutet, wie unsere Vorfahren lebten und wie sie ihr Leben in Kunst verwandelten. Ich hoffe, dass diese Keramik bewahrt wird und jemand das Handwerk weiterführt – denn diese Schönheit lässt sich durch keine moderne Technologie ersetzen“, sagte Neschew abschließend. 


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Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov