Autor
Gergana Mantschewa
Artikel
Sonntag 5 April 2026 13:10
Sonntag, 5 April 2026, 13:10
FOTO Multimediales Besucherzentrum "Zarewgrad Tarnow"
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Ein Rundgang durch ein Wachsfigurenkabinett erwartet Sie, wenn Sie in Weliko Tarnowo das Multimedia-Besucherzentrum „Zarewgrad Tarnow“ besuchen. Es ist leicht zu finden, da es sich in unmittelbarer Nähe des historischen Hügels „Zarewez“ befindet. Dort stehen auch die Kirche „Heilige Vierzig Märtyrer“, das Museum „Gründungsversammlung“ sowie das „Sarakina-Haus“ in der Gurko-Straße mit einer sehenswerten ethnografischen Ausstellung.
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Das multimediale Besucherzentrum „Zarewgrad Tarnow“ wurde vor fast einem Jahrzehnt gegründet, um die bulgarische Geschichte auf außergewöhnliche Weise zu erzählen, indem es den Besucher in die authentische Atmosphäre der Vergangenheit eintauchen lässt und ihm das Gefühl vermittelt, ein lebender Zeuge wichtiger geschichtlicher Ereignisse zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert in der Zarenstadt Tarnowgrad zu sein.
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Hier wird die Geschichte in einer Reihe von dreidimensionalen Szenen lebendig, mit lebensgroßen Skulpturen und Nachbildungen von Wandmalereien und Innenräumen, die das Alltagsleben und bekannte Persönlichkeiten der mittelalterlichen bulgarischen Gesellschaft originalgetreu wiedergeben. Der Besucher findet sich neben den lebensgroßen Figuren von Iwan Assen II. und seiner Gattin, der ungarischen Prinzessin Anna-Maria Arpat, wieder. Daneben ist Patriarch Joachim I., der einer Audienz im Thronsaal beiwohnt, zu sehen.
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Beeindruckend sind die Schlachtszenen mit den Kämpfen bei Edirne, Klokotniza oder der Verteidigung von Tarnowo gegen den Einfall der osmanischen Truppen im Jahr 1393.
Nicht weniger faszinierend ist das Diorama mit dem Heiligen Patriarchen Euthymius von Tarnowo, dem geistlichen Führer, Gelehrten und Anführer der Verteidigung von Tarnowo gegen die Osmanen. Es zeigt, wie er sich von seinem Volk verabschiedet, bevor er ins Exil geht. Mit Hilfe der 3D-Technologie wird der Betrachter in eine erweiterte Realität mit Sound versetzt, die die Szenen zusätzlich zum Leben erweckt und ihn in die reiche Geschichte der heutigen Stadt Weliko Tarnowo eintauchen lässt - Symbol für Erhabenheit, militärischen Ruhm und geistige Macht in der Zeit des Zweiten Bulgarischen Reiches.
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„Die Besucher können den historischen Hügel „Zarewez“ hinaufgehen, wo sich einige teilweise restaurierte Wohnhäuser von Bojaren und die Ruinen des einstigen Palastes befinden. Dort steht auch die Kirche „Himmelfahrt des Herrn“, die vollständig restauriert wurde“, ergänzt die Reiseleiterin Swetlana Jordanowa und fügt hinzu, dass die Rolle des Besucherzentrums nicht darin besteht, das Erlebnis in den Museen, in denen authentische archäologische Funde ausgestellt sind, zu ersetzen, sondern es zu ergänzen.
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„Neben Nachbildungen von Museumsstücken, haben wir hier 65 menschliche Figuren, die in verschiedenen Szenen angeordnet sind und einen Eindruck von der Zeit vom 12. bis zum 14. Jahrhundert, dem bulgarischen Mittelalter, vermitteln. Der Rundgang durch das Multimediazentrum beginnt in einem Teil einer Wohnung, die von den ärmeren Schichten bewohnt wurde. Das war ein Haus innerhalb der Festung. Die Einrichtung dieser Menschen war bescheiden. Das einzige Bett war für die ganze Familie vorgesehen, alle schliefen nebeneinander. Die Menschen beschäftigten sich hauptsächlich mit Landwirtschaft. Ihre karge Ernährung stammte vollständig aus eigenem Anbau, Fleisch gab es selten“, erzählt Swetlana Jordanowa und betont, dass die Kirche einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen ausgeübt hat. Ein Beweis dafür sind die 50 aktiven Kirchen, die es damals in Tarnowgrad gab, als es die Hauptstadt Bulgariens war. Die Kirchen waren reich mit Wandmalereien verziert, wozu die berühmte Malerschule von Tarnowo einen großen Beitrag geleistet hat.
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Im Gegensatz zu der gewöhnlichen Wohnung der einfachen Menschen war die Wohnung eines Bojaren wesentlich geräumiger. Die Möbel wurden aus Massivholz von den besten Tischlermeistern gefertigt. Neben silbernen Besteck wurde auch luxuriöse Keramik verwendet - die typische Sgraffito-Keramik aus Tarnowo.
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Bei der Eröffnung des multimedialen Besucherzentrums am 17. März 2013 bestand die Ausstellung aus 28 Figuren, die in einer Etage untergebracht waren. Inzwischen sind 37 weitere hinzugekommen. Ihre Körper sind aus Gips in Lebensgröße gefertigt, die Gesichter bestehen aus Silikon, wirken aber dennoch sehr realistisch. „Die menschlichen Figuren sind bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Ihr Bildhauer ist Boris Borissow“, erläutert Swetlana Jordanowa.
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Eine Nachbildung des königlichen Glanzes sehen wir im nachgebildeten Thronsaal der bulgarischen Herrscher.
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„Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die königlichen Insignien, die dem Monarchen bei seiner Thronbesteigung überreicht werden und sein Herrschaftsrecht bezeugen. An erster Stelle steht der Thron, danach die Krone, das Zepter in seiner Hand, Symbol der Macht, und der Siegelring, mit dem der König Dokumente besiegelte. Wir sehen auch den roten Mantel, der mit einem goldenen Gürtel um die Taille gebunden ist. Ein Zeichen königlicher Macht sind auch die roten Stiefel. Auf dem Schoß des Königs liegt ein kleiner weißer Beutel mit einer Handvoll Erde darin, ein Symbol dafür, dass auch der König sterblich ist. Obwohl er der oberste Herrscher ist, darf er sich nicht selbst vergessen, denn wie alle anderen Menschen ist auch er verpflichtet, die Gesetze des Landes zu befolgen.“
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Die Stütze der königlichen Macht war das Heer mit seiner Ausrüstung – den Schutzpanzern und Helmen, ergänzt durch Angriffswaffen wie Pfeile, Speere, Schwerter, Streitkolben und Armbrüste. „Hier sehen wir den sogenannten Rammbock, eine Belagerungsmaschine, die zum Aufbrechen von Festungstoren konstruiert wurde. Die Vorrichtung ist überdacht, da die Verteidiger der Festung von oben Pfeile, Pech und kochendes Wasser auf die Angreifer warfen. Die ausgestellten Kampfgeräte sind Nachbildungen, Teile der Originale sind im Historischen Museum von Weliko Tarnowo zu sehen.
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Ein weiterer interessanter Aspekt des bulgarischen Mittelalters ist die Entwicklung des Handwerks, der besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Einst waren es 50 verschiedene Handwerke, ausgestellt sind nur die vier der relevantesten für die Stadt Weliko Tranowo.
Eines der führenden Handwerke jener Zeit war die Schmiedekunst. Die alten Meister stellten landwirtschaftliche Geräte zur Bodenbearbeitung sowie Waffen für das Militär her, weshalb die Schmiede hoch angesehen waren.
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Die Töpferei ist das älteste Handwerk. Im Mittelalter wurde bereits die Töpferscheibe benutzt, so dass der Töpfer beide Hände frei hatte und schönere Gefäße formen konnte. „Nachdem das Gefäß fertig war, wurde es mit Engobe überzogen – das ist Ton, der mit etwas Wasser vermischt wurde“, erklärt Swetlana. „Bevor die Gefäße gebrannt werden, wurden mit einem spitzen Werkzeug die Verzierungen eingeritzt. So entstand die typische Sgraffito-Keramik aus Tarnowo, ein Erbe der byzantinischen Kultur in Bulgarien.“
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Im Besucherzentrum „Zarewgrad Tarnow“ ist der Rundgang noch nicht zu Ende. Interessant sind auch die Darstellung einer Einkaufsstraße und die farbenfrohen Gewänder der Adligen und Händler. In einem anderen Raum erklingen Gesänge, komponiert vom berühmten Joan Kukuzel, dessen Gesangstalent ihm den Beinamen „Engelsstimme“ einbrachte. Die Ausstellung führt uns auch in das sogenannte Skriptorium, wo mittelalterliche Literatur entstand, die im 14. und 15. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte und als die Schriftschule von Tarnowo in die Geschichte eingegangen ist.
Im Multimedia-Besucherzentrum „Zarewgrad Tarnow“ ist ein symbolischer Ausschnitt der bulgarischen Vergangenheit zusammengestellt, der auf unbestreitbare Weise die militärische Stärke sowie den geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung des Zweiten Bulgarischen Reiches belegt. Diese Kultur, die eng mit der christlichen Tradition verbunden ist, half den Bulgaren, unter der Herrschaft der osmanischen Sultane fünf Jahrhunderte lang als Volk zu bestehen.
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Übersetzung: Georgetta Janewa
Gestaltet von Georgetta Janewa