Autor
Wessela Krastewa
Artikel
Montag 6 April 2026 12:05
Montag, 6 April 2026, 12:05
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Was bedeutet nationale Identität heute? Inwieweit bestimmt der Ort, aus dem wir stammen, wer wir sind? Verändern wir uns durch die Zeit, die wir in einem anderen Land und inmitten einer fremden Kultur verbringen? Das sind nur einige der vielen Fragen, die eine Reise im Jahr 2023 mit dem Zug vom Dorf Smejowo im Süden Bulgariens in der Nähe von Stara Sagora in die deutsche Hauptstadt Berlin aufwirft. Fünf Tage voller Gedanken und Leidenschaft für Osteuropa – für seine Geschichte, Menschen und Kultur. Und für seine ungezähmte Schönheit. Über den Platz eines kleinen Landes wie Bulgarien auf der großen Landkarte des Alten Kontinents und all die Emotionen, die die kosmopolitische Welt, in der wir leben, hervorruft. Das Ergebnis dieses Abenteuers ist der deutschsprachige Audio-Podcast „Der Heimweg“ der Bulgarin Militsa Tekelieva.
FOTO persönliches Archiv
„Geboren bin ich in Stara Zagora, lebe aber seit 13 Jahren in Berlin und arbeite seit fünf Jahren als Podcast-Produzentin in einer Produktionsfirma. Das Dorf Smejowo ist der Ort, an dem ich einen Großteil meiner Jugend verbracht habe, wo meine Eltern derzeit leben und wohin ich zurückkehre, wenn ich nach Bulgarien komme.“
Mili, wie sie liebevoll von Freunden und Familie genannt wird, ist ein Kind der neuen Zeit, das das Gefühl von Heimat zwischen zwei Ländern und Hunderten von Kilometern Entfernung teilt. Auf dem Weg liegen all jene Fragen, die wir uns auf der Suche nach der Antwort stellen – wer bin ich? Auch Militsa, die dem deutschsprachigen Publikum ihre persönliche Geschichte erzählt. Eine Geschichte in fünf Episoden mit dem Titel „Der Weg nach Hause“. Die Präsentation einer Folge des Podcasts im Goethe-Institut in Sofia führte Tekelieva zurück nach Bulgarien, wo sie von ihrer Idee erzählte, über ihre nationale Identität während der Reise zu sprechen, eine Reise, in der sich jeder wiedererkennt, der seine Heimat verlassen hat.
Sie selbst traf im Alter von nur 19 die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, weil sie sich verliebt hatte. „Ich war ein junges, verliebtes Mädchen, für das sich die Dinge ganz spontan entwickelten“, erzählte die junge Bulgarin in einem Exklusivinterview für Radio Bulgarien. Vor 13 Jahren hatte sie fest vor, Journalismus zu studieren und nach Abschluss des Studiums in Deutschland in ihre Heimat zurückzukehren.
FOTO Dimitar Tekeliew
„In den ersten Jahren konnte ich mich überhaupt nicht mit Berlin anfreunden. Die Beziehung, die mich dorthin geführt hatte, zerbrach ziemlich schnell, und ich war auf mich allein gestellt. Meine Familie, die mir sehr wichtig ist, war nicht da, und ich fragte mich, was ich an diesem Ort eigentlich mache. Ich war fest entschlossen, das Studium zu beenden und danach nach Hause zurückzukehren. Dann tauchte unerwartet eine andere Liebe auf, die zweite, die mich dazu brachte, in Deutschland zu bleiben. Seitdem sind schon über zehn Jahre vergangen“, erinnert sich Militsa und gibt zu, dass sie es geschafft hat, Berlin mit anderen Augen zu sehen - als einen Ort mit großer Kultur, interessanten Persönlichkeiten und viel Freiheit. Es taucht die Frage auf wie wichtig Identität für einen Menschen bei der Anpassung an eine andere Kultur ist, und ob sie ausschlaggebend für die Unterschiede zwischen uns ist.
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„Wir sind unterschiedlich, aber letztendlich sind wir gar nicht so verschieden. Ich glaube, es gibt einige Dinge, die ich meinen deutschen Freunden niemals erklären könnte. Es ist eher ein Gefühl – die Art und Weise, wie ich mich fühle, wenn ich von Bulgaren oder Menschen aus Osteuropa im Allgemeinen umgeben bin, wenn es zwischen uns ein Verständnis auf einer anderen Ebene gibt, das man anderen nicht vermitteln kann, egal wie gut man Deutsch spricht. Natürlich sind wir durch das Umfeld geprägt, in dem wir aufgewachsen sind, erklärt Milica.
Berlin ist heute ihr Zuhause – eine Tatsache, die sich unmerklich und mit der Zeit ergeben hat. Aber sie gibt zu, dass die Frage nach der Identität lange Zeit besonders wichtig war – zu erklären, wer sie ist. Und vielleicht war es genau das, was sie vor fast drei Jahren auf jene Reise führte, von ihrem Elternhaus zu dem, das sie in der Fremde aufbaut.
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„Am Ende der Reise hatte ich über 200 Aufnahmen von den unterschiedlichsten Orten. Auf meiner Reise kam ich durch Russe, Bukarest, Budapest, Prag und anschließend Berlin, und von all diesen Orten hatte ich Tonaufnahmen von Zügen oder aus den Städten, durch die ich gereist war. Ich hatte Aufnahmen von Gesprächen mit zufälligen Menschen. Und wenn ich eine Erzählung daraus machen wollte, musste ich all diese Aufnahmen systematisieren und die Geschichte darin finden, die mehr sein sollte als ein Reiseführer. Sie musste persönlicher sein und eine Reflexion meines eigenen Wesens darstellen. Was bedeutet diese Reise als Analogie zur Reise zwischen der Geschichte und den Besonderheiten dieser Orte, durch die ich gereist bin, und meiner eigenen Reise? Was bedeutet es, zwei Orte zu haben, die dein Zuhause sind? Das war ein langer und schwieriger Prozess.“
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Militsa ist überzeugt, dass es viel einfacher ist, einen Menschen zu verstehen, wenn man weiss, woher er kommt. „Es ist einfacher, die bulgarische Mentalität zu verstehen, wenn man in Bulgarien war, und natürlich fällt es mir leichter, die deutsche zu verstehen, da ich so lange dort gelebt habe. Dass wir die Möglichkeit haben, zu reisen und uns frei in Europa zu bewegen, ist sehr wertvoll, um uns besser kennenzulernen und enger zusammenzuwachsen. Zu sehen, dass wir eigentlich gar nicht so verschieden sind, trotz unserer jeweiligen Besonderheiten“, sagt sie. Und genau das versucht sie in ihren Podcasts zu erzählen. In der ersten Folge reist sie von Berlin über den Flughafen Sofia in das Dorf Smejowo. Sie erzählt über sich und spaziert gemeinsam mit ihrem Vater Dimitar durch das Dorf, das für sein großes Wermutfest am Vorabend von Weihnachten bekannt ist.
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„Mein Vater und ich sprechen über die Reise, aber auch darüber, warum ich weggegangen bin und wie er sich damit fühlt, dass ich nicht bei meiner Familie bin. In der zweiten Folge, die ich auch in Sofia im Goethe-Institut präsentiert habe, geht es um mein Heimatgefühl, nachdem ich nun schon so viele Jahre in Deutschland lebe, und um mein Schuldgefühl, dass ich Bulgarien verlassen habe und hier nicht zu seiner Entwicklung beitrage. Die dritte Folge spielt in Rumänien und handelt von meinem Treffen mit meiner rumänischen Freundin, die ebenfalls in Berlin lebt und arbeitet, sowie vom Kommunismus und dem Erbe, das diese Zeit im Bewusstsein der Menschen hinterlassen hat. Die vierte Folge ist einer zufälligen Freundschaft mit zwei Mädchen in Budapest gewidmet, die eine aus Australien, die andere aus Frankreich, die ich auf einer Radtour durch die Stadt kennengelernt habe. Es geht vor allem darum, welchen Menschen wir zufällig auf unserem Weg begegnen und wie eine solche Freundschaft an einem Tag entstehen und dann einfach für immer enden kann.
FOTO persönliches Archiv
Die fünfte und letzte Folge handelt über Prag und meiner Rückkehr nach Berlin. Darin geht es um das Ankommen und darum, was es bedeutet, an einem Ort buchstäblich und im übertragenen Sinne anzukommen. „In Berlin werde ich Bulgarien immer vermissen, und in Bulgarien werde ich mich immer über irgendetwas ärgern“, sagt Militsa mit einem Lächeln und gibt zu, dass das Einzige, was sie in der Situation, in die sie sich gebracht hat, tun kann, darin besteht, die Verbindung zu beiden Orten so gut es geht aufrechtzuerhalten. Eine der wichtigsten Antworten, die sie durch den Podcast „Der Weg nach Hause“ erhalten hat, ist, dass sie niemandem erklären muss, wer sie ist.
Militsa hat die Verbindung zu ihrer Heimat nicht abgebrochen. Durch ihre Arbeit und die Geschichten im Podcast „Der Heimweg“ möchte sie mehr denn je das Interesse an Bulgarien und an den weniger bekannten Geschichten Osteuropas wecken. „Ich hoffe, die Deutschen zu motivieren, dass sie, bevor sie nach Bali fahren, erst einmal durch Bulgarien reisen und den Schopska-Salat probieren, sagt sie mit ihrem typischen balkanischen Sinn für Humor.
Übersetzung: Georgetta Janewa
Gestaltet von Georgetta Janewa