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Jowtscho Karaiwanow – der Koloss unter den Interpreten thrakischer Volkslieder

Am 18. März jährte sich zum 100. Mal die Geburt des bedeutenden Sängers, der den bulgarischen Folkloregesang zur Mission seines Lebens machte

Mittwoch, 15 April 2026, 15:03

Jowtscho Karaiwanow (1926 – 1996)

Jowtscho Karaiwanow (1926 – 1996)

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Jowtscho Karaiwanow (18. März 1926 – 31. März 1996) wurde als „Gigant und unerreichbarer Berg unter den Sängern thrakischer Volkslieder“ sowie als „Epoche in unserer Folklorekultur“ bezeichnet. Er wurde im Dorf Seliminowo bei Sliwen (Südostbulgarien) geboren. In seiner Jugend arbeitete er in Textilfabriken. Mit 21 Jahren schloss er seine Schulausbildung ab und absolvierte später die Juristische Fakultät der Sofioter Universität. Trotz der Aussicht auf eine erfolgreiche Laufbahn als Anwalt entschied er sich aus seiner unstillbaren Leidenschaft für die Kunst für den Weg eines Volkssängers – eine Entscheidung, die seinem Leben Inhalt und Sinn verlieh. 

Sein natürliches Talent, seine ausdrucksstarke lyrische Stimme und sein reiches Repertoire führten ihn zu den Mikrofonen des Bulgarischen Nationalen Rundfunks und in das Staatliche Ensemble für Volkslieder und -tänze unter der Leitung von Filip Kutew. 

Er gastierte in der Schweiz, Frankreich, Russland, im Irak, im Libanon, in der Mongolei und in China. Als Künstler mit ausgeprägtem Stilgefühl und hohen Ansprüchen machte er die Folklore seiner Heimatregion weithin bekannt. Die thrakischen Lieder in seinen Interpretationen wurden außerordentlich populär und sind bis heute festen Bestandteil des Repertoires vieler Volkssänger und Ensembles. 

Über viele Jahre hinweg war er auch ein engagierter Pädagoge. In den letzten Jahren seines Lebens arbeitete Karaiwanow in der Redaktion „Volksmusik“ des Bulgarischen Nationalen Rundfunks und war für die Bewahrung der musikalischen Dialekte in den geplanten Aufnahmen verantwortlich. Bei der Vorbereitung seines Repertoires konsultierte er häufig namhafte Folkloristen der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Einer seiner engen Kollegen und Freunde war Akademiemitglied Nikolai Kaufman, der ihn als „glückliche Erscheinung in unserem Musikleben“ und als „eine der höchsten Errungenschaften der bulgarischen volkstümlichen Gesangsschule“ bezeichnete. 

Akad. Nikolai Kaufman

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Am 31. März 1996 wurde sein 70. Geburtstag mit einem großen Folklorekonzert im Nationalen Kulturpalast begangen. Nikolai Kaufman trat auf die Bühne, um dem Publikum seinen künstlerischen Werdegang vorzustellen und die wichtigsten künstlerischen Merkmale seines Interpretationsstils zu analysieren – eine Aufnahme dieser Worte wird im „Goldenen Fonds“ des Bulgarischen Nationalen Rundfunks aufbewahrt: 

FOTO archives.bnr.bg

„Reiner thrakischer sprachlicher und musikalischer Dialekt; aufrichtige, unverstellte Emotionalität; reiche, aber prägnante und nicht überladene Ornamentik, streng dem Charakter des Liedes entsprechend dosiert; ausgeprägte musikalische und sprachliche Begabung zur Improvisation; logische musikalische Phrasierung – mit kaum wahrnehmbaren dynamischen Nuancen; hohe Ästhetik bei der Auswahl und Darbietung des Volksliedes; makellose Intonationsreinheit; ein maßvoll schönes Vibrato, das sich deutlich von der modernen Verzerrung und Übertreibung des traditionellen Vibratos unterscheidet. Insgesamt gefestigt würde ich von einem ‚Jowtscho’schen Interpretationsstil‘ sprechen, der ihn deutlich von allen anderen großen Volkssängern unseres Landes abhebt. Seinen gesamten künstlerischen Weg ist der Künstler in enger Verbindung mit Radio Sofia gegangen. Seine Spur ist in ganz Bulgarien sichtbar und hörbar – heute und in ferner Zukunft“, sagte Kaufman. 

Jowtscho Karaiwanow war glücklich – das Konzert zu seinem 70. Geburtstag war repräsentativ, der Saal voll. Sichtlich bewegt wandte er sich an das Publikum. Er erinnerte sich an seine Kindheit; an seine Mutter, die unermüdlich arbeitete und sang; an seinen Lehrer am Gymnasium in Sliwen – den großen Musiker Mischo Todorow; an die Begegnung mit dem bekannten Metropoliten Ewlogij von Sliwen, der ihm in einer schweren Zeit half und ihn mit den Worten segnete: „Mögen deine Lieder deine Gebete sein. Vermag es, aus jedem Lied ein Gebet zu machen!“ 

In den letzten Minuten sagte der Sänger: „Ich habe das Leben geliebt. Ich liebe es auch jetzt – durch die Lieder, die ich von meiner Großmutter und meiner Mutter kenne. Besonders beeindruckt hat mich, wenn meine Mutter Lieder sang, die auf einem Glauben oder einer Überlieferung beruhten.“ Danach erzählte er den Inhalt eines seiner Lieblingslieder, in dem ein junger Mann seiner Mutter von einem seltsamen Traum und seiner Sorge berichtet, dieser kündige seinen Tod an. Jowtscho Karaiwanow sang das Lied. 

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Der Saal, gefüllt mit Bewunderern, Freunden, Kollegen, bedeutenden Musikern, Künstlern, Journalisten und Politikern, applaudierte. Stunden nach dem Ende des Konzerts verließ der Sänger diese Welt. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov