Am Karfreitag leiden wir mit dem Erlöser und lernen, zu verzeihen

Freitag, 10 April 2026, 09:05

Am Karfreitag leiden wir mit dem Erlöser und lernen, zu verzeihen

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Karfreitag ist der traurigste Tag für die christliche Welt. Am Morgen darf keine Heilige Liturgie gelesen werden, denn das ist der Tag, an dem Jesus Christus, der das Sakrament der Eucharistie gestiftet hat, in die Unterwelt zu den Toten hinabsteigt.

In den orthodoxen Kirchen wird am Karfreitag das Leichentuch ausgestellt, auf dem das Bildnis Christi in einem Sarg liegend gestickt ist. Die Gläubigen verneigen sich und küssen es. „Wir trauern um den, der sein Leben für uns am Kreuz gegeben hat, und zugleich preisen und danken wir ihm, dass er diese Erlösung vollbracht hat. Deshalb verneigt sich am Karfreitag jeder, der auch nur einen Funken Gottes in sich trägt, vor dem Opfer des Erlösers, vermemerkt Prof. Iwan Schelew in einem Interview für Radio Bulgarien.

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In Bulgarien, aber auch in anderen Ländern des Balkans, wird das Leichentuch in die mit Blumen geschmückte so genannte Kuwuklia gelegt, die das Grab des Herrn symbolisiert. Dort werden auch das Evangelium und das Kreuz platziert. Die Gläubigen verneigen sich und küssen nacheinander das Leichentuch, das Evangelium und das Kreuz, woraufhin sie unter die Kuwuklia hindurchkriechen und auf diese Weise symbolisch in das Grab hinabsteigen, wo sie ihren Stolz und ihren Egoismus zurücklassen, um mit dem Erlöser zu neuem Leben aufzuerstehen – zu Brüderlichkeit, Demut und Nächstenliebe. Prof. Schelew zufolge kommt es in erster Linie darauf an, ob wir es vollbringen, uns geistig zu demütigen und zu bereuen.

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„Das Küssen und die Verbeugung vor dem für unsere Sünden gekreuzigten Erlöser ist das Mindeste, was wir tun können“, sagt Prof. Schelew. Das „Kriechen" unter dem symbolischen Grab Christi ist kein magischer Akt. Es bringt nicht zwangsläufig und automatisch irgendeine spirituelle Belohnung mit sich. Wir gehen in die Kirche, selbst diejenigen, die nicht so stark gläubig sind und ihren Glauben nicht regelmäßig praktizieren. Doch wir haben das Gefühl, dass wir hingehen und den Satz aussprechen müssen: ‚Gott, vergib mir!‘ Diese einfachen Worte sollen wir nicht nur aussprechen, sondern verinnerlichen. Die Buße, das Reuebekenntnis, ist im Griechischen ein Wort, das eine Veränderung des Denkens bedeutet. Das heißt, wir müssen unser Denken ändern, nicht einfach irgendeinen Akt vollziehen. Die Veränderung muss zuerst in uns selbst stattfinden, tief in unseren Seelen.“

Deshalb fordern die Priester die Gläubigen auf, die sich vorbereiten und die Gnade der leuchtenden Auferstehung Christi spüren wollen, dazu auf, wahrhaftig anwesend zu sein. Sie sollen zugleich unermessliche Trauer und unermessliche Dankbarkeit empfinden, mit ihrer Seele den Erlöser spüren, der unerhörte Schmerzen erleidet und denen vergibt, die ihn quälen. Gerade die Vergebung ist das Maß der Liebe. Sie ist das Beispiel dafür, wie wir vergeben sollten, wenn wir zu Unrecht verletzt wurden. In diesem Moment sind wir aufgerufen zu vergeben, nicht weil derjenige, der uns verletzt hat, es verdient, sondern weil Christus uns vergeben hat, als wir es nicht verdient hatten.

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„Es ist ein Paradoxon, dass der Erlöser der Welt zu den Räubern gezählt und ans Kreuz genagelt wurde“, bemerkt Prof. „All dies wird in den Texten der Gottesdienste dieser Tage beschrieben – es wird vorgelesen und gesungen. Leider ist in diesen Gesängen nicht alles zu verstehen, doch alles ist sehr gut beschrieben, weil die Texte von den besten Dichtern des frühen Mittelalters verfasst wurden. Sie schufen die religiösen Hymnen, die bis heute gesungen werden. Die bemerkenswerte Übersetzung stammt von den heiligen Brüdern Kyrill und Method und ihren Schülern. Im Laufe der Jahrhunderte, bis zur Zeit des heiligen Patriarchen Euthymius im 14. Jahrhundert, war bereits alles ins Albulgarische übersetzt. Diese Texte sind heute in unserem Besitz.“



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Wer die Ereignisse der Karwoche nacherleben möchte, findet sie im Neuen Testament, beschrieben von den Jüngern Christi, den Evangelisten Lukas, Matthäus, Johannes und Markus. Sie sind auch in der neuen App der Bulgarischen Orthodoxen Kirche im Abschnitt „Bibel“ zu finden.

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Übersetzung: GeorgettaJanewa