Autor
Darina Grigorowa
Artikel
Freitag 10 April 2026 13:43
Freitag, 10 April 2026, 13:43
FOTO cathedral.bg
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Die Karfreitags- Gesänge gehören zu den schönsten und eindrucksvollsten im orthodoxen Gottesdienst. Sie sind nicht einfach Musik, sondern ein musikalisches Wehklagen, das uns gleichsam durch die Ereignisse von Golgota führt und mit der erwartungsvollen Vorfreude auf die Auferstehung des Erlösers endet.
Obwohl
sie die Trauer schildern, entspringt ihnen auch die Hoffnung, dass
der Tod durch den Tod besiegt ist. Jesus Christus, die Quelle des
Lebens, wird ins Grab gelegt, doch gerade durch dieses Eintreten in
den Tod vernichtet Er ihn von innen. Das gibt dem Gläubigen die
Gewissheit, dass Tod und Grab kein Ende sind, sondern ein Tor zur
Erlösung.
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„Die Kirche gibt uns überhaupt keine Zeit, menschlich zu trauern“, bemerkte der Theologe und Dozent für Kirchengesang Nikola Antonow in einem Interview für Radio Bulgarien und fügte hinzu:
„Auf diese Weise erzieht uns die Kirche dazu, die Trauer zu durchleben, Trauer zu empfinden, uns ihr aber nicht hinzugeben. Das ist auch eine Erziehung für unser Leben in der heutigen Zeit. Was ist die Geißel der Gegenwart? Nun, die Depression, die Niedergeschlagenheit – das ist die Trauer des modernen Menschen. Man muss nicht unbedingt einen nahestehenden Menschen verloren haben, um in einen solchen Zustand zu geraten, der die meisten Menschen erfasst, wenn sie mit Schwierigkeiten konfrontiert werden. Und in diesem Sinne erziehen wir uns unbewusst, indem wir diesem liturgischen Zyklus folgen, tatsächlich dazu, nicht in der Trauer zu versinken“, sagte Nikola Antonow.
FOTO Facebook/Nikola Antonow
Der Übergang von Trauer zu Licht tritt in den drei Teilen der Christi Totenmesse, auch als Grabklage bekannt, deutlich hervor. Im ersten und zweiten überwiegt die Trauer der Gottesmutter, die ihren Sohn beweint. Im dritten jedoch schimmert bereits das Licht der Freude durch.
In den bulgarischen orthodoxen Kirchen werden zwei grundlegende Stile bei den Klagegesängen zum Leiden und Sterben Christi aufgeführt. Das sind der byzantinische östliche Kirchengesang, der stärker vertieft und mystisch ist, sowie der mehrstimmige Chorgesang, bei dem die Melodie leicht erkennbar ist und alle Anwesenden im Gotteshaus mit einbezieht:
„Die mehrstimmige Version – die dreistimmige oder vierstimmige – hat unterschiedliche Varianten, je nachdem, für welche Art von Kirchenchor sie bestimmt ist. Auch sie basiert auf der byzantinischen, ist jedoch harmonisiert, sodass im Fundament das byzantinische Modell erklingt. Beide Varianten sind schön und reich, doch es ist sehr wichtig, dass wir wissen, wie diese Melodien auszuführen sind. Das ist bereits eine Frage der Erziehung, der kirchlichen Ästhetik, der Ausführenden, der Chöre, der Dirigenten, und das ist ein wichtiges Thema, das mit der Art und Weise verbunden ist, wie wir die kirchlichen Melodien interpretieren“, so Nikola Antonow.
Einige der schönsten Harmonisationen der kirchlichen Gesänge stammen vom großen bulgarischen Komponisten Dobri Christow und werden in fast jeder großen bulgarischen Kirche gesungen. Die besten Beispiele von chorischen Klagegesängen zum Leiden und Sterben Christi sind in der Kathedrale „Heiliger Alexander Newski“ zu hören.
FOTO cathedral.bg
Der Männerchor „Heiliger Joan Kukusel“ singt zwar häufig im monodischen Stil, hat jedoch auch mehrstimmige Aufführungen der Passionsgesänge, die wegen ihrer außergewöhnlichen Ausgeglichenheit und Tiefe weltweit anerkannt sind.
Die Musik in den Gottesdiensten hat eine sehr wichtige Rolle, betonte Nikola Antonow und erläuterte:
„Deshalb hat die Kirche bereits in der Antike besondere kirchliche Regeln bezüglich der Sänger geschaffen, wie gesungen werden soll. Es heißt: mit besonderer Aufmerksamkeit und Rührung, was ebenfalls eine asketische Tugend ist. Tatsächlich besteht die Aufgabe der Musik im orthodoxen Gottesdienst darin, das Gebet der Gläubigen zu unterstützen, sie so zu führen, dass wir gleichsam alle, die wir in der Liturgie sind, uns singend zum Reich Gottes erheben, denn das Singen ist eine ständige innere Bewegung der Seele. Deshalb stützt sich der orthodoxe Gottesdienst hauptsächlich auf den Gesang, da wir uns unaufhörlich bewegen. Wir bewegen uns auf Gott zu.“
Übersetzung: Rossiza Radulowa
Gestaltet von Rossiza Radulowa