Nachricht
Im Meer der Unsicherheit bleibt Humor für Bulgaren ein Rettungsring
Dienstag 21 April 2026 14:03
Dienstag, 21 April 2026, 14:03
FOTO BNR
Schriftgröße
Die Inflation bereitet den Bulgaren Sorgen – die Umstellung der Währung, verbunden mit steigenden Kraftstoffpreisen, reißt Löcher in die Familienbudgets. Deshalb sagen die für ihren ausgeprägten Humor und ihre Sparsamkeit bekannten Einwohner von Gabrowo halb im Ernst, halb im Scherz, sie gingen lieber nicht aus dem Haus, um der Inflation nicht zu begegnen. In der bulgarischen Humorhauptstadt wurde der Preisanstieg sogar zum Anlass für Spott: Der nationale Kinderwettbewerb zum Bau von Vogelscheuchen steht in diesem Jahr unter dem Motto „Wir verscheuchen die Preise, nicht die Krähen“.
„Neben dem Vertreiben von Krähen nutzen die Gabrower Vogelscheuchen auch anders – vor Jahren stellten findige Einwohner am Straßenrand eine Polizistenpuppe auf, um Raser abzuschrecken“, berichtete die Korrespondentin des Bulgarischen Nationalen Rundfunks Welina Machlebaschiewa. „Jetzt aber bewegt viele vor allem der Preisanstieg. Deshalb haben die Organisatoren vom Ethnografischen Freilichtmuseum Etar beschlossen, den Humor von Kindern und Jugendlichen auf die Probe zu stellen – sie sollen Vogelscheuchen gestalten, die nicht Krähen, sondern Preise erschrecken.“
Einige Beiträge sind bereits eingereicht worden, darunter auch einer vom Kindergarten „Daga“ in Gabrowo. Die überlebensgroße Vogelscheuche besteht fast vollständig aus recycelten Materialien.
„Die Kinder wollten unbedingt einen Besen, damit sie die hohen Spielzeugpreise vertreiben kann, denn seitdem die Preise in Euro sind, kaufen die Eltern weniger Spielzeug“, erklärte die Lehrerin Petja Kerekowa.
FOTO Regionales ethnografisches Freilichtmuseum „Etar“
„Wir haben sie ‚Billigkeit‘ genannt, weil sie aus ganz günstigen Dingen besteht – Flaschendeckeln, einem Secondhand-Kostüm, einem Mund aus einem geplatzten Ball und einem kaputten Regenschirm als Rock.“
So kommentieren Kinder auf typisch gabrowische Weise mit viel Humor ein ernstes Thema – steigende Preise und die wachsende Verunsicherung in der Gesellschaft. „Geld spart man, wenn man welches hat“, sagte ein älterer Einwohner, während eine Mitbürgerin ergänzte: „Ein Gabrower kommt immer zurecht – er zieht sich zurück, wartet ab, bis das Schlimmste vorbei ist, und kommt dann wieder heraus.“
FOTO Regionales ethnografisches Freilichtmuseum „Etar“
Humor erweist sich als wichtiger Bestandteil eines gesunden Umgangs mit Krisen. Die Psychologin Margarita Bakratschewa erklärte im Programm des Bulgarischen Nationalen Rundfunks, dass der Verlust des Humors die negativen Auswirkungen von passiver Anpassung und Abwarten noch verstärke. Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit beeinträchtigten das grundlegende Gefühl von Sicherheit und Kontrolle über das eigene Leben. Auch Kinder seien zunehmend betroffen.
„Wir leben praktisch in einer sich zuspitzenden Unsicherheitslage, die mit der COVID-19-Pandemie begann, sich mit militärischen Konflikten fortsetzte und nun weiter eskaliert. Es handelt sich um eine globale Krise, die – besonders vor dem Hintergrund nationaler Instabilität – ein Umfeld der Unvorhersehbarkeit schafft, in dem langfristige Planung schwierig wird“, so die Expertin.
Es sei unmöglich, Menschen vollständig vor solchen Entwicklungen zu schützen. Entscheidend sei jedoch, sich bestmöglich anzupassen und negative Auswirkungen abzumildern. Ihr Rat: sich auf Dinge zu konzentrieren, die ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle vermitteln – vor allem zwischenmenschliche Beziehungen und alltägliche Aktivitäten, die unabhängig von äußeren Umständen gestaltbar sind.
FOTO Regionales ethnografisches Freilichtmuseum „Etar“
„Misstrauen, soziale Spannungen und bevorstehende Wahlen beeinflussen unsere Kommunikation. Ein Teil der Informationen nehmen wir bewusst über Medien und Gespräche wahr. Ein größerer Teil aber wirkt unbewusst – über unsere Wahrnehmung von Sicherheit oder Unsicherheit, vermittelt durch unser Nervensystem, durch die Stimmung, durch fehlende Lächeln im Alltag“, erklärte Bakratschewa.
Gerade deshalb seien kleine, kontrollierbare Dinge wichtig – Zeit für Familie und Kinder, bewusst gestaltete gemeinsame Momente. Diese lösen zwar nicht die allgemeinen Probleme, helfen aber, das innere Gleichgewicht zu stabilisieren. „Wenn wir uns Zeit nehmen, unsere Erlebnisse zu verarbeiten, tragen wir dazu bei, ein Gleichgewicht zu bewahren, das sowohl unsere körperliche als auch unsere psychische Gesundheit unterstützt“, betonte die Psychologin.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov