Autor
Elena Karkalanowa
Nachricht
Wahlkampf für 52. Volksversammlung: motivierend oder ideenlos?
Freitag 17 April 2026 15:17
Freitag, 17 April 2026, 15:17
FOTO BTA
Schriftgröße
Die letzten Stunden des Wahlkampfs für die vorgezogenen Parlamentswahlen am 19. April laufen. Er endet 24 Stunden vor Beginn des Wahltags, also um 24.00 Uhr am 17. April. Viele Parteien nutzen die letzten Tage für ihre Abschlussveranstaltungen, um Wähler zu mobilisieren. Daher stellt sich die Frage: War die achte Kampagne in den vergangenen fünf Jahren motivierend oder eher ideenlos?
Doz. Nikolaj Dimitrow
FOTO Ani Petrowa
„Der Wahlkampf in Bulgarien hatte eher eine demotivierende Wirkung und war zweifellos ideenlos“, meint der Sozialpsychologe Doz. Nikolaj Dimitrow von der Universität Hl. Kliment von Ochrid. „Wir befinden uns in einer Spirale von Wahlen, und die kurzen Abstände führen zu Ermüdung und dem Gefühl, dass sich nichts ändert. Gleichzeitig haben wir eine Kampagne mit auffälligem Mangel an Botschaften erlebt. Viele Parteien setzten eher auf Angriffe gegen ihre Gegner statt auf konkrete Lösungen für Probleme wie Inflation, Einkommen oder auch bekannte Defizite etwa im Gesundheitswesen. Hinzu kommt das traditionell niedrige Vertrauen in die Institutionen, das einen gewissen Zynismus erzeugt – viele glauben, ihre Stimme habe keinen wirklichen Einfluss“, sagte er.
Geschädftsführender Premier Andrej Gjurow
FOTO BTA
„Eine hohe Wahlbeteiligung ist stärker als alle kriminellen Machenschaften“, erinnerte vier Tage vor der Wahl der geschäftsführende Ministerpräsident Andrej Gjurow. Er kündigte das Ende der sogenannten „dunklen Wahlkabinen“ an, die nun erstmals durch standardisierte Sichtschutzwände ersetzt werden. Eine spezielle Anwendung soll zudem Menschen mit Sehbehinderungen die Teilnahme erleichtern. Das Innenministerium meldete einen Anstieg der Hinweise auf Wahlverstöße auf fast 2.000 sowie mehr als 200 Festnahmen wegen Stimmenkaufs. Ob all dies zu einer höheren Beteiligung führen wird, beurteilt Dimitrow jedoch skeptisch:
„Ich bezweifle das stark, zumal wir Ähnliches nicht zum ersten Mal erleben. Auch frühere Übergangsregierungen haben Transparenz und Fairness versprochen und sind mehr oder weniger gescheitert. Diese Regierung wird ebenfalls daran scheitern, weil ihre Amtszeit verfassungsbedingt sehr kurz ist. Sie hat kaum die Möglichkeit, sich als Autorität in den unteren Ebenen der Ministerien durchzusetzen – insbesondere im Innenministerium, aber auch im Außenministerium, das für die Organisation der Wahlen im Ausland zuständig ist“, sagte Dimitrow.
FOTO banker.bg
Eine wichtige Rolle bei der Auslösung der vorgezogenen Wahlen spielte die sogenannte Generation Z – junge Menschen, die Ende 2025 gegen das Establishment, Oligarchien und einen „vereinnahmten Staat“ protestierten. Laut Nationalem Jugendforum sind 590 der insgesamt 4.200 Kandidaten für die 52. Volksversammlung junge Menschen. Doch haben die Parteien diese Zielgruppe erreicht?
„Ich mag hart klingen, aber ich glaube, die politischen Akteure in Bulgarien vermeiden es bewusst, neue Wählergruppen anzusprechen“, so Dimitrow.
Eine Wahlbeteiligung von 80 Prozent wie in Ungarn hält er für unrealistisch. Er erwartet ein Niveau ähnlich wie bei der Wahl 2024 – unter 40 Prozent, „möglicherweise etwas höher, da ein neuer politischer Akteur aufgetreten ist, der zusätzliche Stimmen mobilisieren könnte“, sagte der Experte.
Peter Magyar, Vorsitzender der Partei TISZA, schwenkt die ungarische Flagge nach der Bekanntgabe der Teilergebnisse der Wahlen in Budapest
FOTO AP/BTA
Auch die Stimmen aus dem Ausland seien ein interessantes Phänomen, erklärt der Experte:
„Man kann nicht von einer einheitlichen Masse sprechen. Die bulgarischen Gemeinschaften unterscheiden sich stark je nach Land. Es gibt etwa die Stimmen aus der Türkei, die traditionell bestimmte politische Kräfte unterstützen. Gleichzeitig leben viele Bulgaren in Westeuropa und den USA. Ihre Wahlentscheidung ist oft von persönlichen Motiven geprägt und wird stark von ihren Angehörigen in Bulgarien beeinflusst. Es kommt vor, dass aus dem Ausland Stimmen für Parteien mit nationalistischen oder antieuropäischen Positionen kommen, was Analysten immer wieder überrascht“, erklärte Dimitrow.
FOTO BTA
Radio Bulgarien wird den Prozess mit Interviews mit Bulgaren in verschiedenen Ländern begleiten, die am Wahltag sowie in anschließenden Analysen der Wahlergebnisse veröffentlicht werden.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov