Autor
Iwo Iwanow
Artikel
Montag 20 April 2026 12:18
Montag, 20 April 2026, 12:18
Die Tshalakow-Brücke in Kopriwschtiza, wo der erste Schuss des Aprilaufstands fiel
FOTO Iwo Iwanow
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Im Jahr 1396 geriet das mittelalterliche Bulgarien unter osmanische Herrschaft, die nahezu fünf Jahrhunderte anhielt und dauerhafte Spuren in der Geschichte und Entwicklung des Landes hinterließ. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Macht des Sultans über den Balkan von Aufständen und Erhebungen der lokalen Völker erschüttert, die für ihre Befreiung kämpften. Die Großmächte des sogenannten „Europäischen Konzerts“ traten in den Wettlauf um den Erwerb neuer Gebiete sowie um Einfluss von und über das in eine dauerhafte Krise geratene Osmanische Reich ein. So entstand die Orientalische Frage.
Nach dem Aufstand der Serben in Bosnien und Herzegowina im Jahr 1875 und der Einmischung Österreich-Ungarns, Russlands und Englands begannen die Bulgaren, die von Wassil Lewski gegründete Innere Revolutionäre Organisation wiederherzustellen. Seit Anfang 1876 bereitete ein Netz revolutionärer Komitees in vier Bezirken einen Aufstand vor, der vorzeitig am 20. April in Kopriwschtiza ausbrach. Der Leiter des örtlichen revolutionären Komitees Todor Kableschkow sendete an die Anführer in Panagjurischte im Sredna-Gora-Gebirge ein Schreiben, das mit einem Aufruf zum Aufstand und zur Aufhebung der fünf Jahrhunderte währenden Fremdherrschaft endet. Ein Appell, der zwischen den revolutionären Komitees in verschiedenen Ortschaften weitergeleitet wurde und unter der Bezeichnung „Blutiges Schreiben“ in die Geschichte einging.
Swetlana Muchowa
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„Als Kableschkow den Brief schrieb, wussten die Einwohner von Kopriwschtiza nicht einmal, ob sie von ihren Mitstreitern in Panagjurischte und in den anderen Siedlungen unterstützt werden würden. Damals lag eine große Spannung über diesem Moment in der Luft, und genau das macht ihn so einzigartig“, erzählte Swetlana Muchowa, Historikerin und Heimatforscherin aus Kopriwschtiza. Während der Wiedergeburtszeit war Kopriwschtiza eine wohlhabende Bergstadt und ein Bildungszentrum mit starkem revolutionärem Geist.
Das „Blutige Schreiben“ beschreibt kurz, aber detailliert den Beginn des Aprilaufstands:
„Brüder! Gestern kam Nedscheb Aga aus Plowdiw ins Dorf und verlangte, einige Personen zusammen mit mir zu verhaften. Nachdem ich über eure Entscheidung, die auf der Versammlung von Oborischte getroffen wurde, informiert war, rief ich einige tapfere Männer zusammen, und nachdem wir uns bewaffnet hatten, begaben wir uns zum Konak (Verwaltungsgebäude, Anm. d. Red.), den wir angriffen und den Müdür (Verwalter, Anm. d. Red.) zusammen mit einigen Wachleuten töteten. Jetzt, da ich euch diesen Brief schreibe, weht die Fahne vor dem Konak, die Gewehre krachen, begleitet vom Echo der Kirchenglocken, und die Tapferen küssen einander auf den Straßen! … Wenn ihr, Brüder, wahre Patrioten und Apostel der Freiheit seid, dann folgt unserem Vorbild… Kopriwschtiza, 20. April 1876, T. Kableschkow.“
Zeichnung des Aufstands in Kopriwschtiza von Tantscho Schabanow, Mitglied des revolutionären Komitees
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Der Text des Schreibens – ein Aufruf zum Aufstand – ist in dem Buch „Chronik der bulgarischen Aufstände“ überliefert, das von dem Teilnehmer an der nationalen Befreiungsbewegung Sacharij Stojanow verfasst wurde. Swetlana Muchowa verliert jedoch nicht die Hoffnung, dass das Original des Briefes oder zumindest seine Übersetzung ins Osmanisch-Türkische irgendwann aus den Archiven in Istanbul auftauchen könnte.
„Interessant ist der Moment um die Auslassungspunkte im Brief, da er an drei Stellen unterbrochen ist. Ich habe mir vor Jahren große Mühe gegeben, die Briefe von Todor Kableschkow sehr sorgfältig zu studieren. Ich bemerkte, dass er, wenn er etwas schreibt, in der Regel die für seine Zeit richtige Zeichensetzung einhält. Aber wenn eine gewisse Aufregung, eine Emotion besteht, unterbricht er den Brief sehr oft mit Auslassungspunkten. Das heißt, er drückt sich nicht zu Ende aus, und diese Auslassungspunkte könnten die Aufregung Kableschkows im Moment der Ausrufung des Aufstands zeigen“, erklärte die Historikerin.
Text des „Blutigen Schreibens“ – Fragment aus „Chronik der bulgarischen Aufstände“ von Sacharij Stojanow
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Swetlana Muchowa erläuterte, dass viele Menschen glauben, der Brief sei „blutig“ genannt worden, weil er mit Blut geschrieben wurde. Unter Berufung auf Zeitgenossen aus dem Jahr 1876 ist sie jedoch kategorisch, dass man nicht mit Blut schreiben kann, und nimmt an, dass unter dem Text höchstens ein Kreuz gestanden haben könnte, gezeichnet mit dem Blut Kableschkows selbst. Nach April 1876 wurde der Ausdruck „Blutiges Schreiben“ für die Bulgaren für immer zu einem Idiom der Entschlossenheit, des Handelns, des Aufrufs zum Kampf und des ehrlich erfüllten Versprechens.
Ermittlung gegen Kableschkow im Konak in Tarnowo, Autor Todor Zonew
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Der Aprilaufstand wurde in kurzer Zeit vorbereitet, war schlecht koordiniert und wurde deshalb schnell niedergeschlagen. Doch die improvisiert bewaffneten Aufständischen erreichten doch das angestrebte Ziel. Die Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung bei der Niederschlagung des Aufstands bewirkten die Einmischung Europas. Sie führten zum Russisch-Türkischen Krieg und zur Entstehung im Jahr 1878 der ersten freien bulgarischen Gebiete im Fürstentum Bulgarien und in der autonomen Provinz Ostrumelien.
Die Gedenktafel auf der Tshalakow-Brücke in Kopriwschtiza
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Übersetzung: Rossiza Radulowa
Gestaltet von Rossiza Radulowa