Autor
Weneta Pawlowa
Nachricht
Aus der Schatzkammer von Radio Bulgarien
Der Aprilaufstand – ein Höhepunkt der Befreiungskämpfe der Bulgaren
Montag 20 April 2026 11:33
Montag, 20 April 2026, 11:33
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Am 20. April 1876 begann der Aprilaufstand. Er ist der Höhepunkt im Befreiungskampf Bulgariens gegen die 500-jährige türkische Fremdherrschaft. Im Winter 1875 tagten bulgarische Revolutionäre im rumänischen Gjurgju und beschlossen, im darauffolgenden Sommer 1876 gegen die Osmanen aufzustehen. Unterdessen beginnt aber in Bosnien-Herzegowina ein Aufstand gegen die türkischen Herrscher und auf dem Balkan kommt es zu einer Krise. In die damalige revolutionäre Zeit entführt uns Prof Dr. Plamen Mitew der Dekan von der Sofioter Universität :
Prof. Plamen Mitew
FOTO BGNES
"Viele Geschichtswissenschaftler gehen davon aus, dass die Revolutionäre in Gjurgju schon wussten, wie überragend die Schlagkraft des Osmanischen Reiches im Gegensatz zu den bulgarischen Aufständischen ist", sagt Prof. Mitew einleitend. "Das Osmanische Reich war zu jenem Zeitpunkt noch sehr mächtig und verfügte über ein Heer von bis zu 500.000 Soldaten. Die Armee hatte die modernste Ausrüstung für jene Zeit und das bulgarische Revolutionskomitee wusste schon, dass die Aussichten auf ein Erfolg nicht sonderlich hoch waren. Daher nehmen wir heute an, dass der Aprilaufstand deshalb im Sommer 1876 ausbrach, weil die sich abzeichnende Balkankrise der richtige Zeitpunkt dafür war. Bulgarien hoffte auf die Unterstützung der Großmächte im Befreiungskampf. Für mich ist daher die Meinung vertretbar, dass der Aprilaufstand aus militärischer Sicht eine Niederlage erlitten hat, aus politischer aber erreichte er sein Ziel, Europa auf den Balkan aufmerksam zu machen. Denn schließlich kam es zur Befreiung der Balkanvölker von der türkischen Fremdherrschaft, weil sich die Großmächte eingemischt haben", behauptet der Historiker Prof. Plamen Mitew.
Georgi Benkowski (1843-1876)
FOTO Archiv
Das Revolutionskomitee in der rumänischen Donaustadt Gjurgju beschloss im Winter 1875, Bulgarien in einzelne Gebiete aufzuteilen. In den Geschichtsbüchern finden wir heute aber Ausführungen in erster Linie über den Aprilaufstand im Gebiet Plowdiw. Dem dortigen Komitee stand Georgi Benkowski vor – eine besonders charismatische Persönlichkeit. Er lebte viele Jahre im Ausland, sprach sieben Sprachen und war seinen Mitmenschen in vieles voran. Prof. Mitew führt aus:
„Die Fliegende Schar von Benkowski“, Künstler Petar Morosow
FOTO militarymuseum.bg
"Benkowski schloss sich der Revolutionstätigkeit erst im Sommer 1875 an und wurde trotzdem zum Revolutionsführer in Plowdiw ernannt", sagt der Historiker. "Benkowski hat aber eine große Lebenserfahrung und seine Mitstreiter erkannten in ihm schnell die Fähigkeiten eines Führers. Der Aufstand hatte im Gebiet Plowdiw nur deshalb einen so großen Erfolg, weil er die Herzen der Menschen in den Dörfern erreichen konnte, wie kein anderer", behauptet Prof. Mitew.
„Der Abstieg von Botews Truppe nach Kosloduj“, Künstler Dimitar Gjudschenow
FOTO Archiv
Viele sind die Helden des Aprilaufstandes, aber noch einer ragt besonders hervor. Es ist der Dichter und Revolutionär Hristo Botew. Er überquerte mit 200 Freiheitskämpfern die Donau an Bord des österreichischen Schiffes "Radetzki". Am 17. Mai erreichten sie das bulgarische Ufer bei Kosloduj und machten sich in Richtung Süden ins Landesinnere auf den Weg. Nur wenige Tage später wurden alle von den türkischen Soldaten im Balkangebirge bei Wratza ermordet. Manche Historiker meinen heute, dass der Dichter zu naiv gehandelt habe.
„Bulgarische Rebellen 1876“, Gemälde von W. Antonow
FOTO bg.wikipedia.org
"Botew und seinen Mitstreitern war es schon klar, dass der Aufstand wenig Aussichten auf einen militärischen Erfolg hat", kommentiert Prof. Mitew von der Sofioter Universität. "Deshalb diente dieser Marsch erneut nur dem Ziel, die europäische Öffentlichkeit auf die Probleme der Balkanvölker aufmerksam zu machen. Und dieses Ziel ist erreicht worden. Das österreichische Schiff "Radetziki", das ja für die Zwecke des Aufstandes entführt wurde, ist nicht zufällig gewählt worden – dadurch erreichte Botew die westliche Presse, die über die Entführung und somit den Aufstand in Bulgarien berichtete", sagt Prof. Mitew.
Der Aprilaufstand hat die ersehnte Freiheit nicht gebracht. Er wurde blutig niedergeschlagen. Am 3. April d.J. hat die Bulgarische orthodoxe Kirche die Opfer des Massakers im kleinen Gebirgsdorf Batak heilig gesprochen. Dort war die Grausamkeit der osmanischen Herrscher besonders groß. Welche Auswirkungen hatte der Aprilaufstand?
Kränze zum Gedenken an die Märtyrer des Aprilaufstands vor der Hl. Nedelja-Kirche in Batak
FOTO BNR
"Der Aprilaufstand war zu jener Zeit Hauptgesprächsthema in Westeuropa", sagt Prof. Mitew. "Politiker, Diplomaten und Militärs diskutierten die Lage auf dem Balkan und überlegten, wie diese Ostkrise gelöst werden könnte. Dieser Diskussion schlossen sich natürlich auch bekannte Persönlichkeiten an, wie Victor Hugo, William Gladstone, Giuseppe Garibaldi, viele russische Schriftsteller und Politiker. Der Aprilaufstand machte von Bulgarien reden – binnen weniger Monate haben sich die Großmächte dem Balkan und Bulgarien zugewandt. Eine Friedenskonferenz in Konstantinopel war ein erster Versuch, die Ostkrise zu lösen, er ist jedoch gescheitert. Und so kam es zum Russisch-türkischen Krieg 1877/78, der Bulgarien die Befreiung von der 500jährigen türkischen Fremdherrschaft brachte", erinnert Prof. Mitew.
Übersetzung: Vessela Vladkova
Gestaltet von Lyubomir Kolarov