Autor
Joan Kolew
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Soziologin von „Alpha Research“ Borjana Dimitrowa gegenüber Radio Bulgarien:
Vertrauen in nationalistisch geprägte Parteien verlagert sich zu neuen Kräften
Dienstag 21 April 2026 16:10
Dienstag, 21 April 2026, 16:10
Borjana Dimitrowa, „Alpha Research“
FOTO BGNES
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Etwas weniger als 200.000 bulgarische Bürger haben im Ausland gewählt, 53.000 davon per Maschine. Das teilte die geschäftsführende Außenministerin Nadeschda Nejnski bei einem Briefing im Außenministerium im Zusammenhang mit den vorgezogenen Parlamentswahlen am 19. April im Ausland mit.
Das Ergebnis: Bulgarien hat einen klaren Sieger – die Koalition „Progressives Bulgarien“ liegt in 30 von 31 Wahlbezirken an erster Stelle (mit Ausnahme von Kardschali, wo traditionell die DPS führt). Die neue politische Formation um den ehemaligen Präsidenten Rumen Radew wurde auch von der Mehrheit der im Ausland wählenden Bulgaren bevorzugt.
Bulgarien wird ein Fünf-Parteien-Parlament haben, wobei die erste politische Kraft fast 130 der 240 Abgeordnetensitze erhalten wird. Damit wäre sie in der Lage, eine Regierung zu bilden und Gesetze zu verabschieden – eine Situation, die das Land seit Langem nicht mehr erlebt hat.
Rumen Radew - Vorsitzender von „Progressives Bulgarien“
FOTO Facebook
Die Verschiebungen im politischen Kräftefeld bieten Raum für Analysen und Prognosen. Im Fokus steht dabei insbesondere die Auslandswahl der bulgarischen Bürger, die das Team des Senders am Wahltag intensiv verfolgt hat. Bereits zu Beginn des Interviews für Radio Bulgarien ging die Soziologin Borjana Dimitrowa vom Institut „Alpha Research“ (Partner von BNR bei der Wahlberichterstattung) auf die Auswirkungen der Änderungen im Wahlgesetz ein, durch die die Zahl der Wahllokale außerhalb der diplomatischen und konsularischen Vertretungen in Nicht-EU-Staaten auf 20 begrenzt wurde:
Bürger warten in einer Schlange vor der Ständigen Vertretung Bulgariens bei der EU in Brüssel, um bei den vorgezogenen Parlamentswahlen am 19. April 2026 ihre Stimme abzugeben.
FOTO BTA
„BNR hat die langen Schlangen vor den Wahllokalen gezeigt und den Willen der Menschen betont, ihr Wahlrecht auszuüben und gehört zu werden. Laut einer Umfrage, die wir zu Beginn der Kampagne für das öffentliche Radio durchgeführt haben, erklärten 60 Prozent der Befragten, dass sie möchten, dass unsere Landsleute im Ausland wählen dürfen und nicht ihres Rechts beraubt werden“, sagte Dimitrowa.
- Die Versuche, die Stimmabgabe im Ausland einzuschränken, scheiterten
- ZIK: Bei 100,00 % ausgezählten Wahlprotokollen kommen 5 Parteien ins Parlament
Welche Überraschungen gab es bei den Endergebnissen?
Sicher ist, dass die reduzierte Zahl der Wahllokale einen deutlichen Einfluss auf die Wahlbeteiligung im Ausland hatte. „Progressives Bulgarien“ liegt auch dort mit etwas über 38 Prozent an der Spitze.
Der Vorsitzende von „Wir setzen die Veränderung fort“ Assen Wassilew und der Ko-Vorsitzende von „Demokratisches Bulgarien“ Ivajlo Mirschew
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„Auf dem zweiten Platz ist es keine Überraschung, dass die rechten, demokratischen Parteien im Ausland starke Unterstützung erhalten. Jetzt sprechen wir jedoch von einer recht hohen Zustimmung – etwa 22 Prozent für ‚Wir setzen die Veränderung fort‘–‚Demokratisches Bulgarien‘ (PP-DB). Während die erste Kraft rund 68.000 Stimmen aus dem Ausland erhält, sind es bei der zweiten etwa 40.000. An dritter Stelle, mit deutlich geringerem Ergebnis – obwohl wir oft betont haben, dass die Stimmen aus der Türkei im Ausland besonders stark sind – steht die DPS mit 8,5 Prozent (15.860 Stimmen)“, erklärte Dimitrowa.
Der niedrigere Wert im Vergleich zu früheren Wahlen für die Bewegung für Rechte und Freiheiten hat laut Analyse mehrere Gründe:
Deljan Peewski, Vorsitzender der DPS
FOTO DPS
Im vergangenen Jahr und in den letzten eineinhalb Jahren seit den Wahlen im Oktober 2024 sei zu beobachten gewesen, dass ein erheblicher Teil der Bürgermeister der AFS sowie ehemalige Funktionäre – darunter auch der Co-Vorsitzende Dschewdet Tschakarow – auf verschiedene Weise in die DPS integriert wurden. Daher existiere die AFS als eigenständige Partei mit starker Unterstützung faktisch nicht mehr. Dies sei sowohl auf abgewanderte oder entfernte Führungspersonen als auch auf die Rolle von Ahmed Dogan zurückzuführen, der sich seit längerer Zeit distanziert habe. Gleichzeitig seien einige Abgeordnete der AFS in die neue Formation „Progressives Bulgarien“ übergegangen, wodurch auch ein Teil der ethnischen Stimmen dorthin gewandert sei.
Stimmabgabe im Wahllokal im Stadtteil „Avcılar“, Istanbul
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Besonders interessant sei laut Dimitrowa die deutlich gesunkene Wahlbeteiligung in der Türkei: Statt der üblichen 50.000 bis 60.000 Stimmen seien es diesmal nur rund 15.000 gewesen. Dies hänge teilweise mit der geringeren Zahl an Wahllokalen zusammen.
„Selbst wenn versucht wird, durch bestimmte Druck- oder Machtmechanismen Einfluss auf eine Wahl zu nehmen, führt das früher oder später zu einem Rückschlag und einer Gegenreaktion der Wähler“, so die Soziologin.
Bei den nationalistischen Parteien „Wiedergeburt“ und „Welitschie“, die bei früheren Wahlen im Ausland sehr starke Ergebnisse erzielt hatten, sei ein Rückgang der Unterstützung zu beobachten, der sich auch auf die Diaspora auswirke.
Der Vorsitzende der Partei „Wiedergeburt“ Kostadin Kostadinov
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„Trotz des Rückgangs erhalten sie weiterhin Unterstützung von Menschen, die in verschiedenen Wirtschaftsbereichen tätig sind und eher euroskeptische Ansichten vertreten. Diese Wähler geben weiterhin ihre Stimme sowohl für ‚Welitschie‘ als auch für ‚Wiedergeburt‘ ab. Zusammengenommen machen sie etwa ein Zehntel der gesamten Auslandsstimmen aus“, sagte Dimitrowa.
Das Besondere am nationalistischen Wählersegment sei, dass die Stimmen nicht verschwinden, sondern lediglich von einer Partei zur anderen wandern.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov