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Der Opernsänger Nikola Gjuselew und seine Leidenschaft für die Malerei

Eine Reihe von Veranstaltungen würdigt den 90. Geburtstag des weltberühmten bulgarischen Basses

Sonntag, 3 Mai 2026, 14:20

Der Opernsänger Nikola Gjuselew und seine Leidenschaft für die Malerei

FOTO Stiftung „Nikola Gjuselew“

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Ein herausragender Opernsänger, zugleich aber auch ein beeindruckender Maler. Ein feinsinniger und sensibler Mensch. Außergewöhnlich begabt und von großer Ausstrahlung – so lauten nur einige der Superlative, mit denen Bewunderer den großen bulgarischen Bass Nikola Gjuselew (1936–2014) beschrieben. In diesem Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden – ein Jubiläum, das mit einer Reihe von Veranstaltungen in Bulgarien und Europa begangen wird. 

Nikola Gjuselew wurde am 17. August 1936 in Pawlikeni geboren – einem „Städtchen wie ein Nest in der Ebene“ im zentralen Norden Bulgariens, unweit von Weliko Tarnowo. Sein Interesse für die Oper erwachte im Alter von 15 Jahren, als er im Radio den Monolog des Boris aus der Oper „Boris Godunow“ von Modest Mussorgski hörte. Bemerkenswert ist, dass der talentierte und musikalische Nikola zunächst nicht Gesang studierte, sondern 1960 die Kunstakademie mit dem Fach Malerei abschloss. Erst danach, ab 1955, nahm er Gesangsunterricht bei Zwetana Sabewa und dem Gesangspädagogen Ilija Jossifow. Bereits als Student trat er als Solist im Akademischen Chor „Georgi Dimitrow“ sowie im Ensemble für Lieder und Tänze beim Innenministerium auf. 1960 nahm Nikola Gjuselew an einem Vorsingen für Opernengagements in Deutschland teil, wo ihn der führende bulgarische Gesangspädagoge Christo Brambarow hörte. Dieser überzeugte ihn, seine Ausbildung bei ihm fortzusetzen. Ab 1961 war Gjuselew festes Ensemblemitglied der Nationaloper in Sofia. 

Nikola Gjuselew in der Rolle von Philipp II. aus der Oper "Don Carlos"

FOTO Stiftung „Nikola Gjuselew“

Damit begann seine lange und glanzvolle Karriere. Der Durchbruch gelang ihm bereits nach zwei Spielzeiten: 1963 gewann er mit der Rolle des Philipp II. aus der Oper „Don Carlos“ den ersten Preis und die Goldmedaille beim Zweiten Internationalen Wettbewerb für junge Opernsänger in Sofia. 

1968 stand er erstmals auf der Bühne des Teatro Regio in Parma und eroberte mit der Rolle des Attila aus der gleichnamigen Oper von Giuseppe Verdi das italienische Publikum – sein Erfolg war überwältigend. Nikola Gjuselew erhielt höchste Auszeichnungen in Bulgarien, Italien und der internationalen Opernwelt. 

FOTO Stiftung „Nikola Gjuselew“

Eine Reihe von Veranstaltungen wird in diesem Jahr an sein künstlerisches Vermächtnis erinnern. Am 29. April in der Sofioter Städtischen Kunstgalerie und anschließend am 18. Mai in Toronto wird die neue Monografie „Der Ritter der Oper“ vorgestellt. Im Mai wird zudem eine Gedenktafel an seinem früheren Wohnhaus in Sofia enthüllt, der Bulgarische Nationale Rundfunk wird eine CD mit Aufnahmen des großen Basses veröffentlichen, und das Bulgarische Nationale Fernsehen bereitet einen Dokumentarfilm vor. Zahlreiche weitere Veranstaltungen in Bulgarien und Italien sind geplant, wie seine Ehefrau Ana-Maria Gjuselewa in einem Fernsehinterview erklärte. Sie stellte der Sofioter Städtischen Kunstgalerie zudem frühe Porträts, Zeichnungen und Skizzen aus verschiedenen Lebensphasen des Künstlers zur Verfügung. 

FOTO Stiftung „Nikola Gjuselew“

Ana-Maria Gjuselewa: „Die Bilder eines solchen Talents dürfen nicht zu Hause bleiben – sie müssen gezeigt werden, um die Menschen zu inspirieren.“ 

Neben seinen großen Erfolgen und Verdiensten für die internationale Anerkennung der bulgarischen Gesangskunst war Nikola Gjuselew auch ein bemerkenswerter Maler.

„Er trug diese beiden Künste schon seit seiner Kindheit in sich – nicht erst als junger Mann, sondern schon als Kind. Bereits mit 11 Jahren sang er eine Hauptrolle in einer Kinderoper. Aus dieser Zeit stammt auch eine Zeichnung von zwei wunderbaren Hunden. In beiden Künsten begann er sehr früh, noch bevor er sich für ein Studium an der Kunstakademie entschied“, erzählte Ana-Maria Gjuselewa in einem früheren Interview für Radio Bulgarien.

Irgendwann musste der talentierte Bulgare eine Entscheidung treffen – und die fiel zugunsten des Gesangs.


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„Ein Mensch mit einer solchen Stimme konnte sich gar nicht anders entscheiden, als zu singen“, so Ana-Maria Gjuselewa. „Er hat lange gemalt, hatte aber nicht die Zeit, sich der Malerei so intensiv zu widmen, dass er Ausstellungen organisieren konnte. Eine Karriere auf diesem Niveau im Gesang ist äußerst anspruchsvoll. Ich verstehe, dass ihm dafür schlicht die Zeit fehlte. Der Kunsthistoriker Prof. Atanas Boschkow initiierte einst eine große Ausstellung seiner Werke im Saal ‚Bulgarien‘ während eines Konzerts von Gjuselew vor über 30 Jahren. Eine weitere Ausstellung fand im Bulgarischen Kulturzentrum in Moskau statt. Viele weitere gab es jedoch nicht. Erst nach seinem Tod beschlossen wir als Familie, auch dieses künstlerische Schaffen stärker bekannt zu machen“, sagte Gjuselewa. 

Unter seinem Namen wurde eine Stiftung gegründet, die einen großen Teil seiner Werke bewahrt und in Ausstellungen präsentiert. Ein anderer Teil befindet sich in seinem Haus in Rom. Träger der Stiftung sind seine Ehefrau, seine Tochter Adriana sowie zahlreiche Weggefährten – Dirigenten, Musiker, Kritiker, Regisseure und Schüler des großen Basses. „Nur sehr wenige der Bilder wurden von Sammlern erworben, weil die Menschen nichts von seinem Atelier und seiner Beschäftigung mit der Malerei wussten“, fuhr Ana-Maria Gjuselewa fort. „Und zweitens hatten wir selbst nie daran gedacht, sie zu verkaufen.“ 

Nikola Gjuselew im Studio

FOTO Stiftung „Nikola Gjuselew“

„Nur wenige Bilder wurden von Sammlern erworben, da kaum jemand von seinem Atelier und seiner Malerei wusste“, sagte Ana-Maria Gjuselewa weiter. „Er malte vor allem zu Hause, in den Pausen zwischen seinen Tourneen. Dort hatte er auch ein Atelier. Er war ein sehr emotionaler Mensch, der sowohl Ungerechtigkeiten als auch die Schönheit des Lebens tief empfand. In seinen Porträts legte er großen Wert auf die Ausdruckskraft des menschlichen Gesichts und die darin sichtbaren Gedanken und Gefühle“, so Gjuselewa. 

Ana-Maria Gjuselewa

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Sie fügte hinzu, dass sie sich niemals von den Originalen ihrer beiden Lieblingsporträts trennen würde – eines zeigt ihn in der Rolle des Ernani, das andere ist ein Porträt von ihr selbst. 

„Er hatte nicht die Möglichkeit, sich intensiver der Malerei zu widmen, aber wir möchten dieses Werk durch einen Katalog mit all seinen Bildern bekannter machen“, betonte sie.

„Ein solches Talent darf nicht im Verborgenen bleiben. Es muss den Menschen gezeigt werden, um sie zu inspirieren, herauszufordern und ihnen Hoffnung zu geben – genau das ist die Aufgabe jeder Kunst. Niemand ist perfekt, aber er besaß viele seltene Eigenschaften – Güte, Großzügigkeit, Liebe zu Bulgarien und den Wunsch, anderen zu helfen“, sagte Ana-Maria Gjuselewa abschließend. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov