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Sicherheit oder verpasste Chancen – wie Bulgaren ihr Geld verwalten
Freitag 8 Mai 2026 15:03
Freitag, 8 Mai 2026, 15:03
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„Wir haben ein stabiles Bankensystem, Zugang zu den europäischen Märkten und funktionierende Finanzinstrumente, nutzen sie jedoch nicht ausreichend“ – so lautet die Diagnose der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Bulgarien von Jacques Semisow, zweifacher Träger des Preises „Eureka“ für Leistungen im Bereich Wirtschaft und Prüfer bei drei der größten Banken des Landes, der derzeit im Immobiliensektor tätig ist.
„Wenn wir uns die Daten der Bulgarischen Nationalbank ansehen, erkennen wir, dass der bulgarische Bankensektor in der Eurozone sehr gut positioniert ist – mit hoher Kapitaladäquanz, starker Liquidität und Banken, die erhebliche finanzielle Puffer vorhalten. Bulgarien wird eindeutig als disziplinierter und berechenbarer Investitionsstandort wahrgenommen, was sowohl für die Finanzierung des Staates als auch von Unternehmen und Haushalten von Vorteil ist“, analysierte er in einem Interview für den Bulgarischen Nationalen Rundfunk, das der Finanzkompetenz, dem Geschäftsumfeld in Bulgarien und Investitionsmöglichkeiten gewidmet war.
Jacques Semisow
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Dem jungen Analysten zufolge sei es nur eine Frage der Zeit, bis Investoren ihren Blick verstärkt auf Bulgarien richten. Für die einzelnen Bürger gelte: In einem proinflationären Umfeld, ausgelöst durch globale geopolitische Krisen, sei es notwendig, sich stärker den Finanzmärkten als Instrument zur Diversifizierung der eigenen Portfolios zuzuwenden. „Jeder von uns ist Teil des globalen Handels, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist“, erklärte der Experte und betonte, dass das Problem nicht im Mangel an Möglichkeiten liege, sondern in der Mentalität, die historisch geprägt sei und die Investitionsentscheidungen des Einzelnen beeinflusse. „Unsere Gesellschaft hat zahlreiche finanzielle Erschütterungen und politische Krisen erlebt, weshalb Vertrauen in Vermögenswerte nur sehr schwer entsteht“, so Semisow weiter.
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„Der Bulgare ist traditionell eher konservativ und bevorzugt Sicherheit. Die bekanntesten Anlageformen sind Bankeinlagen, Immobilien und teilweise Gold. Gleichzeitig beobachten wir jedoch ein interessantes Paradox: Die vermeintlich sichersten Entscheidungen – etwa Investitionen in Immobilien oder Einlagen – erweisen sich langfristig oft als riskant, insbesondere in einem Umfeld hoher Inflation. In solchen Zeiten verliert Geld schlicht an Wert. Der Grund liegt in den niedrigen Zinsen auf Einlagen sowie darin, dass auch Immobilien keine risikofreien Anlagen sind – sie hängen von Markt, Zinssätzen und der demografischen Entwicklung ab. Genau hier zeigt sich die Rolle der Finanzmärkte,“ sagte der Experte.
Jacques Semisow verwies auf Daten der Finanzaufsichtskommission, wonach die Vermögenswerte in Investmentfonds in Bulgarien deutlich zunehmen – ein Zeichen für eine, wenn auch langsame, Veränderung im Verhalten der Anleger. Zugleich machte er darauf aufmerksam, dass der Großteil der Investoren junge Menschen seien, die jedoch risikofreudiger agierten und oft mit Enthusiasmus, dem Wunsch nach schnellem Reichtum und unzureichendem Wissen in die Finanzmärkte einträten – was zu gravierenden Fehlern führen könne. Ältere Generationen wiederum verwalteten ihre Finanzen häufig ebenfalls nach einem eher spekulativen Prinzip, was sowohl auf die Mentalität als auch auf mangelnde Finanzbildung zurückzuführen sei.
Jacques Semisow
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„Ein großer Teil von uns gibt sein Geld nicht sinnvoll aus, investiert nicht, plant nicht langfristig und nutzt keine Finanzinstrumente – also all das, was das Leben jedes Einzelnen verbessern könnte“, so Semisow.
Der Mangel an finanzieller Bildung führe stets zu geringeren persönlichen Erträgen und zu einer Abhängigkeit von nur einer Einkommensquelle. Deshalb seien langfristige Lösungen notwendig, beginnend bei der Bildung, um dieses Modell zu verändern.
Als Beispiel nennt er entwickelte Volkswirtschaften, in denen immer mehr Haushalte an den Kapitalmärkten teilnehmen und so eine breite Diversifizierung ihrer Einkommen erreichen:
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„Darüber lässt sich nicht streiten – der Zusammenhang ist eindeutig: Höhere Finanzkompetenz führt zu einer ausgeprägteren Bürgerhaltung, was zwangsläufig den Lebensstandard und das soziale Umfeld im Land verbessert. Bulgarien leidet nicht an einem Mangel an Möglichkeiten, sondern daran, dass vorhandene Chancen nicht genutzt werden. Wir verfügen über ein stabiles Bankensystem, Zugang zu europäischen Märkten und vielfältige Finanzinstrumente. Der nächste Schritt ist kultureller Natur – langfristiger zu denken, weniger auf schnellen Reichtum zu setzen, informierter, neugieriger und selbstbewusster zu handeln. Kurz gesagt: Finanzielle Freiheit beginnt nicht mit mehr Geld, sondern mit besseren Entscheidungen und Bewusstsein,“ sagte Jacques Semisow abschließend.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov