Erhalt bulgarischer Identität im multikulturellen Umfeld südslawischer Völker

Sonntag, 10 Mai 2026, 11:23

Erhalt bulgarischer Identität im multikulturellen Umfeld südslawischer Völker

FOTO facebook.com/bgschoolzagreb

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Die in Kroatien lebenden Bulgaren stellen eine kleine, aber eng verbundene Gemeinschaft dar. Und sie bestehen darauf, dass die bulgarische Kultur und Sprache auch Teil des Lebens der jüngeren Generationen bleiben, unabhängig davon, ob diese in rein bulgarischen Familien aufwachsen oder aus Mischehen stammen. Das versicherte uns Iglika Kassabowa, Leiterin der Bulgarischen Sonntagsschule „Iwan Wasow“ in Zagreb. Im laufenden Schuljahr werden dort 38 Kinder unterrichtet.

Die Schule steht nicht nur Kindern aus Kroatien offen, sondern aus der gesamten Region. Neben Kindern aus der Hauptstadt Zagreb haben wir auch Schüler aus dem Küstengebiet Kroatiens – aus den Städten Šibenik, Split, Dubrovnik, Rijeka sowie aus Ljubljana in Slowenien und Sarajevo in Bosnien und Herzegowina“, sagte Iglika Kassabowa.

Den Kern der bulgarischen Gemeinschaft in Kroatien bilden die Nachkommen der sogenannten alten Emigranten, von denen die meisten Gärtner waren. Aufgrund der damaligen Bedingungen konnten die ersten Emigranten aus Bulgarien ihre Sprache nicht aktiv pflegen und weder Bulgarisch sprechen noch in kyrillischer Schrift schreiben. Dennoch haben sie bis heute ein bulgarisches Selbstbewusstsein bewahrt und beteiligen sich äußerst aktiv an den Veranstaltungen der Gemeinschaft.

Die Menschen der neueren Einwanderungswelle, zu der auch ich gehöre, hat es größtenteils eher zufällig nach Kroatien verschlagen“, erzählte Iglika Kassabowa weiter. „Ich kam beispielsweise hierher, weil mein Mann eine befristete Anstellung in einer bulgarischen Firma erhielt, die ihre Geschäftstätigkeit nach Kroatien ausgeweitet hatte. Wir wollten anfangs nur ein oder zwei Jahre bleiben, doch inzwischen leben wir schon seit zehn Jahren hier. Unser Sohn hat seine gesamte Mittelschulbildung in Kroatien absolviert und studiert inzwischen. Und unsere Töchter – neun und zwölf Jahre alt – sind zwar physisch in Bulgarien geboren, leben aber ihr ganzes bewusstes Leben hier.“

Iglika Kassabowa

FOTO Radio Bulgarien

Der Wunsch, ihre Kinder auch in ihrer bulgarischen Muttersprache zu unterrichten, veranlasste die Bulgaren in Kroatien dazu, in Zagreb eine bulgarische Sonntagsschule einzurichten.

Mit Unterstützung der bulgarischen Botschaft und mit dem Kroatisch-Bulgarischen Verein als Träger eröffneten wir vor sieben Schuljahren die bulgarische Sonntagsschule“, sagte Iglika Kassabowa. „Natürlich verbreiten sich gute Nachrichten schnell. Unsere Kollegen und Freunde aus Slowenien waen der Meinung, dass sie derzeit noch nicht genügend Kinder haben, um selbst eine Schule zu eröffnen, und so boten wir ihnen die Möglichkeit, bei uns im Fernunterricht mitzulernen. Tatsächlich sind wir nach der Covid-Pandemie zu Spezialisten dieser gemischten Unterrichtsform geworden“, erklärte Iglika Kassabowa.

Ein Teil der Schüler wächst zwei- oder sogar dreisprachig auf, spricht also Kroatisch, Bulgarisch und noch eine weitere Sprache. Die Probleme beim Unterricht ähneln denen anderer bulgarischer Sonntagsschulen im Ausland, räumte Iglika Kassabowa ein:

Für unsere Kinder im Ausland steht die Schule des jeweiligen Landes im Vordergrund, dementsprechend ist ihre erste Sprache Englisch, Deutsch oder Französisch. Bulgarisch kommt als zweite Sprache hinzu und die Sprache des Landes, in dem sie leben, als dritte. Ein anderer Teil der Kinder stammt aus Mischehen zwischen Kroaten und Bulgaren, wodurch Kroatisch dominiert. Das Schreiben in kyrillischer Schrift ist für sie eine Herausforderung, und genau das verbindet sie alle. Dafür braucht man Geduld. Der Prozess ist langsam – flüssiges Lesen und Schreiben entwickelt sich meist erst in der zweiten oder dritten Klasse. Und genau dann beginnt der große Sprint in Richtung Unterstufe, um alles aufzuholen, was zuvor versäumt wurde. Wir legen großen Wert auf den Wunsch zu lernen und auf Motivation. Verlieren die Kinder ihre Motivation, sinkt auch die Motivation der Eltern. Denn die bulgarische Schule ist eine zusätzliche Aufgabe – sowohl für die Kinder als auch für die Eltern“, ist sich Iglika Kassabowa bewusst.

Schüler der Bulgarischen Sonntagsschule „Iwan Wasow“ Zagreb während eines Schulfestes

FOTO facebook.com/bgschoolzagreb

Wir wollten von ihr wissen, ob im Unterricht auch historische Fakten über die bulgarisch-kroatischen Beziehungen behandelt werden.

Wir ziehen immer Parallelen, das lässt sich gar nicht vermeiden. Wir versuchen, ein Gesamtbild zu vermitteln – was uns verbindet und welche Berührungspunkte die verschiedenen slawischen Völker sowohl historisch als auch heute haben. In Kroatien gibt es eine sehr starke Minderheitengemeinschaft, und wir organisieren viele gemeinsame Aktivitäten. Jedes Jahr im September finden die Tage der Minderheiten statt. Bei dieser Veranstaltung treffen unterschiedlichste Kulturen aufeinander – Serben, Mazedonier, Ungarn, Polen, Tschechen, Montenegriner und Bosnier. In Kroatien sind wir vor allem für unsere Volkstrachten und für das Essen bekannt, das wir mit Freude für unsere Gäste und Freunde zubereiten“, sagte Iglika Kassabowa.

Wenn man über die Kroaten spricht, so interessieren sie sich in letzter Zeit zunehmend für Bulgarien, insbesondere für die Folklore und den Tourismus, erzählte uns Iglika Kassabowa.

Ich selbst wurde anlässlich des 1. März in das Oberstadt-Gymnasium in Zagreb eingeladen, um gemeinsam den Tag der Marteniza zu begehen und zu erklären, woher der Brauch stammt und welche Botschaft die Verflechtung des weißen und roten Wollfadens trägt. Das Interesse der Gymnasiasten war groß. Mehr als 40 Jugendliche nahmen an diesem Workshop teil. Wir flochten Martenizas, sie stellten Fragen, machten Fotos, und viele dieser Jugendlichen bereiteten sich gerade darauf vor, im Rahmen des Programms Erasmus+ an eine bulgarische Schule zu reisen. Und am Oberstadt-Gymnasium gibt es übrigens auch ein bulgarisches Klassenzimmer. Nach dem schweren Erdbeben vor einigen Jahren in Zagreb spendete die bulgarische Regierung an diese Schule. Sie ist historisch eng mit uns Bulgaren verbunden. Nach der Befreiung Bulgariens studierten dort bulgarische Schüler und Studenten als Stipendiaten von Josip Juraj Strossmayer. Er investierte in ihre Ausbildung, damit sie nach Zagreb kommen und dort lernen konnten. Unter ihnen gab es viele bekannte Wissenschaftler – Physiker, Mathematiker, Meteorologen und Hydrologen. Ich hoffe, dass diese historischen Verbindungen auch die heutigen stärken werden. Es gibt ebenfalls Interesse am Tourismus in Bulgarien – am Schwarzen Meer in den Sommermonaten sowie am kulturellen Erbe von Plowdiw, Weliko Tarnowo und Sofia. Für manche Kroaten wirken wir vielleicht seltsam oder exotisch, aber sicher sympathisch – schließlich sind wir Slawen, haben viele gemeinsame Gewohnheiten und einen ähnlichen Blick auf die Welt. Und nicht zu vergessen: Es gibt immer mehr gemischte Ehen zwischen Kroaten und Bulgaren“, sagte Iglika Kassabowa abschließend.


Übersetzung: Rossiza Radulowa