Ein Deutscher taucht in die Tiefen der bulgarischen Sprache

Leonid Motz: „Die bulgarische Sprache ist die interessanteste aller slawischen Sprachen“

Sonntag, 24 Mai 2026, 10:17

Leonid Motz

Leonid Motz

FOTO Privatarchiv

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Anlässlich des beliebtesten und am meisten verehrten bulgarischen Feiertags, des Tages der bulgarischen Sprache und Kultur am 24. Mai und nach der Eurovision-Euphorie über den Sieg von DARA und ihrem Lied „Bangaranga“ stellen wir Ihnen einen jungen Westeuropäer vor. Leonid Motz ist ein leidenschaftlicher Anhänger des Gesangswettbewerbs und hat sich auch voll und ganz der Geschichte der bulgarischen Sprache und ihrer Lexik verschrieben. Er studiert am Institut für Slawistik der Universität Wien, Fachrichtung „Slawische Philologie“ mit Schwerpunkt historische Linguistik und Bulgarisch als Hauptarbeitssprache. Leonid Motz ist Träger der Auszeichnung „Bester Student der Bulgaristik“ für das Jahr 2025, verliehen von der Botschaft Bulgariens in Österreich.


Leonid Motz ist erst 24 Jahre alt. Er wurde in Süddeutschland in einer Kleinstadt nahe Stuttgart geboren, aus der sein Vater stammt. Seine slawischen Wurzeln stammen mütterlicherseits aus Belarus. Als Kind lebte er viele Jahre mit seiner Familie in Süditalien, und schon in seinen Schuljahren träumte er davon, an einem ganz bestimmten Ort und in einer ganz bestimmten Fachrichtung zu studieren – „Slawische Philologie“ an einer der ältesten und renommiertesten Universitäten Europas – der Universität Wien. Mit Fleiß und Wissen ist ihm dies auch gelungen. Doch anstatt sich für Russisch als ihm gut bekannte Muttersprache als Hauptsprache seines Studiums zu entscheiden, beschloss er, in die Geschichte und Tiefe der für viele exotischeren bulgarischen Sprache zu tauchen.



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Ich hatte bereits Erfahrung damit, weil meine Freundin an der Medizinischen Universität in Plewen studierte und ich 2017 zum ersten Mal Ihr Land besuchte. Damals verstand ich, dass die bulgarische Sprache sehr interessant ist, weil sie bis zu einem gewissen Grad dem Russischen sehr nahe steht, jedoch ihre eigenen Besonderheiten hat, Strukturen besitzt, die es in anderen slawischen Sprachen nicht gibt. Deshalb entschied ich, dass ich sie unbedingt studieren muss, weil Bulgarisch meiner Meinung nach die interessanteste aller slawischen Sprachen ist. Für mich als jemanden, der sich für die Struktur und die Geschichte der Grammatik interessiert, ist sie sehr spannend, weil sie bestimmte linguistische Strukturen aus altbulgarischer Zeit konserviert hat, was zu ihrem komplexen Verbalsystem beiträgt. Die bulgarische Sprache hat, wie Sie alle sehr gut wissen, das unbestimmte Präteritum, das vollendete Präteritum usw. Das sind sehr alte Strukturen, und darin liegt eine gewisse Innovationskraft, weil sich die Sprache zu weiteren Verbstrukturen entwickelt hat. Es gibt jedoch auch Prozesse der Vereinfachung – zum Beispiel im System der nominalen Morphologie – im Bulgarischen gibt es keine Fälle, und das ist ein großer Unterschied im Vergleich zu den übrigen slawischen Sprachen. Diese Grammatik war während meines Studiums das Interessanteste für mich, und deshalb entschied ich mich, mich gerade auf die Geschichte der bulgarischen Grammatik zu konzentrieren“, sagte Leonid Motz.

Seine Hingabe an das Vermächtnis der heiligen Brüder Kyrill und Method und ihrer Schüler führte ihn auch zu dem mittlerweile traditionellen Studentenwettbewerb, den die Bulgarische Botschaft in Wien seit 2012 organisiert.

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Gemäß den Wettbewerbsbedingungen musste ich einen wissenschaftlichen Artikel über die Entwicklung der bulgarischen Sprache vorlegen. Damals arbeitete ich an einem Thema, das von Bulgaristen nicht besonders intensiv erforscht wurde – über die Schrift der Banater Bulgaren. Sie sind eine eigene ethnisch-religiöse Gruppe, bekennen sich zum Katholizismus, haben ihren besonderen Dialekt, schreiben seit langem mit lateinischen Buchstaben und besitzen eine ursprüngliche, einzigartige Kultur. Das Interessanteste an ihnen ist, dass sie ein spezielles lateinisches Alphabet haben, mit dem sie bis heute eine phonetische Rechtschreibung aus dem XI. Jahrhundert praktizieren. Und wenn wir das aus Sicht der Typologie der Rechtschreibsysteme anderer slawischer Völker vergleichen, ist das außergewöhnlich, weil es in Bulgarien seit dem IX. Jahrhundert bereits eine historische und morphologische Rechtschreibung gibt. Dort jedoch, in der Region Banat, blieb die phonetische Rechtschreibung erhalten. Mit dieser Arbeit gewann ich den Wettbewerb der bulgarischen Botschaft, was für mich als Slawisten eine enorme Ehre ist, diese Auszeichnung zu erhalten“, betonte Leonid Motz.

Die Auszeichnung gab ihm die Möglichkeit, im Jahr 2026 fast zwei Monate lang eine Spezialisierung im Forschungszentrum „Hll. Kyrill und Method“ der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften zu absolvieren, ausgezeichnete Mentoren zu finden und aus der Quelle seiner Interessen zu schöpfen – durch Zugang zu allen Bibliotheken der Akademie. Und als Mensch, der Deutsch, Englisch, Italienisch, Russisch und Französisch auf sehr hohem Niveau beherrscht, gibt er eine interessante Antwort auf unsere Frage, warum er sich dennoch für eine „kleine Sprache“ wie Bulgarisch als Inspiration und berufliche Herausforderung entschieden hat:

FOTO Facebook / Botschaft der Republik Bulgarien in Wien

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es leichter, mit kleinen Sprachen zu arbeiten, weil bei den großen Sprachen fast alles erforscht und untersucht wurde. Bei kleineren Sprachen gibt es immer irgendwelche Aspekte, die nicht beschrieben wurden, zu denen es keine wissenschaftlichen Artikel und Arbeiten gibt. Wer historische Grammatik oder Sprachgeschichte studieren möchte, sollte unbedingt eine kleinere Sprache wählen, aber eine, für die Quellen vorhanden sind. Und bei der bulgarischen Sprache ist das sehr interessant, weil es eine große Menge an Handschriften gibt, die nicht erforscht wurden. Genau mit Archiven möchte ich mich künftig beruflich beschäftigen – diese Quellen untersuchen und erforschen“, erklärte Leonid Motz.

Derzeit bereitet er seine Masterarbeit vor, die der Entwicklung der nominalen Morphologie, der Deklination der Substantive im Codex Suprasliensis (auch Retkow-Sammelhandschrift genannt) gewidmet ist – einem Manuskript aus der Mitte des X. Jahrhunderts, das als eine der größten und wichtigsten altbulgarischen Quellen zur Erforschung der Lexik gilt. Danach richtet sich sein Blick auf die Promotion und natürlich darauf, im Mai nächsten Jahres in Sofia zu sein, um persönlich beim Eurovision Song Contest 2027 mit dabei zu sein, der von Bulgarien ausgerichtet wird. Abseits seiner wissenschaftlichen Begeisterung gibt Leonid mit einem Lächeln zu: „Am 16. Mai dieses Jahres konnte man, glaube ich, in Sofia und Wien wirklich die echte Euphorie über den Sieg Bulgariens beim Eurovision Song Contest spüren“:

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Ich muss sagen, dass der Sieg von DARA wirklich ein Zeichen dafür ist, dass man, wenn man Talent hat, wenn man Entschlossenheit besitzt, wenn man die richtige Richtung und die Möglichkeiten hat, weiterarbeiten muss. Der Sieg dieses Mädchens ist etwas absolut Inspirierendes für alle“, meint der Bulgaristik-Student.

Inspirierend sei auch das, was wir Bulgaren der slawischen Welt gegeben haben – die Schrift, erklärte Leonid Motz entschieden. Und er ruft die Bulgaren dazu auf, stolz zu sein und weiterhin die Geschichte ihrer Sprache zu studieren, sie zu erforschen und zu popularisieren.

Natürlich verbirgt er auch nicht seine Hoffnung, dass eines Tages mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen werden, damit Menschen wie er unsere Sprache erforschen können. Und die Universität Wien sei der Beweis dafür, dass die Bulgaristik akademisch interessant sein kann.

Leonid Motz hat ein Lieblingswort auf Bulgarisch – das ist „schiwot“ („Leben“) – mit einem Augenzwinkern auf die Bedeutung des Wortes in seiner russischen Muttersprache, wo es „Bauch“ bedeutet. Und so sehen wir Bulgaren in den Augen dieses jungen Europäers folgendermaßen aus:

Die Bulgaren sind ein sehr südliches, sehr positives, sehr offenes Volk – das würde ich ganz klar sagen. Was die Sprache betrifft, muss ich vermerken, dass die Bulgaren Verkleinerungsformen von Substantiven sehr lieben“, sagte Leonid Motz gegenüber Radio Bulgarien, und bestätigte mit einem Lächeln, dass wir heute einfach kleine „Bangarangchen“ sind.



Übersetzung: Rossiza Radulowa