Rene Karabasch über „Ostajniza“ und den Booker Prize

Mittwoch, 3 Juni 2026, 15:05

Rene Karabasch

Rene Karabasch

FOTO Yana Lozeva, International Booker Prize

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„Ein Schriftsteller sollte schreiben, ohne an Preise zu denken!“ Davon ist Rene Karabasch überzeugt. Ihr Roman „Ostajniza“ stand kurz davor, den Booker Prize zu gewinnen. Nach „Zeitzuflucht“ von Georgi Gospodinow zeigte damit erneut ein zeitgenössischer bulgarischer Autor, dass die bulgarische Literatur ihren Platz auf der internationalen Bühne verdient. An der diesjährigen Ausgabe des Wettbewerbs nahmen 128 Bücher teil, die innerhalb der vergangenen zwölf Monate ins Englische übersetzt und im Vereinigten Königreich und/oder Irland veröffentlicht worden waren. Gemäß den Regeln wählte die Jury zunächst 13 Titel für die Longlist aus, aus denen später sechs Finalisten bestimmt wurden – darunter auch der Roman von Rene Karabasch. 

FOTO book.store.bg

Ostajniza“ – der Begriff bezeichnet eine Frau, die freiwillig schwört, wie ein Mann zu leben und die Rolle des Familienoberhaupts zu übernehmen, eine Tradition aus der patriarchalischen Gesellschaft Nordalbaniens – kann bereits auf zahlreiche renommierte Auszeichnungen verweisen. Der Roman erhielt den nationalen Literaturpreis „Elias Canetti“, wurde für den Preis „Roman des Jahres“ des Nationalen Stiftungsfonds „13 Jahrhunderte Bulgarien“ nominiert und gewann den Literaturpreis „Pero“. Die Geschichte über die sogenannten „Schwurjungfrauen“ Albaniens eroberte die Herzen von Lesern auf der ganzen Welt. 

FOTO BTA

Ihre Autorin Irena Iwanowa, die als Dichterin, Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Dramatikerin tätig ist und unter dem literarischen Pseudonym Rene Karabasch veröffentlicht, erinnerte sich: 

„Natürlich habe ich zu diesem Thema recherchiert, denn es ist sehr komplex und hängt mit den sogenannten albanischen Kanun-Gesetzen zusammen. Solche Traditionen gibt es an einigen Orten auf dem Balkan, aber nicht in Bulgarien. Ich habe etwa zwei Jahre damit verbracht, Bücher zu lesen, Dokumentarfilme über diese ‚Schwurjungfrauen‘ anzusehen und zahlreiche Interviews mit ihnen zu studieren. Außerdem habe ich die Bedeutung albanischer Namen erforscht, weil es mir sehr wichtig ist, dass die Namen meiner Figuren ihr Schicksal widerspiegeln. Ich glaube, jeder Mensch kommt mit seinem Namen auf die Welt, und dieser beeinflusst sein Leben auf bestimmte Weise“, sagte Karabasch. 

FOTO BTA

Ostajniza“ gewann zwar nicht den Booker Prize, wurde inzwischen jedoch in 23 Sprachen übersetzt. Die brasilianische Ausgabe war sogar der erste bulgarische Roman, der in Brasilien veröffentlicht wurde. Ende 2023 erhielt Marie Vrinat-Nikolov für die französische Übersetzung den Preis des französischen PEN-Clubs. In den USA wurde Isidora Angel für die englische Übersetzung mit dem Gulf Coast Translation Prize ausgezeichnet, die 2025 zudem den renommierten HEIM-Preis des amerikanischen PEN-Clubs erhielt. Das Buch wurde außerdem für den schwedischen Literaturpreis Prisma nominiert und in die Liste der „21 besten kommenden Bücher des Jahres 2026“ des Literaturbuchclubs der Sängerin Dua Lipa aufgenommen. 

Mit einem Lächeln sagte Rene Karabasch: 

„Es ist sicherlich eine Herausforderung für jeden meiner Übersetzer. Aber ich denke, sie haben ihre Arbeit hervorragend gemacht, und nicht ohne Grund gewinnen ihre Übersetzungen weltweit so viele Preise. Ich versuche, mich möglichst wenig einzumischen, weil ich ihnen vertraue. Dennoch haben sie viele Fragen zu bestimmten Textstellen oder zu veralteten bulgarischen und türkischen Wörtern. Überraschenderweise entdecke ich meinen Roman bei jeder Übersetzung neu. Manchmal verstehe ich durch meine Übersetzer und neuen Leser sogar Dinge, die ich selbst geschrieben habe“, so Karabasch. 

FOTO Privatarchiv

Nach Ansicht von Rene Karabasch sind Preise nichts Schlechtes, weil sie ein Buch sichtbarer machen und mehr Leser erreichen. Sie fügte jedoch hinzu: 

„Für mich gibt es noch eine andere Seite. Manchmal sage ich, dass Preise ein großer Fluch für Künstler sein können. Sie holen einen aus der Welt des Schaffens heraus und zwingen einen in die Welt des Egos. Wenn man nicht an sich gearbeitet hat, besteht die Gefahr, zu hoch zu fliegen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen. Wer einen starken inneren Kritiker hat oder perfektionistisch veranlagt ist, kann dadurch beim Schreiben erheblich beeinträchtigt werden, weil man ständig darüber nachdenkt, wie man noch einmal ein ebenso erfolgreiches Buch schreiben kann“, erzählte Karabasch. 

Zum Schluss verriet die Autorin ihr persönliches Rezept dafür, wie man schreiben sollte – unabhängig davon, ob man bereits einen Preis gewonnen hat oder nicht: 

„Ich denke, jeder Schriftsteller sollte in sein Zimmer gehen können und nicht an Preise denken. Beim Schreiben sollte er sich sich selbst und den anderen widmen, ohne darüber nachzudenken, ob das Buch gelesen oder nominiert wird. Der Schriftsteller Orhan Pamuk spricht von zwei Arten von Erzählern: denjenigen, die mit Verstand und Logik arbeiten, und denjenigen, die wie kleine Kinder spielerisch schreiben. Meiner Meinung nach ist ein Gleichgewicht zwischen beiden wichtig. Denn auch das, was wir während des Schreibens empfinden, hinterlässt Spuren auf dem Papier und kann von den Lesern wahrgenommen werden.“ 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov