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Demografische Realitäten sprechen für eine polyzentrische Entwicklung Bulgariens

Prof. Spas Taschew: Bulgarien verzeichnet einen dauerhaft positiven Wanderungssaldo, erleidet aber weiterhin erhebliche demografische Verluste

Dienstag, 9 Juni 2026, 15:05

Demografische Realitäten sprechen für eine polyzentrische Entwicklung Bulgariens

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Ende 2025 lebten in Bulgarien rund 6,4 Millionen Menschen. Gegenüber 2024 ging die Bevölkerung um mehr als 14.000 Personen beziehungsweise etwa 0,22 Prozent zurück. Gleichzeitig nimmt die Auswanderung dauerhaft ab – lediglich 4.532 Menschen verließen das Land. Dagegen kamen 17.369 Personen nach Bulgarien, um hier zu leben, viele von ihnen Ausländer. Ob sich daraus ein langfristiger Trend entwickelt, erläutert Prof. Dr. Spas Taschew vom Institut für Bevölkerungs- und Humanforschung der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. 

Prof. Spas Taschew

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„Das Jahr 2023 erwies sich als Wendepunkt. Damals verzeichneten wir die besten demografischen Kennzahlen der vergangenen zehn Jahre und gingen davon aus, dass sich die Lage in Bulgarien stabilisiert“, erklärte Taschew. „Die zusammengefasste Geburtenziffer – also die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau im gebärfähigen Alter – erreichte 1,81. Das war der höchste Wert in der gesamten Europäischen Union. Für eine Bestandserhaltung der Bevölkerung wären allerdings 2,1 Kinder pro Frau erforderlich. Dennoch näherten wir uns diesem Wert an. Leider sank die Kennziffer 2024 auf 1,76 und 2025 bereits auf 1,65“, so der Wissenschaftler. 

Als besorgniserregenden Faktor nennt er das steigende Durchschnittsalter bulgarischer Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes, das inzwischen bei 28 Jahren liegt. Dadurch entscheiden sich immer weniger Frauen für ein zweites Kind. Gleichzeitig beobachtet Taschew seit der Covid-Krise einen dauerhaft positiven Wanderungssaldo. Die Auswanderung habe sich stabilisiert. Während Bulgarien früher jährlich zwischen 50.000 und 70.000 Menschen verlor, die im Ausland arbeiteten und lebten, importiere das Land heute Arbeitskräfte. 

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„Derzeit kommen Arbeitskräfte aus Pakistan, Tadschikistan, Nepal, Bangladesch und Aserbaidschan. Nach meinen Untersuchungen bleiben jedoch nur etwa 40 Prozent derjenigen, die eine Arbeitsgenehmigung für Bulgarien erhalten, tatsächlich hier. Für die übrigen ist Bulgarien lediglich ein Sprungbrett in die Europäische Union. Nach ihrer Ankunft orientieren sie sich rasch nach Westeuropa. Das zeigt, dass bei der Anwerbung solcher Arbeitskräfte etwas nicht richtig funktioniert. Die große Frage lautet deshalb: Warum nutzen wir nicht stärker das Potenzial der bulgarischen Diaspora, insbesondere in den Nachbarstaaten?“, fragt der Demograf. 

Nach der im April vom Ministerium für regionale Entwicklung und öffentliche Arbeiten zur Diskussion gestellten Nationalen Konzeption für die regionale Raumentwicklung hat ein Drittel der 5.250 Ortschaften Bulgariens weniger als 100 Einwohner. Lediglich 50 Städte werden in vier Kategorien als Zentren mit Entwicklungspotenzial für die Zukunft des Landes eingestuft. 

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Unser größtes Problem ist die unausgewogene wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Die Daten zeigen, dass die Hauptstadt sowie etwa fünf weitere große urbane Zentren Bevölkerung anziehen. Fast überall sonst befindet sich die Bevölkerung in einer tiefen Krise“, erklärte Taschew. „Inzwischen gibt es rund 200 Dörfer, die zwar noch auf der Landkarte stehen, aber keinen einzigen Einwohner mehr haben. Demografisch gesehen besitzen Ortschaften mit 100 oder weniger Einwohnern kein Reproduktionspotenzial mehr. Dort werden keine Kinder geboren, das gesellschaftliche Leben erlischt allmählich. Allerdings gilt das nicht für alle Orte. Rund um die fünf bis sechs wirtschaftlich starken Zentren Bulgariens wächst die Bevölkerung weiterhin.“ 

Nach Ansicht des Wissenschaftlers stellt die Konzeption des Regionalministeriums fest, dass Bulgarien derzeit keine demografische Entwicklung auf seinem gesamten Staatsgebiet gewährleisten kann. Deshalb werde auf das Modell der Polyzentrik gesetzt. Um den Anforderungen der Europäischen Union hinsichtlich der Bevölkerungszahl in den Planungsregionen zu entsprechen, wird vorgeschlagen, deren Zahl von derzeit sechs auf vier zu reduzieren. 

Die Konzeption sieht zudem vor, dass in peripheren Gebieten mit geringer Schülerzahl künftig verstärkt Fernunterricht eingesetzt werden könnte. Dem steht Prof. Taschew kritisch gegenüber. 

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„Man darf nicht vergessen, dass die Schule weit mehr als Bildung vermittelt. Sie prägt den Charakter und schafft ein soziales Umfeld. Rein digitaler Unterricht ist deshalb besonders für Kinder und Jugendliche ohne ausreichende soziale Erfahrungen sehr problematisch“, so Taschew.  

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Gleichzeitig äußerte Prof. Spas Taschew die Hoffnung, dass neue digitale Technologien im Bereich der Telemedizin den Zugang zur Gesundheitsversorgung in dünn besiedelten Regionen Bulgariens verbessern werden. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov