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Bildung vor der Wahl: kontrollierte Entwicklung oder Selbstzerstörung

„Bei den digitalen Kompetenzen bulgarischer Schüler werden erhebliche Defizite festgestellt“, sagt Prof. Rumjana Pejtschewa-Forsyth

Donnerstag, 18 Juni 2026, 10:35

Prof. Rumjana Pejtschewa-Forsyth

Prof. Rumjana Pejtschewa-Forsyth

FOTO Zentrum für Bildungstechnologien der Universität Sofia

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Daten aus internationalen Studien zeichnen ein ernüchterndes Bild: Bulgarische Jugendliche gehören bei den digitalen Kompetenzen zu den Schlusslichtern in Europa. Dies veranlasste Wissenschaftler der Sofioter Universität Hl. Kliment von Ochrid, eine umfassende landesweite Untersuchung durchzuführen, um den Stand der Digitalisierung im Sekundarschulwesen – einschließlich der Lehrerausbildung – zu analysieren und fundierte Empfehlungen für bildungspolitische Entscheidungen vorzulegen. 

Das Projekt „Digitalisierung des bulgarischen Sekundarschulwesens“ unter der Leitung von Prof. Rumjana Pejtschewa-Forsyth umfasste 350 Schulen, 2.400 Lehrkräfte, 1.200 Schüler und 700 Eltern sowie die Beobachtung von 250 Unterrichtsstunden. Zu welchen Ergebnissen kam die Studie? 

FOTO Zentrum für Bildungstechnologien der Universität Sofia

„Die meisten Lehrkräfte schätzen ihre digitalen Kompetenzen auf den unteren Kompetenzstufen ein“, sagte Prof. Forsyth. „Wenn es um komplexere Fähigkeiten geht, etwa die Förderung des kritischen Denkens beim Einsatz von Technologien oder die selbstständige Nutzung digitaler Werkzeuge durch Schüler zur Erstellung von Projekten und zur Problemlösung, fühlen sich viele Lehrkräfte unzureichend vorbereitet und benötigen Unterstützung, sagte Prof. Forsyth. 

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Schülern. Sie verfügen über grundlegende Fähigkeiten, etwa bei der Informationssuche im Internet und der Nutzung gängiger Anwendungen. Gleichzeitig bestehen erhebliche Defizite bei der kritischen Bewertung von Informationsquellen hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und wissenschaftlichen Fundierung, beim Umgang mit komplexeren digitalen Produkten sowie beim verantwortungsvollen Verhalten im Internet. 

Auch bei den Schulen zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und Realität. Viele Einrichtungen bewerten ihren Digitalisierungsgrad positiv, verfügen jedoch entweder über keine Digitalisierungsstrategie oder setzen diese nicht konsequent um. Erfolgreiche Beispiele beruhen häufig auf dem Engagement einzelner Lehrkräfte und weniger auf einem systematischen Ansatz. 

FOTO Bildungs- und Wissenschaftsministerium

Digitale Technologien werden nach wie vor hauptsächlich genutzt, um die Rolle der Lehrkraft zu unterstützen – also Inhalte zu veranschaulichen und zu präsentieren“, erklärte Prof. Rumjana Forsyth weiter. „Der Lehrer unterrichtet, die Schüler schauen zu und hören zu. Transformative Unterrichtsformen, die Kinder dazu anregen, kritisch zu denken, Projekte zu entwickeln und an interaktiven Aktivitäten teilzunehmen, sind äußerst selten. Viele Lehrkräfte kennen diese Methoden nicht oder fühlen sich bei ihrer Umsetzung nicht ausreichend unterstützt. Auch die weit verbreitete Annahme, dass eine technisch gut ausgestattete Schule automatisch die Digitalisierung fördert, bestätigt sich nicht.“ 

Prof. Rumjana Forsyth fasst zusammen: „Unser Bildungssystem befindet sich nicht in einem Prozess der digitalen Transformation, weil es keine ernsthaften Hinweise darauf gibt, dass Technologien die Qualität des Lehrens und Lernens grundlegend verändern.“ 

Die Wissenschaftlerin verweist zudem auf das Phänomen der sogenannten digitalen Ungleichheit, das eng mit den Kompetenzen der Eltern zusammenhängt. Während Eltern mit hoher digitaler Kompetenz die Bildschirmzeit ihrer Kinder oft bewusst begrenzen, fördern andere mit geringeren Kenntnissen einen weitgehend uneingeschränkten Technikeinsatz in der Hoffnung auf bessere Zukunftschancen in einer digitalen Gesellschaft. „Es ist notwendig, die Eltern auf die eine oder andere Weise einzubeziehen“, betonte Prof. Forsyth. 

Sind die Ziele, die für den Erwerb grundlegender digitaler Kompetenzen notwendig sind, in absehbarer Zeit erreichbar – und von wem hängt dies ab? 

FOTO Bildungs- und Wissenschaftsministerium

„Das Bildungs- und Wissenschaftsministerium beginnt gemeinsam mit dem Bildungsinstitut ein neues dreijähriges Projekt zur Einführung eines kompetenzorientierten Ansatzes in den Schulen“, erklärte Prof. Rumjana Forsyth. „Ja, diese Ziele sind erreichbar – allerdings nur, wenn die Vermittlung digitaler Kompetenzen nicht allein Aufgabe der Informatiklehrer bleibt. Lehrkräfte aller Fächer müssen darauf vorbereitet werden, gemeinsam auf der Grundlage eines interdisziplinären Ansatzes zu arbeiten und Schüler in kreative Aktivitäten einzubeziehen. Da dies eine gemeinsame Aufgabe ist, müssen auch die Eltern eingebunden werden, damit sie verstehen, was im Unterricht geschieht.“ 

„Kontrollierte Entwicklung“ – mit diesem Begriff beschreibt Prof. Rumjana Forsyth den Prozess, den das bulgarische Bildungssystem ihrer Ansicht nach dringend benötigt. 

FOTO Bildungs- und Wissenschaftsministerium

„Selbst wenn uns heute die Kraft fehlt, wird der Zeitpunkt kommen, an dem dies so notwendig sein wird, dass wir keine andere Wahl mehr haben“, sagte Prof. Forsyth. „Wenn sich herausstellt, dass zentrale Ziele des Bildungssystems – junge Menschen in ihrer kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklung zu fördern und sie auf eine sich rasch wandelnde Wirtschaft vorzubereiten – nicht erreicht werden, dann produzieren wir Kinder, die unter einer übermäßigen Nutzung digitaler Technologien leiden. Wenn diese Technologien sie nicht dazu anregen, zu denken, zusammenzuarbeiten, zu kommunizieren und sich zu vollwertigen Persönlichkeiten zu entwickeln, wird sich das System ohne Gegenmaßnahmen selbst zerstören. Das Bildungssystem muss auf allen Ebenen die Kraft finden, gemeinsam mit Politik, Bildungsministerium, Universitäten und Eltern neu zu definieren, was Bildung, Lernen und Erziehungswissenschaft heute bedeuten. 

Andernfalls werden junge Menschen nicht ausreichend auf einen Arbeitsmarkt vorbereitet sein, der zunehmend von digitalen Technologien geprägt ist und ein hohes Maß an Flexibilität, Wissen und kognitiven Fähigkeiten verlangt. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov