Autor
Rossitsa Petkova
Nachricht
Das größte Problem in Bulgarien ist die späte Inanspruchnahme medizinischer Hilfe
Gesundheitspodcast klärt Bulgaren über Prävention und Medizin auf
Über 200 Folgen mit Hunderten Patientengeschichten und Expertenmeinungen, die den Bulgaren helfen, besser für ihre Gesundheit zu sorgen
Samstag 25 Juli 2026 17:30
Samstag, 25 Juli 2026, 17:30
FOTO Rossitsa Petkova
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Gesundheit betrifft jeden von uns – Patienten ebenso wie Ärzte, Eltern ebenso wie aktive Bürger, die gesünder leben möchten. In Bulgarien, wo die vermeidbare Sterblichkeit und der Mangel an medizinischem Fachpersonal besorgniserregende Ausmaße angenommen haben, ist die Diskussion über Gesundheit und Prävention wichtiger denn je.
Mit mehr als 200 Folgen und rund 500 Gästen – darunter Ärzte, Wissenschaftler, Experten, Patienten und Vertreter von Patientenorganisationen – hat sich der Podcast „Im Zentrum des Systems“ des Bulgarischen Nationalen Rundfunks zu einem gefragten Format des Gesundheitsjournalismus entwickelt. Autorin und Moderatorin ist die Journalistin Gergana Christschewa, die seit mehr als 22 Jahren als Gesundheitsreporterin für das Programm „Horizont“ des Bulgarischen Nationalen Rundfunks tätig ist und mehrere weitere Gesundheitssendungen gestaltet.
Mit Rossitsa Petkova von Radio Bulgarien
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„Die Idee dieses Podcasts besteht darin, thematische Gesundheitsgespräche mit verlässlichen Informationen renommierter Fachleute anzubieten und damit der Gesellschaft zu helfen. Gerade im Gesundheitsbereich kursieren besonders viele Mythen, Spekulationen und Falschmeldungen. Unser Ziel ist es, der bulgarischen Öffentlichkeit eine Alternative zu bieten – mit präzisen und überprüften Informationen aus verschiedenen Blickwinkeln. Wenn eine Folge einer bestimmten Erkrankung gewidmet ist und kein Patientenfall behandelt wird, bemühe ich mich, die anerkanntesten Experten einzuladen und prüfe, ob sie auch bei den Patienten hohes Ansehen genießen“, sagte Christschewa.
Der Podcast „Im Zentrum des Systems“ wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Im Januar dieses Jahres erhielt Gergana Christschewa zudem den Jahrespreis für Radiojournalismus „Sirak Skitnik“ des Bulgarischen Nationalen Rundfunks.
FOTO Ani Petrowa
Viele Jahre lang hörte Christschewa auf Konferenzen und in Fachforen die Aussage, der Patient stehe im Mittelpunkt des Systems. Dieses oft verwendete Schlagwort griff sie auf, um den Menschen tatsächlich ins Zentrum zu rücken – durch seine Geschichten und durch Themen, die seinen Alltag betreffen. „Der Podcast hat sich weit über die ursprüngliche Idee hinaus entwickelt und deckt inzwischen zahlreiche Bereiche der Medizin ab“, berichtet sie.
Bulgarien gehört weiterhin zu den EU-Ländern mit der höchsten vermeidbaren Sterblichkeit. Warum belegt das Land in dieser traurigen Statistik nach wie vor Spitzenplätze?
„Die Daten zeigen, dass Bulgarien tatsächlich zu den Ländern mit der höchsten Sterblichkeit und Erkrankungsrate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehört, gefolgt von Krebserkrankungen. Die Bulgaren achten sehr auf ihre Rechte und holen oft eine zweite oder dritte Meinung ein, suchen medizinische Hilfe aber viel zu spät. Genau darin liegt die Ursache für die hohe Sterblichkeit bei diesen Krankheiten – im verspäteten Arztbesuch. Das hängt mit unserer Mentalität zusammen, die eigene Gesundheit nicht an erste Stelle zu setzen. Viele Bulgaren ernähren sich weniger gesund als Menschen in anderen Ländern, glauben allerlei Spekulationen im Internet und treiben zudem zu wenig Sport. Bewegungsmangel, Übergewicht, Stress und Depressionen spielen ebenfalls eine große Rolle“, so Christschewa.
Gergana Christschewa unds Prof. Iwelin Takorow
FOTO WMA
Warum suchen die Menschen in Bulgarien medizinische Hilfe so spät auf? „Vorsorge existiert in Bulgarien, aber wir nutzen sie nicht“, sagte Gergana Christschewa mit Bedauern.
„Ich wage zu behaupten, dass wir über sämtliche Vorsorgeuntersuchungen verfügen, die von der Krankenkasse kostenlos angeboten werden und uns gesund erhalten könnten, wenn wir sie regelmäßig wahrnehmen würden. In den letzten Jahren wurden sehr gute Vorsorgeprogramme für Prostatakrebs bei Männern und Mammographie-Untersuchungen bei Frauen eingeführt. Außerdem wurde das System ,E-Gesundheit‘ geschaffen. Dabei handelt es sich um eine elektronische Patientenakte, die jeder auf seinem Smartphone nutzen kann. Sie informiert darüber, welche Untersuchungen anstehen und welche bereits durchgeführt wurden“, betonte Christschewa.
FOTO NSIS
Ein weiteres Problem des bulgarischen Gesundheitswesens ist der zunehmende Mangel an medizinischem Fachpersonal.
„Gemessen an der Bevölkerungszahl verfügt Bulgarien über ausreichend Ärzte. Das Problem liegt bei den Pflegekräften, deren Zahl seit Jahren sinkt“, erklärt Gergana Christschewa. „Derzeit gibt es etwa 22.000 Krankenschwestern und Krankenpfleger. Wir bräuchten jedoch zwei- bis dreimal so viele, damit eine Pflegekraft nicht mehr als fünf Patienten betreuen müsste. Häufig versorgt eine Pflegekraft jedoch 15 bis 20 Patienten. In der Hämatologie-Klinik in Sofia fehlt es beispielsweise an klinischen Laborassistenten. Sie bearbeiten die Proben nach Biopsien und spielen eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der Tumorart. Dort muss ein einzelner Laborassistent eine enorme Anzahl von Proben auswerten. Übermüdung kann dabei schwerwiegende Fehler verursachen. Es fehlen außerdem Pflegehelfer und weiteres unterstützendes Personal. Hauptgründe dafür sind die unzureichende Bezahlung und die hohe Belastung.“
FOTO BGNES
Gergana Christschewa beobachtet jedoch auch positive Entwicklungen.
„Ärzte, die in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren im Ausland gearbeitet haben, kehren zunehmend nach Bulgarien zurück. Darunter sind viele hervorragende Gastroenterologen, Urologen und Gefäßchirurgen. Bulgarien verfügt mittlerweile über medizinische Ausstattung auf Weltniveau, die Krankenhäuser werden immer moderner. Zudem ist die Bezahlung im Verhältnis zur Arbeit, die sie hier leisten, angemessen“, so Christschewa.
Zu den meistgehörten Themen des Podcasts gehören Demenz, das metabolische Syndrom und Adipositas, Bandscheibenvorfälle, Tarifverträge im Gesundheitswesen sowie die Präsenz älterer Menschen auf TikTok. Auch Fragen der psychologischen Unterstützung und der Kindergesundheit stoßen auf großes Interesse.
Dr. Petar Iliew und Gergana Christschewa
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„Immer mehr Bulgaren und bulgarische Eltern suchen psychologische oder psychiatrische Hilfe. Ich denke, die Menschen schämen sich heute weniger dafür und haben weniger Angst, solche Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Allerdings gibt es hier ein großes Problem: Ein Großteil der Behandlungen und Beratungen wird nicht von der Krankenkasse übernommen. Es fehlt weiterhin eine gesetzliche Regelung für die psychische Gesundheitsversorgung. Deshalb müssen die Patienten die Kosten selbst tragen. Dennoch verfügen wir über sehr gute Psychologen“, erzählte Christschewa.
FOTO BNR
In einer Zeit zunehmender Informationsflut zeigt der Gesundheitspodcast „Im Zentrum des Systems“, dass Gesundheitsjournalismus eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen kann. In einem Land, das bei der vermeidbaren Sterblichkeit zu den Spitzenreitern der EU zählt, in dem Vorsorgeangebote zwar vorhanden, aber oft ungenutzt bleiben, und in dem das nationale Kinderkrankenhaus noch immer nur ein Projekt ist, tragen solche Plattformen dazu bei, eine nachhaltige Gesundheitskultur zu entwickeln.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov