Autor
Diana Zankowa
Nachricht
Almanach „Bessarabische Halskette“ erzählt von Bulgaren in Brasilien
Die Bulgaren in Taraklia bewahren seit 200 Jahren ihre Muttersprache und bieten den Kulturschaffenden der Diaspora eine Bühne
Sonntag 26 Juli 2026 16:35
Sonntag, 26 Juli 2026, 16:35
FOTO Stiftung „Bulgarischer Geist“
Schriftgröße
Seit sieben Jahren geben die Bulgaren im moldauischen Gebiet Taraklia den Almanach „Bessarabische Halskette“ heraus. Mit ihm bezeugen die vor zwei Jahrhunderten aus ihrer Heimat ausgewanderten Landsleute nicht nur ihre Liebe zu Bulgarien, sondern auch ihr Engagement für die Bewahrung der bulgarischen Sprache und des nationalen Gedächtnisses.
Die Zusammenführung von Werken von Dichtern, Schriftstellern und Übersetzern aus Bessarabien sowie der bulgarischen Diaspora in Moldau, der Ukraine und Russland in einem literarischen Band ist ein Beweis dafür, dass die Gemeinschaft Brücken zwischen den Generationen schlagen kann. Die erste Ausgabe umfasste kaum hundert Seiten, während der aktuelle Almanach fast sechshundert Seiten zählt. Die Beiträge sind auf Bulgarisch, Gagausisch, Albanisch, Rumänisch, Ukrainisch und Russisch verfasst – alles Sprachen, die in dieser Region gesprochen werden. Das Projekt wurde mit Unterstützung der Stiftung „Bulgarischer Geist“ verwirklicht.
Oleg Kossich
FOTO Stiftung „Bulgarischer Geist“
„Wir legen großen Wert auf die bulgarische Sprache, weil wir Bessarabien-Bulgaren sind und es uns wichtig ist, dass Autoren in ihrer Muttersprache schreiben“, sagte Oleg Kossich, Vorsitzender der Stiftung. „Der Almanach bietet eine große thematische Vielfalt. Es gibt Gedichte, Theaterstücke, aber persönlich lese ich am liebsten Erinnerungen an die Familiengeschichte und an Traditionen, etwa Hochzeitsbräuche und das Leben in unseren Dörfern früher. Da wir heute in einer urbanisierten Welt leben und viele alte Dinge allmählich verschwinden, möchten wir sie im gedruckten Wort festhalten. Wir glauben, dass der Almanach ein geeigneter Ort ist, um sie für die Ewigkeit zu bewahren.“
Oleg Kossich erinnert sich an die Anfänge des Projekts und an einen Satz von Prof. Elena Nalbantowa, die ihr Leben der bulgarischen Literatur gewidmet hat: „Ich glaube, dass die bulgarische Sprache bei euch in Bessarabien ausstirbt.“ Daraufhin beschloss er, eine Plattform zu schaffen, auf der Autoren aus der Diaspora ihre Werke veröffentlichen können. Das Team hinter der Initiative arbeitet ehrenamtlich, die gesammelten Mittel fließen ausschließlich in den Druck. Anschließend werden die Almanache an Kulturhäuser, Schulen und Organisationen verschenkt.
FOTO Stiftung „Bulgarischer Geist“
„Für uns ist es wichtig, dass diese Bücher möglichst viele Menschen erreichen“, betonte Oleg Kossich gegenüber Radio Bulgarien. „In fünf, zehn oder zwanzig Jahren wird vielleicht jemand eine Bibliothek betreten, das Buch entdecken, es aufschlagen und lesen, was wir in dieser Zeit erlebt haben, worüber wir nachgedacht und wovon wir geträumt haben. Vielleicht ist diese Idee nicht für jeden nachvollziehbar, aber für viele Menschen ist es wichtig, das gedruckte Wort in der Muttersprache zu bewahren“, so Kossich.
Ein Schwerpunkt der siebten Ausgabe der „Bessarabischen Halskette“ ist die Auswanderung von Bessarabien-Bulgaren nach Brasilien – ein wenig bekanntes, aber bedeutendes Kapitel der Geschichte, das voller Hoffnungen begann und in einer unerfüllten Sehnsucht endete. Nach ihrer Ankunft auf dem südamerikanischen Kontinent mussten die Menschen ihre Träume von einem neuen Leben mit zwei Jahren Zwangsarbeit bezahlen, um die Kosten zu erstatten, die brasilianische Grundbesitzer für ihre Ansiedlung aufgebracht hatten.
„1924 begann eine große Kampagne zur Auswanderung unserer Landsleute nach Brasilien“, erzählte Oleg Kossich. „Man versprach ihnen nahezu das Paradies auf Erden. Zehntausende glaubten daran, verkauften ihren Besitz, ließen ihr bisheriges Leben hinter sich und machten sich auf den Weg. Mehr als einen Monat lebten sie mit ihren Kindern unter Deck eines Schiffes. Einige verloren dabei ihr Leben. Nach ihrer Ankunft wurden sie unter Quarantäne gestellt. Viele starben, weil das Klima völlig anders war. Die meisten Siedler ließen sich zunächst im Dschungel nieder und mussten das Land urbar machen. Mit der Zeit erkannten sie jedoch, dass sie von der Landwirtschaft nicht leben konnten, und zogen in die Städte. Das Hauptproblem bestand darin, dass es sich überwiegend um wenig gebildete Landbewohner handelte. Die zweite und dritte Generation assimilierte sich. Heute gibt es Menschen mit bulgarischen Familiennamen – Ärzte, Ingenieure und andere Fachleute –, die nicht einmal wissen, dass sie bulgarische Wurzeln haben. Ihre Vorfahren waren mit rumänischen Dokumenten ausgewandert, und niemand in den Familien spricht mehr Bulgarisch“, erzählte unser Gesprächspartner.
Bessarabische Bulgaren in Brasilien
FOTO infraestruturameioambiente.sp.gov.br
- Die bessarabischen Bulgaren in Brasilien: Wie tief reichen ihre bulgarischen Wurzeln?
- Der älteste Bulgare in Brasilien hat seine Muttersprache nicht verlernt und lehnt die brasilianische Staatsbürgerschaft ab
Oleg Kossich selbst fand vor einigen Jahren einen Verwandten in Brasilien. Als Kind hatte er die Erzählungen seiner Großmutter über ausgewanderte Familienangehörige kaum geglaubt. Fünf Generationen später entdeckte er durch Ahnenforschung seinen Verwandten Konstantin wieder.
Seit 1984 besteht in Sao Paulo die Kulturvereinigung der Bulgaren in Brasilien. Dort pflegen Nachfahren der vor dem Zweiten Weltkrieg eingewanderten Bessarabien-Bulgaren die bulgarischen Feiertage, erforschen ihre Herkunft und Geschichte, auch wenn sie die bulgarische Sprache nicht mehr beherrschen.
Wer die Seiten des Almanachs „Bessarabische Halskette“ aufschlägt, findet Themen, die ihn in die Vergangenheit versetzen, ihm das Gefühl geben, Teil einer Gemeinschaft zu sein – und manchmal auch zum Schmunzeln bringen, wie Oleg Kossich berichtete.
FOTO Stiftung „Bulgarischer Geist“
„Ich musste lachen und konnte meinen Augen kaum trauen, denn ein Autor hatte die verschiedensten Dorfnamen und Spitznamen beschrieben und sogar ihre Herkunft erklärt“, erzählte er. „Da erinnerte ich mich an den Spitznamen meiner eigenen Familie. Als Kind fragte mich auf der Straße kein älterer Mensch nach meinem Namen, sondern: ,Zu welcher Familie gehörst du?‘ Wenn man den Familiennamen oder Spitznamen nannte, hieß es sofort: ,Ach so, dein Großvater Iwan, deine Großmutter Anna …‘ Das hat mich persönlich sehr berührt. Andere Leser fühlen sich vielleicht eher von den beschriebenen Traditionen angesprochen. Einige Autoren verwenden die bessarabischen Dialekte der bulgarischen Sprache. Für viele Menschen ist es etwas Besonderes, diese Texte zu lesen und sich daran zu erinnern, wie ihre Großeltern gesprochen haben.“, so Kossich.
Die diesjährige Ausgabe des Almanachs ist bereits erschienen, und Oleg Kossich hofft, dass sie bald auch in Bulgarien gelesen wird. Besonders freut ihn, dass sich unter den Autoren auch Schriftsteller aus Bulgarien befinden und dass sich viele Menschen im Mutterland für die „Bessarabische Halskette“ interessieren.
„In Bulgarien sind viele ehrlich überrascht, dass wir unsere Sprache trotz 200 Jahren in einem fremdsprachigen Umfeld bewahren konnten. Weil sie mehr über uns erfahren möchten, bietet ihnen dieser Almanach die Möglichkeit dazu. Das freut mich sehr“, sagte Kossich abschließend.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov