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Aus der Schatzkammer von Radio Bulgarien

Enjowden – mit Heilkräutern, Blumensträußen und Holzerntehandschuhen

Mittwoch, 24 Juni 2026, 11:07

Enjowden – mit Heilkräutern, Blumensträußen und Holzerntehandschuhen

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Enjowden ist bis heute ein bedeutender Feiertag geblieben – ungeachtet aller Veränderungen im Denken und in den Lebensgewohnheiten. Er wird stets am 24. Juni begangen, dem Tag, an dem die orthodoxe Kirche die Geburt des heiligen Johannes des Täufers feiert. Nach volkstümlichem Glauben hat die Sonne an diesem Datum den äußersten Punkt ihrer Reise vom Winter zum Sommer erreicht. Nun muss sie den Rückweg antreten. Zuvor hält sie jedoch inne, um sich auszuruhen, im lebendigen Wasser zu baden und von den Orten Abschied zu nehmen, die sie erst im nächsten Jahr wiedersehen wird. Am Enjowden geht die Sonne, gebadet und verjüngt, sehr früh auf und tanzt vor Freude. Wer ihren Tanz mit eigenen Augen sieht, gilt als besonders begünstigt. Ebenso gut ist es, wenn die Sonne den Menschen in dieser magischen Stunde erblickt und ihn mit Gesundheit segnet. 

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Wie bekannt, besitzen Wasser und Kräuter am Enjowden besondere Kräfte. Nachdem die Sonne gebadet hat, verleiht sie dem Wasser heilende Eigenschaften und schenkt es den Menschen. Man sagt, dass an diesem Tag sogar aus versiegten Quellen wieder Wasser hervorströmt. Die Kräuter wiederum, die vor Sonnenaufgang gesammelt werden, können alle Krankheiten heilen, deren Zahl im Volksglauben mit 77½ angegeben wird. 

Kräuterkundige und Heiler wissen genau, welche Pflanzen gegen die 77 bekannten Krankheiten helfen. Die „halbe“ Krankheit ist eine geheimnisvolle, namenlose Krankheit, für die kein Heilmittel bekannt ist. Deshalb sammeln sie 77 Kräuter und legen sie beiseite. Anschließend schließen sie die Augen und pflücken zufällig die Spitze eines Pflanzenstängels. Es heißt, gerade dieses mit geschlossenen Augen gepflückte Kraut könne die unbekannte Krankheit heilen. Aus den 77½ Kräutern wird ein Strauß gebunden, mit dem im Laufe des Jahres Menschen und Tiere behandelt werden. 

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In einigen Regionen wird der Feiertag auch Iwan Biljober, Johannistag, Iwan Letni oder „Mitten im Sommer“ genannt. Er gilt als Schutzfest der Kräuterkundigen und Heiler. Doch nicht nur sie sammeln an diesem Tag Heilpflanzen, sondern auch junge Mädchen, frisch verheiratete Frauen und ältere Frauen. In allen Regionen Bulgariens gibt es spezielle Lieder, die an diesem Tag gesungen werden. Sie beschreiben meist die typischen Handlungen des Festes – das Sammeln der Kräuter, das Flechten des Enjow-Kranzes oder der Blumensträuße. Manche Lieder erzählen, wie Enjo (Jano) mit dem Wagen loszieht, um Kräuter zu sammeln, doch seine Mutter hält ihn zurück, weil die Mädchen die Kräuter bereits gepflückt, gekocht und sich damit die Haare gewaschen haben. 

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war auch der Brauch der Enjowa Bulja oder Janowo Bule verbreitet, benannt nach einer mythischen Gestalt, die die zentrale Figur der Mädchenrituale war. Für diese Rolle wurde ein kleines Mädchen ausgewählt, das als jüngstes Kind der Familie geboren worden war, dessen Eltern noch lebten und kirchlich verheiratet waren. 

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Die Enjowa Bulja wurde wie eine Braut gekleidet – mit Festtracht, Schmuck und einem roten oder weißen Schleier. Während des Ankleidens mussten die Mädchen darauf achten, dass das Kind den Boden nicht berührte, da dies als schlechtes Omen galt. Diese Regel galt bis zum Ende des Rituals. Deshalb trugen die Mädchen das Kind abwechselnd auf den Schultern oder hielten es auf dem Schoß.

Gemeinsam mit der Enjowa Bulja zogen die Mädchen durch das gesamte Dorf. Sie machten an jedem Haus, jedem Brunnen und jeder Quelle Halt, sangen Lieder und tanzten Reigen. Anschließend gingen sie weiter zu Flüssen, Feldern, Weinbergen und Wiesen. Schließlich kehrten sie zu dem Haus zurück, von dem sie aufgebrochen waren. Dieser symbolische Kreis, den die Mädchen mit der mythischen Braut beschreiben, sollte das Dorf schützen sowie Fruchtbarkeit und Wohlstand sichern.

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Darauf folgte der zweite Teil des Brauchs – die Weissagung mit Blumensträußen und Vorhersagen über Liebe und Heirat. Bereits am Vorabend des Enjowden hatten die Mädchen ihre Sträuße gesammelt. Diese legten sie in ein neues Gefäß mit Wasser, das unter Gesang und Reigentänzen geholt worden war. 

Bevor die Enjowa Bulja aufgefordert wurde, einen Strauß herauszunehmen, sangen die Mädchen kurze Reime. So bedeutete etwa die Zeile „Ein Bienenschwarm zieht durch den Garten“, dass die Besitzerin des gezogenen Straußes einen Imker heiraten werde. „Roter Meerrettich blüht am Laden“ sagte eine Ehe mit einem Kaufmann voraus. „Er läuft durchs Tal und richtet seine Hosen“ deutete auf einen Hajduken oder einen Wanderarbeiter hin. 

In manchen Gegenden wurde nicht mit Blumensträußen, sondern mit sogenannten Palamarki geweissagt. So nennt man in Bulgarien eine hölzerne „Handschuhvorrichtung“ mit einem gebogenen Horn, die bei der Getreideernte verwendet wird. Mit ihrer Hilfe können mehrere Halme gleichzeitig gefasst werden, während die Hand vor dem Sichelschnitt geschützt bleibt. Die Weissagungslieder waren dieselben, nur hieß es statt „Zieh den Strauß heraus“ nun „Zieh die Palamarka heraus, Enjo“. 

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Am Enjowden wird auch anhand des Schattens eines Menschen auf dessen Gesundheit geschlossen. Auf Anhöhen werden Feuer entzündet – eine rituelle Nachbildung des „himmlischen Feuers“. In der Nacht vor dem Fest ziehen nach volkstümlichem Glauben Zauberer und Hexen über die Felder, um die Fruchtbarkeit anderer Menschen zu stehlen. 

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Der Kuckuck, der als Vorbote des Frühlings gilt, ruft nur bis Enjowden, denn dann beginnt der Sommer bereits seinen Rückzug. In einigen Regionen wurde am Vorabend des Festes zudem neues Feuer entfacht, mit dem anschließend alle Herdfeuer des Dorfes neu entzündet wurden. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov