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Zwetana Tontschewa
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Erinnerung an Olga Borissowa – die Madonna unter Bulgariens Folklorestars
Am 28. Juni jährte sich zum 85. Mal der Geburtstag einer der bedeutendsten Solistinnen des „Mysteriums der bulgarischen Stimmen“
Dienstag 30 Juni 2026 15:18
Dienstag, 30 Juni 2026, 15:18
Olga Borissowa (1941 – 2021)
FOTO BNR / Archiv
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Schon zu Lebzeiten hieß es über die Volkssängerin Olga Borissowa (28. Juni 1941 – 21. September 2021), sie sei für die Bühne geboren. Bewundert wurden ihre außergewöhnliche Stimme, ihr unverwechselbares Repertoire, ihre Intelligenz, ihr ausgeprägter künstlerischer Geschmack, ihre beeindruckende Bühnenpräsenz und ihre seltene Schönheit. Geboren wurde sie im kleinen Dorf Schilentsi am Fuße des Osogowo-Gebirges, fünf Kilometer westlich von Kjustendil. Als Kind träumte die schöne und kluge Olga von einer Schauspielkarriere. Viele Jahre später sagte sie, es habe keinen einzigen Tag gegeben, an dem sie dem Schicksal nicht dafür gedankt habe, ihr Leben der bulgarischen Volksmusik widmen zu dürfen.
„Ich glaube, ich habe den richtigen Weg im Leben gefunden. Wenn ein Mensch das gefunden hat, was ihn mit sich selbst und der Welt im Einklang sein lässt, dann ist er glücklich“, sagte Borissowa 2016 in einem Interview für den Bulgarischen Nationalen Rundfunk.
Ihr Weg auf die renommiertesten Bühnen Europas, Amerikas, Asiens und Afrikas begann auf fast märchenhafte Weise. Unmittelbar nach dem Abitur in Kjustendil wurde sie zu einem Vorsingen für das Ensemble für Volkslieder des Bulgarischen Nationalen Rundfunks eingeladen.
„Das war für mich ein unvergessliches Erlebnis, voller Aufregung. Ich hatte die Grenzen meiner Heimatstadt Kjustendil noch nie verlassen, und Sofia erschien mir so unerreichbar wie Paris. Heute frage ich mich, woher ich damals den Mut nahm, allein in den Zug zu steigen, nach Sofia zu fahren und mich diesem Wettbewerb im Rundfunk zu stellen“, erinnerte sich die Sängerin.
Seit Anfang der 1960er Jahre gehörte sie zu den führenden Solistinnen des Ensembles für Volkslieder des Bulgarischen Nationalen Rundfunks, das später unter dem Namen „Mysterium der bulgarischen Stimmen“ weltberühmt wurde.
Olga Borissowa in einer Aufnahme beim Bulgarischen Nationalen Rundfunk
FOTO archives.bnr.bg
Ihr Beitrag zur Bewahrung und Popularisierung der Lieder aus der Region Kjustendil ist kaum zu überschätzen. Für den Bulgarischen Nationalen Rundfunk und das Schallplattenlabel Balkanton nahm sie Hunderte Titel auf und veröffentlichte mehrere Soloalben. Namhafte bulgarische Komponisten wie Krassimir Kjurktschijski, Nikolaj Kaufman, Christo Todorow und Emil Kolew schrieben eigens für sie Bearbeitungen traditioneller Volkslieder. Sie wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen geehrt, ihr Name fand sogar Eingang in eine in London erschienene Weltmusik-Enzyklopädie.
Auf die Frage, ob sie lieber in Bulgarien oder im Ausland auftrete, antwortete sie:
„Es gibt keinen Ort in Bulgarien, an dem ich nicht gesungen habe. Ich war ständig unterwegs – Urlaub gab es für mich praktisch nicht, nur Konzerte und Reisen. Wir sangen auf Feldern während der Ernte, auf Lastwagen, auf Dorfplätzen und in Kulturhäusern. Ich habe dadurch ganz Bulgarien kennengelernt und liebe dieses Land. Ohne Bulgarien könnte ich nicht leben. Ich hatte die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten und zu leben, doch ich erkannte, dass ich das nicht wollte. Es gibt Menschen, die sich als Weltbürger verstehen und überall glücklich sind. Ich selbst habe vier Kontinente bereist, oft sogar mehrfach. Doch jedes Mal, wenn ich nach Bulgarien zurückkehrte, war das für mich ein Fest. Beim Verlassen des Flugzeugs hätte ich am liebsten den Boden geküsst. Genau das sage ich Ihnen. Ich kann nicht außerhalb Bulgariens leben. Gleichzeitig habe ich auf den großen Bühnen der Welt erkannt, welch außergewöhnlichen Reichtum unsere Folklore besitzt. Erst dort wurde mir bewusst, welche Kraft und Schönheit sie in sich trägt. Mit dem „Mysterium der bulgarischen Stimmen“ traten wir in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt auf. Während einer Aufnahme im Kennedy Center in New York weinte eine Amerikanerin ununterbrochen. Ich war verwundert und fragte sie nach dem Grund. Sie antwortete: ‚Wenn ich Ihre Lieder höre, möchte ich ein besserer Mensch sein und etwas wirklich Gutes für andere tun.‘ In diesem Moment begriff ich, welche geistige Kraft unsere Folklore ausstrahlt. Die Menschen sehen zwar uns auf der Bühne, doch sie empfangen die Energie der Musik, die wir weitergeben.“
Anlässlich ihres 85. Geburtstags erinnerte sich der bekannte Folkloreinterpret, Musikforscher, Produzent und Journalist Daniel Spassow im Gespräch mit Radio Bulgarien an Olga Borissowa. Über Jahrzehnte verband ihn eine enge Freundschaft mit der Sängerin.
Er erzählte von der letzten Fernsehsendung mit ihr, die nur wenige Monate vor ihrem Tod aufgezeichnet wurde. Sie stand kurz vor ihrem 80. Geburtstag, wirkte trotz ihrer schweren Krankheit gefasst und elegant. Gemeinsam mit langjährigen Kolleginnen des Ensembles sowie Musikern und Journalisten entstand eine Sendung voller Lebensfreude.
„Sie war damals bereits schwer krank“, sagte Spassow. „Über ihren Gesundheitszustand sprach sie mit kaum jemandem. Es handelte sich um eine äußerst aggressive Krebserkrankung. Trotzdem wollte sie diese Sendung unbedingt machen. Ehrlich gesagt hatte ich erwartet, dass sie ablehnen würde, denn sie sah bereits verändert aus. Wie jede schöne Frau legte sie großen Wert auf ihr Äußeres und wollte auch im hohen Alter noch so erscheinen, wie man sie von der Bühne kannte. Jeder, der ihr begegnete, bewunderte nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihre Ausstrahlung. Sie erinnerte tatsächlich an die jungen Frauen auf den Gemälden von Wladimir Dimitrow – Maistora. Deshalb verglich man sie oft mit dessen Figuren, auch wenn sie dieses Klischee irgendwann nicht mehr hören wollte.“
Nur wenige Wochen später fand in Kjustendil ein großes Festkonzert zu ihrem Jubiläum statt. Dort erhielt sie die Ehrenplakette des Präsidenten sowie die „Goldene Lyra“ des Bulgarischen Musikverbands.
„Sie war körperlich bereits sehr geschwächt und konnte kaum noch stehen. Als ich in die Garderobe kam, war sie bereits vollständig geschminkt und umgezogen. Ich dachte, sie würde zu einer Aufnahme singen. Als ich sie fragte, welche Tonaufnahmen wir vorbereiten sollten, antwortete sie nur: ‚Welche Aufnahmen? Ich habe bereits mit dem Orchester geprobt.‘ Ich erkundigte mich bei den Musikern nach den Tonarten – und sie sang tatsächlich in denselben hohen Sopranlagen wie als Zwanzigjährige, als sie ihre Laufbahn beim Rundfunkensemble begonnen hatte. Ihre Stimme war bis zuletzt unverändert – dieselbe Klangfarbe, dieselbe Ausdruckskraft. Sie sang an diesem Abend großartig, und niemand ahnte, wie krank sie war. Nur ein kleiner Kreis enger Freunde wusste davon. Wenige Monate später ist sie von uns gegangen. Diese innere Stärke war nicht nur für sie typisch, sondern für ihre ganze Generation.“
Daniel Spassow kannte Olga Borissowa bereits seit seiner Schulzeit. Damals wurde beim Rundfunkensemble ein Jugend-Folkloreclub gegründet, in dem junge Menschen den großen Sängerinnen bei den Proben begegnen konnten.
„Das war ein wahres Sternbild großartiger Künstlerinnen“, erinnert er sich. „Neben Olga sangen dort Nadeschda Chwoinewa, Janka Rupkina, Kremena Stantschewa, Wasilka Andonowa, Kalinka Waltschewa, Kalinka Sgurowa und viele andere. Sie alle waren außergewöhnliche Persönlichkeiten – jede mit einer unverwechselbaren Stimme. Gleichzeitig bildeten sie zusammen einen Chor von unvergleichlicher Klangfülle. Zwanzig Sängerinnen klangen wie ein einziger monumentaler Chor.“
FOTO Gemeinde Kjustendil
Für Spassow war ihre Generation von einer besonderen geistigen Haltung geprägt:
„Sie betrachteten die Bewahrung und Verbreitung der bulgarischen Folklore als ihre Berufung. Niemals fragten sie zuerst nach dem Honorar. Für sie war entscheidend, auf der Bühne zu stehen und zu singen.“
Über Olga Borissowa selbst sagte er:
„Sie war anders als alle anderen. Neben ihrer außergewöhnlichen Schönheit verfügte sie über eine beeindruckende Allgemeinbildung. Sie las bulgarische und internationale Literatur, interessierte sich leidenschaftlich für Esoterik und konnte Rudolf Steiner, Helena Blavatsky oder Nikolai Roerich zitieren. Sie liebte die Poesie, das Theater und die Malerei. Sie hörte nie auf, sich weiterzubilden.“
Als Musikerin zeichnete sie sich durch einen unverwechselbaren, hohen Sopran aus.
„Ihre Stimme war sofort wiederzuerkennen. Sie beherrschte feinste Nuancen – von dramatischer Ausdruckskraft bis zu zartem Falsett. Für eine französische Filmproduktion sang sie sogar auf Französisch und Bulgarisch und meisterte auch diese völlig andere Musiksprache mit Bravour. Sie verband die Kraft des traditionellen Gesangs mit einer kultivierten Interpretation, ohne den ursprünglichen Charakter der Volksmusik zu verfälschen.“
Wer Olga Borissowa persönlich kannte, erinnert sich an einen großzügigen, lebensfrohen Menschen mit beeindruckender geistiger Tiefe. Daniel Spassow fügte schmunzelnd hinzu:
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov