Die Kunst, die Wurzeln zu bewahren: Magdalena Nedeltschewa in Zürich

Sonntag, 19 Juli 2026, 14:05

Die Kunst, die Wurzeln zu bewahren: Magdalena Nedeltschewa in Zürich

FOTO Alexandra Karamichalewa

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Die Lebenswege der Menschen erscheinen oft zufällig, widersprüchlich und voller Paradoxien. Welches größere Paradoxon gibt es, als aus Schumen zu stammen – aus jener Region, in der einst die Literaturschule von Pliska und Preslaw erblühte und das Goldene Zeitalter der bulgarischen Schriftkultur seinen Anfang nahm –, Slawische Philologie zu studieren, tief verwurzelt in dieser jahrhundertealten schriftlichen Tradition, und schließlich in die Schweiz aufzubrechen, um sich selbst zu finden? 

Genau diesen Weg ist Magdalena Nedeltschewa gegangen – Philologin und Lehrerin für Bulgarisch, die heute in Zürich lebt und arbeitet. 

In der Alpenrepublik angekommen, wurde sie zu weit mehr als einer Auswanderin. Sie wurde zu einer modernen Botschafterin jenes literarischen Erbes von Preslaw, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die bulgarische Sprache fern der Heimat zu bewahren und weiterzugeben.

FOTO Alexandra Karamichalewa

Der Lebensweg der Philologin aus Schumen zeigt, dass nichts im Leben wirklich zufällig geschieht. 

Wir treffen uns unter den hohen gotischen Gewölben der Zürcher Predigerkirche, deren kühle Strenge Ehrfurcht ausstrahlt. Unweit davon befindet sich die Zentralbibliothek Zürich, in deren historischen Tresoren der kostbare Reichenauer Codex aufbewahrt wird – mit dem darin eingetragenen Namen des heiligen Methodius, der vom Aufenthalt des Slawenapostels in diesen Ländern Zeugnis ablegt. 

Dieser geografische und geistige Schnittpunkt erinnert beinahe lautlos daran, dass der Faden der bulgarischen Sprache und der christlichen Überlieferung im Herzen Europas niemals abgerissen ist. Nur wenige Schritte von diesem jahrhundertealten Pergament entfernt setzt Magdalena heute diese unsichtbare Mission fort. 

FOTO Alexandra Karamichalewa

„Nachdem ich mein Studium der Bulgarischen und Russischen Philologie an der Universität Schumen abgeschlossen hatte, wollte ich auch die Möglichkeiten anderer Universitäten kennenlernen. So kam ich in die Schweiz. Zunächst arbeitete ich außerhalb meines Berufs, weil ich zuerst die Sprache lernen musste – das Schweizerdeutsch. Nach und nach gelang es mir auch, meinen Sohn hierher zu holen. Er ist in dieser Umgebung aufgewachsen, hat die Kultur kennengelernt und schließt derzeit erfolgreich sein Masterstudium an der Universität Zürich ab. Wir fühlen uns hier sehr wohl und leben in großer Ruhe.“

Als das Schweizer Bildungssystem ihren philologischen Abschluss nicht anerkannte und sie zwang, außerhalb ihres Berufes zu arbeiten, schien ihre Verbindung zur Welt der Sprache endgültig verloren. Doch gerade in dem Moment, in dem ein Mensch sich am weitesten von seinen Wurzeln entfernt fühlt, findet er oft seine eigentliche Berufung. 

Magdalena fand ihren eigenen Weg: Sie widmete sich den bulgarischen Kindern, damit sie die lebendige Verbindung zu ihrer Heimat nicht verlieren. 

FOTO Alexandra Karamichalewa

Zwanzig Jahre im Ausland reichen aus, um sich an den Rhythmus der Schweiz zu gewöhnen und dort heimisch zu werden. Doch wahrer innerer Frieden verlangt mehr als gelungene Integration. Er braucht einen geistlichen Ankerplatz, an dem die Muttersprache zum Gebet wird. 

Für Magdalena wurde dieser Ort die bulgarisch-orthodoxe Kirche in Zürich, wo ihre persönliche Sinnsuche auf die seelsorgerliche Begleitung eines modernen Hirten traf. 

„Am Anfang wusste ich gar nicht, dass es unsere Kirche hier gibt“, erinnert sie sich. „Über Facebook und das Internet bin ich nach und nach auf sie aufmerksam geworden. So begann ich, regelmäßig die Gottesdienste zu besuchen. Vater Jordan ist ein außergewöhnlich guter Mensch. Er hat uns nicht nur in den Glauben eingeführt, sondern auch in das Leben und die bulgarische Gemeinschaft hier in Zürich. Er hilft uns, wo immer er kann.“

Magdalena und die Gemeindemitglieder der Bulgarisch-Orthodoxen Kirchengemeinde „Hl. Georg der Siegreiche“ erwidern diese Fürsorge, indem sie Vater Jordan Paschew nach Kräften unterstützen und ihre Zeit und Fähigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft einbringen. 

Vater Jordan

FOTO Darina Grigorowa

Doch diese bulgarische geistliche Insel im Herzen der Schweiz bleibt nicht auf die Kirchenmauern beschränkt. Im Gegenteil: Sie entwickelt sich zu einem lebendigen Botschafter der Orthodoxie, der bei den Schweizerinnen und Schweizern auf echtes Interesse und großen Respekt stößt. Die bulgarischen Traditionen werden zum Anlass für einen lebendigen Dialog und eine Begegnung der Kulturen. 

FOTO Alexandra Karamichalewa

Ein Höhepunkt dieses Miteinanders ist die Teilnahme der bulgarischen Gemeinschaft am traditionellen Fest der frühchristlichen Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula. Im Herzen Europas erlebt Magdalena eine tiefe orthodoxe Gemeinschaft, in der die Bulgaren als gleichberechtigte Hüter des gemeinsamen christlichen Erbes ihren Platz einnehmen. 

An diesem Tag des gemeinsamen Gedenkens hinterlässt die bulgarische Gemeinschaft ihre ganz eigene Spur – durch Gastfreundschaft und das Teilen von Brot und Speisen. 

FOTO Alexandra Karamichalewa

„An diesem Tag bereiten wir Bulgaren immer viele traditionelle Gerichte aus unserer Heimat zu und teilen sie mit allen anderen.“

Einst verließ sie die Wiege der bulgarischen Schriftkultur in Preslaw und schien sich im schweizerischen Alltag zu verlieren. Heute erfüllt sie dieselbe Aufgabe wie ihre geistigen Vorgänger: die bulgarische Sprache lebendig und rein an die nächsten Generationen weiterzugeben. 

FOTO © Pfarrei Felix und Regula, Zürich

Solange es in Zürich Menschen wie Magdalena gibt, die Kindern fern der Heimat das Schreiben in kyrillischer Schrift beibringen und ihnen die Liebe zu ihren Wurzeln vermitteln, wird Bulgarien weiterleben – groß, zeitlos und überall auf der Welt. 

Festprozession der orthodoxen Kirchen zu Ehren der Stadtpatrone Felix, Regula und Exuperantius

FOTO zhkath.ch

Redakteurin: Wessela Krastewa 

Übersetzung: Lyubomir Kolarov