Penka Kassabowa – die weiße Schwalbe der bulgarischen Vorschulerziehung

Obwohl getrennt, bleiben Penka Kassabowa und der Bass Boris Christow bis zu ihrem letzten Atemzug geistig miteinander verbunden

Mittwoch, 12 August 2026, 12:47

Rajna Sachariewa

Rajna Sachariewa

FOTO Diana Zankowa

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Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschloss ein von einem Kindergarten in der Sofioter Straße „Solunska“ beeindruckter Vater herauszufinden, ob dort auch Lehrerinnen ausgebildet werden. Später sagte er zu seiner inzwischen erwachsenen Tochter: „Diese Arbeit ist sinnvoll und wird sich früher oder später weiterentwickeln. Mal sehen, ob Pescha diejenige sein wird, die sie voranbringt!“ Das Mädchen, das gerade sein Abitur gemacht hatte und davon träumte, Astronomin zu werden, fasste seine Worte als Botschaft auf.

Familienfoto von Miljo Kassabow

Familienfoto von Miljo Kassabow

FOTO geomilev.com

Penka Kassabowa wurde am 12. August 1901 in Stara Sagora in der kinderreichen Familie des Lehrers und Buchhändlers Miljo Kassabow geboren. Einer ihrer Brüder ist der Dichter Geo Milew. Zwei Jahre nach den prophetischen Worten ihres Vaters hat Pescha, wie sie liebevoll genannt wirdwurde bereits den pädagogischen Kurs von Elisabeth Clark am Amerikanischen Kindergarten in Sofia abgeschlossen.

Elizabeth Clark sah in ihr eine künftige kreative Person, weil sie künstlerisch begabt und verantwortungsbewusst war“, sagte Dozentin Rajna Sachariewa, Doktorin der pädagogischen Psychologie, langjährige Dozentin an der Sofioter Universität „Hl. Kliment von Ochrid“ und eine Freundin Kassabowas. „1928 nahm die Lehrerin ihre Schülerin mit an ihre Universität in Chicago, wo sie drei Jahre lang studierte. Penka Kassabowa kehrte gut ausgebildet zurück und wurde zur ‚weißen Schwalbe‘ der Vorschulerziehung. Es gelang ihr, die Individualität jedes Kindes zum Vorschein zu bringen – etwas, das selbst unser heutiges Bildungssystem noch nicht erreicht hat“, betonte Rajna Sachariewa.

Penka Kassabowa – die weiße Schwalbe der bulgarischen Vorschulerziehung

FOTO Das Buch von Rajna Sachariewa „Bio-Bibliografie: Penka Milewa Kassabowa“

1932 trat Penka Kassabowa die Nachfolge von Elizabeth Clark an und bildete als Leiterin des Kindergartens und des ihm angeschlossenen pädagogischen Instituts Hunderte von Lehrerinnen aus, die ihren Beruf als Berufung sahen. Sie setzte sich auch dafür ein, die Haltung von Lehrern und Eltern gegenüber Kindern sowie die staatliche Politik in diesem Bereich zu verändern. Darüber hinaus eröffnete sie im ganzen Land Kindergärten, darunter auch Sommerkindergärten in den Dörfern. Während die Mütter die Ernte einbrachten, lernten die Kinder dort, mit Besteck und von einer Tischdecke zu essen, und sie lernten Gedichte und Lieder auswendig. In ihrer Zeitschrift „Erste Schritte“ richtete sie Rubriken für alle an der Vorschulerziehung Beteiligten ein. Eine leere Seite wurde schließlich zum Anlass für ihre Nichte Leda Milewa, ihr berühmtes Gedicht „Das weiße Häschen“ zu schreiben, mit dem später Generationen bulgarischer Kinder aufgewachsen sind.

Penka Kassabowa – die weiße Schwalbe der bulgarischen Vorschulerziehung

FOTO Das Buch von Rajna Sachariewa „Bio-Bibliografie: Penka Milewa Kassabowa“

Penka Kassabowa arbeitete mit der Projektmethode“, ergänzte Rajna Sacharieva. „Zum Beispiel beschäftigten sich die Lehrerinnen drei Monate lang mit dem Thema ‚Feuerwehr‘. Sie führte alle dorthin, damit sie sehen konnten, wie dort gearbeitet wird, wie viele Menschen dort tätig sind und was dort geschieht. Alles, was ein Kind in Bulgarisch, Mathematik und Sachkunde wissen sollte, lernte es im Rahmen dieses Projekts – einschließlich Liedern, Zeichnen und Tanzen. Das heißt, sie verband das gesamte Wissen so, wie es im Leben vorkommt, und vermittelte es den Kindern. Am Ende gab es ein Konzert für die Eltern“, erläuterte Rajna Sachariewa.

Die erste Bulgarin mit einem Diplom in Vorschulerziehung wendete das Wissen und die Fähigkeiten an, die sie jenseits in Übersee erworben hatte, passte sie jedoch an die Bedingungen in Bulgarien an. Sie war fest davon überzeugt, dass es besser ist, die ersten Schritte eines Kindes zu korrigieren, als die krummen Wege eines Erwachsenen. Später bekannte sie, dass die Arbeit mit Kindern ihre Art war, Gott zu dienen.

Penka Kassabowa wird auch aus einem weiteren Grund in die Geschichte eingehen: Sie gehört zu den Ersten, die das enorme Talent des Opernsängers Boris Christow erkanten und seine Entwicklung mit Liebe und Vertrauen förderten. Die beiden lernen sich bei einem Treffen mit dem Chor „Gusla“ kennen, zu dem sie Mädchen aus ihrem Vorbereitungskurs für angehende Lehrerinnen mitgebracht hat.

Boris Christow und Penka Kassabowa

Boris Christow und Penka Kassabowa

FOTO geomilev.com

Es war eine wundervolle Begegnung, aber Penka war dreizehn Jahre älter als er“, erzählte Rajna Sachariewa. „Boris Christow war jung, ein Bohemien, er trank und rauchte. Der Zar entdeckte sein Talent, und er ging zum Studium nach Italien. Sie hielt den Kontakt zu ihm aufrecht – anfangs schickte sie ihm Tabak, riet ihm aber später vom Rauchen und Trinken ab. Sie sagte zu ihm: ‚Wenn ich deinen Namen auf einem Plakat sehe und dort steht, dass du in einer Oper auftrittst, dann werden wir heiraten!‘ Sie liebte ihn, stellte aber Bedingungen, um das Beste aus ihm herauszuholen. Und tatsächlich sah sie seinen Namen auf einem Plakat“, so Rajna Sachariewa weiter.

Inzwischen kamen die Kommunisten an die Macht, und ein „Freund“ – ein Informant der Geheimdienste, dem sie vertrauten – spielte eine entscheidende Rolle dabei, dass Boris Christow die Rückkehr in die Heimat untersagt wurde und Penka Kassabowa ihn nicht besuchen durfte. Die Alternative für sie war es, dem Staatssicherheitsdienst über Bulgaren in Italien zu berichten. Doch sie weigerte sich.

Penka Kassabowa und Boris Christow tauschen rund 180 Briefe aus, in denen sie unter anderem die psychologischen Charakterzüge der Opernfiguren erörterten. Mit ihren Ratschlägen trug Penka Kassabowa dazu bei, dass er auf der Bühne eine authentische Präsenz entwickelt.

Penka Kassabowa – die weiße Schwalbe der bulgarischen Vorschulerziehung

FOTO Das Buch von Rajna Sachariewa „Bio-Bibliografie: Penka Milewa Kassabowa“

1948 wurde Penka Kassabowa vom Bildungsministerium entlassen, wo sie als Hauptinspektorin für Vorschulerziehung tätig war. Der Grund: Sie weigerte sich, die von Georgi Dimitrow angeordnete Aufgabe umzusetzen, die „sowjetische Methode“ in den Kindergärten einzuführen. Sie erklärt entschieden, dass sie nicht wolle, dass Milizionärinnen Kinder erziehen. So blieb sie ohne Arbeit, wurde zur Spionin erklärt und ihre Umsiedlung aus der Hauptstadt beschlossen. Daraufhin ging ihre Mutter zu dem kommunistischen Führer und stellte ihm eine einzige Frage: „Sie haben eines meiner Kinder getötet (Geo Milew – Anm. d. Red.), warum gehen Sie nun auch gegen das andere vor?“ Letztlich durfte ihre Tochter in Sofia bleiben, erhielt jedoch keine Genehmigung, zu arbeiten.

Penka Kassabowa starb ein Jahr vor ihrem hundertsten Geburtstag. Bis zu ihrem letzten Atemzug bewahrte sie ihre würdevolle Haltung. Obwohl sie ihrer einzigen, tragisch zu Ende gegangenen Liebe treu blieb, fühlte sie sich nicht einsam. Denn ihre ehemaligen Schülerinnen, ihre Freunde und über die ganze Welt verstreuten Nichten und Neffen besuchten sie. Ihre Vertraute Rajna Sachariewa, die Penka Kassabowa noch zu Lebzeiten gebeten hatte, bei ihrer Beerdigung die Grabrede zu halten, bewahrte eine ewige Wahrheit in ihrem Herzen:

Karte der von Penka Kassabowa eingerichteten Schulen

Karte der von Penka Kassabowa eingerichteten Schulen

FOTO Diana Zankowa

Sie sagte, dass die Liebe die Menschen durch einen unsichtbaren Faden miteinander verbindet und das Menschsein ausmacht. Tierisch ist es, zu essen, zu rauben, anzugreifen, zu überleben. Ihr Leben bestand nicht darin, zu überleben. Sie ging, den Blick auf die Gipfel gerichtet. Entwicklung, Selbstachtung, Würde – damit werde ich sie in Erinnerung behalten“, so Rajna Sachariewa abschließend.

125 Jahre nach der Geburt Penka Kassabowa gibt es in ihrer Heimatstadt nicht einmal eine Straße, die ihren Namen trägt. In der Stadtverwaltung von Stara Sagora wird immer noch erwägt, ob vier Jahrzehnte, die der Erziehung von Kindern im ganzen Land gewidmet waren, diese großzügige Geste verdienen.


Übersetzung: Rossiza Radulowa