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Innovation: 3D-Aufzeichnung eines traditionellen bulgarischen Volkstanzes

Samstag, 5 September 2026, 16:50

Innovation: 3D-Aufzeichnung eines traditionellen bulgarischen Volkstanzes

FOTO Gergana Mantschewa

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Nicht mehr nur auf Film, sondern nun auch als detaillierte dreidimensionale Visualisierung wird der bulgarische Volkstanz in den Katalog der jüngsten Aufnahmen eines Teams bulgarischer Fachleute aufgenommen. Die Aufzeichnung der Tänzer mithilfe präziser Sensoren ist eine weltweit innovative Methode. Möglich wurde sie durch ein im Rahmen des bulgarischen Aufbau- und Resilienzplans gefördertes Projekt des Instituts für Ethnologie und Folkloristik mit Ethnografischem Museum der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (IEFEM-BAN). 

Der bulgarische Volkstanz „Horo“ (Reigen)ist ein Gemeinschaftstanz, der den bulgarischen Geist über Jahrhunderte hinweg bewahrt hat. Er besitzt eine starke symbolische und sakrale Bedeutung und wird sogar mit heilender Energie in Verbindung gebracht. Manche bezeichnen ihn als „bulgarisches Yoga“, weil die Bewegungen und die Musik den Körper beleben, Müdigkeit vertreiben und Freude bereiten. Meist wird er im geschlossenen Kreis oder Halbkreis getanzt – als Symbol für die Sonne, die Ewigkeit, die Abwesenheit von Anfang und Ende sowie den Schutz der Gemeinschaft vor bösen Kräften. Die Tänzer halten sich an den Händen oder am Gürtel. Dies bringt die Menschen einander näher: Im gemeinsamen Rhythmus und bei den gleichen Schritten werden sie zu einer Einheit. 

Bulgarien ist in verschiedene Folkloreregionen unterteilt, die jeweils einzigartige Tanzschritte und Horos für unterschiedliche Feste und Rituale haben. Sie sind Gegenstand ethnografischer Forschungen. Die Entvölkerung kleiner Ortschaften macht es jedoch zunehmend unmöglich, diese Tanzbewegungen auf natürliche Weise von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Deshalb entwickeln Folkloristen innovative Methoden, um sie aufzuzeichnen und dauerhaft zu bewahren. 

„3D-Daten zum Kulturerbe durch dreidimensionale, automatisierte und wissenschaftlich fundierte Digitalisierung“ – so lautet der allgemeine Titel des Projekts der Wissenschaftler. Bei der ersten öffentlichen Live-Demonstration des Datenaufzeichnungssystems wurde deutlich, dass Bewegungssensoren eingesetzt werden. Sie ermöglichen die Digitalisierung eines Kettentanzes beziehungsweise Horos im 3D-Format sowie die Erstellung von Tanzavataren – bis zu sieben gleichzeitig. 

Dr. Iwajlo Parwanow

Dr. Iwajlo Parwanow

FOTO Gergana Mantschewa

In das Experiment wurde auch ein Sensordatenhandschuh einbezogen. Er ermöglicht die gleiche Art der Digitalisierung für die Handbewegungen eines Musikers, der die tanzende Gruppe musikalisch begleitet. 

Zu den eingesetzten Innovationen gehört außerdem ein Prototyp für ein System zur 3D-Digitalisierung räumlich-zeitlicher Bewegungsdaten auf Basis des Internets der Dinge (IoT). Dabei handelt es sich um eine Technologie, die es beispielsweise Haushaltsgeräten ermöglicht, in Echtzeit über das Internet miteinander zu kommunizieren. 

Innovation: 3D-Aufzeichnung eines traditionellen bulgarischen Volkstanzes

FOTO BTA

Dieselbe Methode zur Erfassung und Aufzeichnung von Bewegungen mithilfe von Sensoren könnte auch zur Dokumentation anderer menschlicher Tätigkeiten eingesetzt werden, die für die Wissenschaft von Interesse sind – etwa der Bewegungen von Handwerkern, Arbeitsabläufen in der Landwirtschaft oder der Fingerbewegungen beim Spielen von Musikinstrumenten. 

Wenn die Idee der Wissenschaftler der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften bis hierhin noch nicht ganz klar erscheint, liefert ein Gespräch mit dem Initiator des Projekts, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Iwajlo Parwanow, weitere Einzelheiten. 

Innovation: 3D-Aufzeichnung eines traditionellen bulgarischen Volkstanzes

FOTO BTA

„Was wir tatsächlich erreicht haben, ist eine Pilotphase, in der wir eine Methodik entwickeln und einen Prototyp für ein umfassendes Informationssystem zur 3D-Digitalisierung von bewegungsbezogenen kulturellen Praktiken erstellen konnten. Wir dokumentieren, wie sich diese Menschen bewegen, und halten dieses spezifische Wissen fest, das sie bewahrt haben.  Denn die jungen Menschen von heute bewegen sich bereits nicht mehr auf diese Weise. Schon seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts wird davon gesprochen, dass die traditionelle Kultur verschwindet und dass man verstärkt durch die Dörfer gehen und Lieder, Spiele und Horos aufzeichnen und filmen müsse. Heute verlieren diese Traditionen jedoch immer mehr ihre Funktion.  Im Grunde tötet die Zivilisation die Kultur. Kultur ist die Norm, die eine Gemeinschaft vorgibt. Wir verlieren diese alte Form von Normativität, während ich persönlich in unserer heutigen Gesellschaft keine vergleichbare Normativität erkennen kann.  Zu meiner großen Freude gibt es jedoch noch immer Gruppen von Menschen, die dieses Wissen und diese Fähigkeiten bewahren. Die Menschen, von denen ich spreche, sind außerordentlich klug und verfügen über ein sehr hohes moralisches Bewusstsein. Die wichtigen Dinge im Leben haben für sie einen anderen Stellenwert als für die moderne Gesellschaft.  Ich hoffe sehr, dass wir uns in Zukunft immer stärker dem zuwenden werden, was in Dokumenten und Archiven bewahrt wurde, und dort nach Orientierung in den alten Normen suchen. Ich hoffe sehr, dass das, was wir bewahrt haben, eines Tages wieder gebraucht und zu neuem Leben erweckt wird – zum Nutzen von viel mehr Menschen.“

Innovation: 3D-Aufzeichnung eines traditionellen bulgarischen Volkstanzes

FOTO Facebook /

Für alle ist klar, dass dieser erste Schritt auch andere wissenschaftliche Forschungsbereiche unterstützen wird – etwa die Robotik, die Biomechanik, die Sportwissenschaften und sogar die Museologie, die Bildung und das öffentliche Gesundheitswesen, ergänzte Dr. Iwajlo Parwanow. 

Deshalb bedankt sich Dr. Iwajlo Parwanow bei allen, die zum Erfolg des innovativen Projekts beigetragen haben. „In diesem Jahr feiert das Nationale Ethnografische Museum sein 120-jähriges Bestehen. Dadurch ist beim Institut für Ethnologie und Folkloristik mit Ethnografischem Museum der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften bereits ein besonderes Vertrauen entstanden. Wir haben eine Tradition, unsere Forscher sind vor Ort tätig und genießen dort Anerkennung“, sagte Dr. Iwajlo Parwanow im Interview mit Radio Bulgarien. 

Dr. Iwajlo Parwanow kalibriert die Sensoren in Sofroniewo

Dr. Iwajlo Parwanow kalibriert die Sensoren in Sofroniewo

FOTO Facebook /3D Tanz

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov