Autor
Zwetana Tontschewa
Nachricht
Meisterwerke bulgarischer Musikkultur:
„Schlaf, schlaf, Damjantscho“ und Ljubomir Pipkows poetische Begabung
Freitag 18 September 2026 17:45
Freitag, 18 September 2026, 17:45
Ljubomir Pipkow
FOTO Archiv der Sofioter Oper
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Einer unserer bedeutendsten Komponisten, der zweifellos nicht nur zur bulgarischen, sondern auch zur europäischen Musik des 20. Jahrhunderts einen wichtigen Beitrag geleistet hat, ist Ljubomir Pipkow. Er ist für sein außergewöhnliches Talent bekannt, Worte musikalisch zu gestalten. In der bulgarischen Komponistenschule gibt es keine Persönlichkeit, deren Bildung, literarischer Stil und poetische Begabung mit der seinen vergleichbar wären. Pipkow begegnete dem Wort sowohl als Musiker als auch als Mensch, der tief mit der Poesie verbunden war. In einem großen Teil seiner Werke, insbesondere in seinen Liedern, entdecken Musikwissenschaftler unterschiedliche Wege, auf denen er die Worte interpretierte und ihre Verbindung mit der musikalischen Dramaturgie gestaltete.
Auf dem Feld“ – ein Werk von Christo Stantschew
FOTO 1001kartini.com
Pipkow selbst betrachtete das Chorlied als eine der zentralen Gattungen seines Schaffens. Zu seinen Meisterwerken gehören Werke wie „Auf dem Feld“, „Frühlingswind“, „Gelber Schmetterling“ und „Früher Mais“ sowie die Zyklen „Vier Madrigale“ und „Gedämpfte Lieder“, die bis heute einen wichtigen Teil des Repertoires bulgarischer Chöre bilden. Einen besonderen Platz unter diesen Wahrzeichen unserer Chorkunst nimmt „Schlaf, schlaf, Damjantscho“ ein, das 1948 für gemischten Chor nach einem Volksgedicht komponiert wurde.
Die Art und Weise, wie das Lied die Unmittelbarkeit der bulgarischen Volksdichtung mit der professionellen kompositorischen Gestaltungskraft verbindet, ist tatsächlich beeindruckend. Das zentrale Bild – eine Mutter, die ihr Kind in den Schlaf wiegt, während sie zugleich gezwungen ist, auf dem Feld schwer zu arbeiten – ist von außergewöhnlicher Ausdruckskraft. Zärtlichkeit, Müdigkeit, Sorge und Schmerz klingen in der mütterlichen Zuwendung an, begleitet von der Realität harter Arbeit. Ein Schlaflied – zugleich intim und sozial, ohne jede Spur von Pathos erzählt, mit der natürlichen Ungezwungenheit der bulgarischen Volkskunst.
Ljubomir Pipkow
FOTO Archiv
Für Ljubomir Pipkow war die Folklore nicht einfach ein äußerliches nationales Merkmal, sondern eine tiefe Grundlage seines musikalischen Denkens. Wie einer der renommiertesten Forscher des Komponisten, Prof. Iwan Chlebarow, feststellt: „Pipkow ist nicht durch die Thematik national, sondern durch seine Sicht auf die Welt … Indem er sich auf die Folklore stützt, entwickelt er in sich eine Harmonie des Bewusstseins, die während seines gesamten künstlerischen Weges ein grundlegendes Merkmal seiner Weltsicht bleibt.“
Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Weltsicht ist „Schlaf, schlaf, Damjantscho“ – ein Lied, in dem keine Volksmelodie unmittelbar zitiert wird, das Bulgarische jedoch unmissverständlich präsent ist. Es zeigt sich in der Intonation, im Umgang mit dem Wort, im Rhythmus der musikalischen Phrase und vor allem in der Art und Weise, wie das bewegende Bild gestaltet ist: die Stimme der Mutter, die Nähe zum Kind, die Last des Alltags und jene stille menschliche Beharrlichkeit, die es der Zärtlichkeit ermöglicht, selbst unter den schwierigsten Umständen zu bestehen.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov