Autor
Zwetana Tontschewa
Nachricht
Janka Tanewa – die unverwechselbare tiefe Stimme Thrakiens
Freitag 25 September 2026 17:45
Freitag, 25 September 2026, 17:45
„Das thrakische Trio“ mit Janka Tanewa, Stojan Welitschkow – Hirtenflöte, Michail Marinow – Gadulka und Rumen Sirakow – Tambura
FOTO Staatsarchiv - Burgas
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„Bojna stand an der Pforte und schaute zum Wald“ – Janka Tanewas voller, kräftiger Gesang setzt tief und von weitem ein. Aus dem alten Thrakien, den Zusammenkünften am Herdfeuer und den Spinnstubenabenden, wo die Lieder von Mutter zu Tochter weitergegeben wurden. „Wann kommst du, Rossen – damit du meine Fahne hisst, meine Schar versammelst und sie anführst!“…
Eines der eindrucksvollsten thrakischen Volkslieder erzählt von Erwartung, Sorge und Hoffnung in der dramatischen und heldenhaften Zeit unserer nationalen Befreiungsbewegung, in der das persönliche Schicksal Teil des Schicksals des Volkes war. Der einzigartige Stimmklang von Janka Tanewa verleiht dieser folkloristischen Miniatur eine besondere emotionale Wirkung. Die Stimme einer der legendären thrakischen Volkssängerinnen und langjährigen Solistin des Staatlichen Ensembles für Volkslieder und Volkstänze „Filip Kutew“ ist unverkennbar: tief und kraftvoll, mit einem charakteristisch tiefen Register. Jahrzehntelang war Tanewa als die Folklore-Sängerin mit der tiefsten Stimme Bulgariens bekannt. Ihre ungewöhnliche Stimmfarbe macht jede ihrer Interpretationen zu einer bewegenden Erzählung und zu einer einzigartigen Klanglandschaft Thrakiens.
FOTO Staatsarchiv- Burgas
Janka Tanewa wurde am 18. September 1927 im Dorf Dautlii (heute die Stadt Kableschkowo in Südostbulgarien, nahe Burgas) geboren und wuchs mit den Liedern ihrer Heimatregion auf. Sie sang schon als Kind und nahm die Folklore ihrer Region von ihrer Mutter, ihrer Großmutter, ihren Tanten und ihrer gesamten musikalischen Familie auf. 1951 ging sie gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Sofia, um an einem Vorsingen für das neu gegründete Ensemble für Volkslieder und Volkstänze von Filip Kutew teilzunehmen. Bis an ihr Lebensende erinnerte sie sich daran, wie sie vor der Prüfung die hellen, hohen und klaren Stimmen der anderen Bewerberinnen hörte und sich wegen ihrer eigenen – „dicken“ und ungewöhnlichen – Stimme Sorgen machte. Sie war sogar bereit, wieder nach Hause zu fahren, doch ihr Ehemann bestand darauf, dass sie vor der Kommission vorsang, der Filip Kutew, der Künstler Ilija Beschkow und der Schriftsteller Dimitar Osinin angehörten.
Janka Tanewa mit der Volkssängerin Nadka Karadschowa und dem Akkordeonisten Iwan Kirew bei der Teilnahme am Nationalen Festival des bulgarischen Volksschaffens in Kopriwschtiza. Thrakische Trachten. 1971
FOTO Staatsarchiv- Burgas
Als sie zu singen begann, erhob sich Filip Kutew von seinem Stuhl und hörte im Stehen zu, während Ilija Beschkow ausrief: „Bravo, Kind! Was für eine Stimme, was für ein Wunder!“ Zu den Liedern, mit denen Janka Tanewas Stimme den Saal erfüllte, gehörte auch „Bojna stand an der Pforte“, und nach dem Vorsingen stand die Entscheidung fest: Diese tiefe Stimme wurde im Ensemble gebraucht. Später sagte Filip Kutew zu ihr: „Genau dich habe ich gebraucht, nach dir habe ich gesucht.“
Janka Tanewa wurde zu einer unersetzlichen Solistin des Ensembles „Filip Kutew“. Sie übernahm die tiefsten und schwierigsten Partien in Liedern, die später auf der ganzen Welt bekannt wurden – „Bist du eine Tulpe oder eine Hyazinthe“, „Todora hat sich niedergelegt“, „Liebst du mich, Liebster“ und „Welina sagte“. Doch „Bojna stand an der Pforte“ ist ein Paradebeispiel für die Professionalität der großen Sängerin.
FOTO Staatsarchiv- Burgas
Sie hatte kein leichtes Leben. Bereits mit 27 Jahren wurde sie Witwe und zog ihre beiden Kinder allein groß. Trotzdem sang sie weiter, nahm Lieder auf, reiste zu Tourneen und Festivals und brachte die Säle mit ihrem Gesang zum Beben. Später erzählte sie, dass sie vor Konzerten allein in der Garderobe geweint habe, um sich zu erleichtern, und anschließend mit einem Lächeln vor das Publikum getreten sei. Vielleicht ist ihre Stimme deshalb mehr als nur Klang, ihre Auftritte mehr als nur Lieder. Wenn Janka Tanewa „Wann kommst du, Rossen …“ singt, ist Bojna nicht mehr nur eine Gestalt aus der Folklore. Eine Frau aus Fleisch und Blut wartet, blickt zum Wald und hofft. Und der kraftvolle Alt der Sängerin trägt ihre Sorge, ihre Stärke und ihre Würde.
Janka Tanewa hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, in Ensembles wie „Die großen bulgarischen Stimmen“, „Die Engel“ und „Kosmische Stimmen“ gesungen und Dutzende Aufnahmen hinterlassen. Doch vor allem bleibt sie eine Stimme von unglaublicher Qualität, die mit keiner anderen zu verwechseln ist - die unverwechselbare Stimme Thrakiens.
Übersetzung: Rossiza Radulowa