Wie Bürgerbildung an bulgarischen Schulen vermittelt wird

Mittwoch, 30 September 2026, 15:43

Wie Bürgerbildung an bulgarischen Schulen vermittelt wird

FOTO BNR, Archiv

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Die bulgarische Donaustadt Widin gehört zu den Orten, die in das nationale Programm „Europäische Bürgerbildung“ einbezogen sind. Es wurde vom Institut für öffentliche Politik gemeinsam mit dem Bildungsministerium und der deutschen Hanns-Seidel-Stiftung ins Leben gerufen. Im Rahmen des Programms werden Lehrerinnen und Lehrer fortgebildet, die in verschiedenen Regionen des Landes Bürgerbildung unterrichten.

Was ist Bürgerbildung in Bulgarien?

Es handelt sich um ein Schulfach mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte in Bulgarien, das europäische Ideen, Traditionen und Erfahrungen auf dem Gebiet der Bürgerbildung an den bulgarischen Kontext angepasst hat. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in der Zeit von 1944 bis 1989, wurde die Bürgerbildung durch die Vermittlung der Grundlagen des Kommunismus ersetzt, um bei jungen Menschen ein bestimmtes ideologisches Weltbild zu schaffen. Nach der Wende Anfang der 1990er-Jahre wurde das Fach auf Initiative von Nichtregierungsorganisationen, Verbänden und Lehrkräften zunächst als Wahlfach für Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 12 eingeführt. Erst 2020 wurde es Teil des Pflichtunterrichts für die Klassen 11 und 12.

Wie Bürgerbildung an bulgarischen Schulen vermittelt wird

FOTO BNR Widin

Welchen Stellenwert die Bürgerbildung im Unterricht hat, untersucht eine spezielle Studie mehrerer Nichtregierungsorganisationen mit dem Titel „Bürgerschaftliches Engagement und aktive Zusammenarbeit“. Ihr Hauptziel ist es, verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Bürgerbildung effektiver umgesetzt werden kann und wie sie von mehr Schulleitungen, Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern angenommen werden kann. Das erklärte Julia Mischkowa, Mitglied des Teams der Stiftung „Gemeinsam im Unterricht“ und Projektleiterin der Initiative, in einem Interview für BNR-Widin:

„Im Frühjahr dieses Jahres konnten wir mehr als 1.000 Lehrerinnen und Lehrer in Umfragen, Fokusgruppen und Interviews befragen, wie sie Bürgerbildung verstehen, welchen Stellenwert sie ihr im Bildungsprozess und ihrer eigenen Rolle beimessen. Die meisten Lehrkräfte, mit denen wir gesprochen haben, halten Bürgerbildung für wichtig und sehen ihren Platz im Bildungsprozess. Aus dem einen oder anderen Grund, angesichts all der Aufgaben, mit denen die Lehrkräfte betraut sind, haben sie jedoch Bedenken, inwieweit sie angesichts all der anderen Ziele, die sie erreichen sollen, und all der Prüfungen, auf die sie ihre Schülerinnen und Schüler vorbereiten müssen, tatsächlich effektiv umgesetzt werden kann. Das wirkt sich natürlich auch auf die Zeit aus, die sie bereit sind, dafür aufzuwenden“, sagte Julia Mischkowa.

Julia Mischkowa

Julia Mischkowa

FOTO zaednovchas.bg

Unterscheiden sich die Einstellungen und Bedürfnisse von Lehrkräften in kleineren Ortschaften von denen in den regionalen Zentren?

„Ich glaube nicht, dass es entscheidende und große Unterschiede gibt. Was wir sehen, ist, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ähnlichen Bedenken und ähnlichen guten Beispielen konfrontiert sind. Im Allgemeinen fühlen sie sich dort etwas wohler dabei, verschiedene Themen einzubeziehen, wo sie Unterstützung von der Schulleitung erhalten und wo sie ausreichend Freiraum und vielleicht manchmal auch Erfahrung haben. Überall stellt sich jedoch die Frage, inwieweit sie Zeit für ein ausführlicheres Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern über gesellschaftliche Fragen haben, die in unserem Alltag auftauchen, damit sie diese tatsächlich aus verschiedenen Perspektiven betrachten können. Nicht unwichtig ist auch, inwieweit die Lehrkräfte selbst über genügend Zeit verfügen, um sich auf solche Gespräche vorzubereiten,“ so Julia Mischkowa.

Wie Bürgerbildung an bulgarischen Schulen vermittelt wird

FOTO zaednovchas.bg

Das Fach „Bürgerbildung“ wird in der zweiten Stufe der gymnasialen Ausbildung unterrichtet. Lehrerin für dieses Fach am Fremdsprachengymnasium „Jordan Raditschkow“ in Widin ist Walja Alexandrowa. Was sind ihrer Ansicht nach die Vor- und Nachteile, die mit der praktischen Einführung des Faches einhergehen?

Walja Alexandrowa

Walja Alexandrowa

FOTO BTA

„Das erste große Problem ist, dass diese eine Unterrichtsstunde sowohl in der 11. als auch in der 12. Klasse viel zu wenig ist. Das zweite Problem ist, dass es keine speziell ausgebildeten Lehrkräfte für Bürgerbildung gibt. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen wirklich Menschen sein, die über mehrere Hochschulausbildungen beziehungsweise Qualifikationen verfügen, also keine enge Spezialisierung haben, denn Bürgerbildung erfordert, dass man ständig auf dem Laufenden ist und die Entwicklungen des Alltags mitverfolgt – man braucht Kenntnisse in Wirtschaft, Philosophie, Geografie und Geschichte. Wichtig ist auch die persönliche Motivation der Lehrkraft, mit jungen Menschen und mit diesem Fach zu arbeiten, bei dem man bestrebt sein sollte, für die Schülerinnen und Schüler so nützlich wie möglich zu sein“, erklärte Walja Alexandrowa.

Emilija Emilowa ist Schülerin der 12. Klasse am Fremdsprachengymnasium in Widin und ist der Ansicht, dass der Unterricht in Bürgerbildung das kritische Denken der Schülerinnen und Schüler fördert:

„Ich finde die Unterrichtsstunden sehr interessant, weil sie sich mit Artikeln der bulgarischen Verfassung beschäftigen – zum Beispiel wählt man aus 20 Artikeln die zehn aus, die man persönlich für die wichtigsten hält, und anschließend diskutieren wir darüber. Neben unseren Rechten und Pflichten lernen wir in diesen Stunden auch kritisches Denken, denn wir führen im Unterricht sehr oft Diskussionen über alle möglichen Themen. Sehr häufig beschäftigen wir uns mit Desinformation und Fake News und damit, wie man sie unterscheiden kann. Und meiner Meinung nach wird das später sehr hilfreich sein, wenn jemand mit einem solchen Dilemma konfrontiert ist“, meint Emilija Emilowa.

Wie Bürgerbildung an bulgarischen Schulen vermittelt wird

FOTO facebook.com/YordanRadichkovVidin

Ihre Mitschülerin Nija Marianowa ist der Meinung, dass das Fach früher und intensiver unterrichtet werden sollte:

„Was die Institutionen betrifft, denke ich, dass es in den Schulbüchern genügend Informationen gibt. Aber mich beunruhigt, dass viele junge Menschen nicht ausreichend über Politik informiert sind. Es wird der Moment kommen, in dem sie wählen müssen, und sie wissen nicht, wen sie wählen sollen, worum es geht, wie und warum. Das ist sehr traurig, denn es ist ein sehr wichtiger Teil unseres Alltags, und die Menschen sind sich einfach nicht bewusst, dass sie sich mehr oder weniger dafür interessieren sollten. Und leider glaube ich nicht, dass die Schule dieses Wissen derzeit so gut vermittelt“, sagte Nija Marianowa.

Raisa Krumowa besucht die 11. Klasse und wird das Fach in diesem Jahr zum ersten Mal belegen. Sie betont jedoch seine Bedeutung und den Nutzen, den es auch außerhalb der Schule hat:

„Ich beginne zu verstehen, welche Rolle ich als junger Mensch und als Teil der Gesellschaft habe. Ich engagiere mich aktiv in verschiedenen außerschulischen Aktivitäten, die mit europäischen Werten, bürgerschaftlicher Teilhabe und der Schulgemeinschaft verbunden sind. Ich bin auch im Schülerrat aktiv, wo wir die Möglichkeit haben, Initiativen zu organisieren, unsere Meinung zu äußern und gemeinsam an verschiedenen Anliegen zu arbeiten. Für mich ist genau das der Sinn von Bürgerbildung – nicht nur zu wissen, welche Rechte und Pflichten man hat, sondern auch den Wunsch zu haben, sich einzubringen, seine Position zu vertreten, andere Meinungen zu respektieren und etwas zur Gemeinschaft beizutragen“, so Raisa Krumowa abschließend.


Redaktion: Joan Kolew

Übersetzung: Rossiza Radulowa