Zar Samuil: Vom Untergang des Ersten Bulgarischen Reiches zum freien Bulgarien

Samstag, 3 Oktober 2026, 08:26

Das Denkmal von Zar Samuil in Sofia

Das Denkmal von Zar Samuil in Sofia

FOTO BGNES

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Am 6. Oktober 1014 ist in Prespa einer der bedeutendsten bulgarischen Herrscher des Mittelalters gestorben – Zar Samuil. Ein Feldherr, der Jahrzehnte lang Krieg gegen Byzanz führte, und ein Herrscher, dessen tragisches Schicksal das Ende des Ersten Bulgarischen Reiches prägte. Sein Leben endete dramatisch, doch in unserem historischen Gedächtnis nimmt er bis heute einen herausragenden Platz ein.

Als Feldherr und Herrscher verbrachte Samuil sein Leben Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts in einem ununterbrochenen Krieg zur Verteidigung des bulgarischen Staates gegen Byzanz. Einer byzantinischen Quelle zufolge versagte Samuils Herz beim Anblick des von Kaiser Basileios II. geblendeten bulgarischen Heeres.

„Wir müssen sagen, dass dieser Krieg bereits vor seinem Auftreten begann und es sich vielleicht um den längsten bulgarisch-byzantinischen Krieg auf dem Balkan handelt. Er dauerte ein halbes Jahrhundert, aber etwa 40 Jahre davon war es Samuil, der sowohl das Volk als auch das Heer und den Staat führte“, erzählte Prof. Georgi Nikolow, Dozent für bulgarische mittelalterliche Geschichte an der Sofioter Universität „Hl. Kliment von Ochrid“ , gegenüber Radio Bulgarien.


Prof. Georgi Nikolow

Prof. Georgi Nikolow

FOTO Iwo Iwanow

„Über Samuil schrieb der byzantinische Historiker Johannes Skylitzes: ‚Er war ein kriegerischer Mann, der keine Ruhe kannte.‘ Etwas Ähnliches findet sich auch in der Vita des heiligen Nikon Metanoeite. Dort heißt es, dass ‚Samuil an Tapferkeit unübertroffen und an Stärke unbesiegbar war‘. Das sind Eigenschaften, die uns das anschaulichste Bild von ihm vermitteln. Und tatsächlich starb Samuil im Jahr 1014, aber wir sehen, dass Zar Kalojan in seinen Briefen an Papst Innozenz III. zu Beginn des 13. Jahrhunderts über ihn spricht. Wenig später wird ein byzantinischer Autor, der Chartophylax, also Archivar, von Thessaloniki, Johannes Staurakios, in einer Lobrede auf den heiligen Demetrios sagen: ‚Jener Samuil, der noch immer in aller Munde der Bulgaren ist.‘ Das war 200 Jahre später, und erneut sehen wir, dass Samuil in einigen bulgarischen Übersetzungen byzantinischer Chroniken erwähnt wird“, ergänzte der Professor.

Das Denkmal von Zar Samuil im Nationalparkmuseum „Festung Samuil“ bei dem Dorf Kljutsch

Das Denkmal von Zar Samuil im Nationalparkmuseum „Festung Samuil“ bei dem Dorf Kljutsch

FOTO petrichhistorymuseum.bg

Die Forscher nennen verschiedene Gründe, die zum Niedergang des Ersten Bulgarischen Reiches (681–1018) führten. Dazu zählen auch die Kriege von Zar Simeon (893–927), die das Land im Konflikt mit Byzanz erschöpften. Schließlich wurde die Niederlage bei Kljutsch, bei der das 14.000 Mann starke bulgarische Heer gefangen genommen und anschließend geblendet wurde, zum Schicksalsmoment für den Ausgang des Zweikampfs zwischen Bulgarien und Byzanz.

Die Niederlage der bulgarischen Truppen in der Schlacht bei Kljutsch und der Tod von Zar Samuel vor den Augen seiner geblendeten Krieger (Miniatur aus einer Abschrift der Chronik des Manasses, 14. Jahrhundert)

Die Niederlage der bulgarischen Truppen in der Schlacht bei Kljutsch und der Tod von Zar Samuel vor den Augen seiner geblendeten Krieger (Miniatur aus einer Abschrift der Chronik des Manasses, 14. Jahrhundert)

FOTO petrichhistorymuseum.bg

Nach Worten des Historikers „ist die Epoche Zar Samuils sowohl im Mittelalter als auch in der neueren Zeit im Gedächtnis des bulgarischen Volkes erhalten geblieben. Es gibt jedoch einen gewissen Unterschied – in den vergangenen 100 bis 150 Jahren liegt ein sehr starker Akzent auf der Blendung seines Heeres und seinem anschließenden Tod. Dieses große Leid, das er erlitten hat und das zu seinem Tod führte, beeindruckt nicht wenige Schriftsteller“.

„Samuils Krieger“ – von Wassil Goranow

„Samuils Krieger“ – von Wassil Goranow

FOTO Facebook /Vasil Goranov

Prof. Georgi Nikolow ist der Ansicht, dass Zar Samuil durch seinen beharrlichen Widerstand nicht nur ein Symbol für den Untergang des Ersten Bulgarischen Reiches ist, sondern auch eine Inspiration für die nachfolgenden Generationen, die ein freies Bulgarien wiederherstellten.

„Es gibt etwas Erstaunliches in unserer Geschichte, das offenbar nur wenige Menschen bemerken. Wenn man einige bulgarische Quellen aus dem 11. und 12. Jahrhundert aufmerksam betrachtet, stellt man fest, dass darin byzantinische Statthalter der südwestlichen bulgarischen Gebiete als bulgarische Zaren bezeichnet wurden. Das heißt, offenbar bestand nach der Vorstellung dieser damaligen bulgarischen Historiker – wenn wir sie in diesem sehr bedingten Sinne so nennen wollen – der Staat weiter, auch wenn er unter der Herrschaft anderer Menschen stand. Und noch erstaunlicher ist, dass dieser Staat nach fast 170 Jahren wiederhergestellt wurde. Und wenn ich noch weitergehe: Unsere Geschichte nach dem Fall unter die osmanische Herrschaft – 500 Jahre Sklaverei – zeigt, dass er erneut wiederhergestellt wurde. Wie viele Völker können so etwas aufweisen – dass ihr Staat wie der Phönix immer wieder aus der Asche aufersteht?!“

Die Basilika „Heiliger Achillios“ auf der gleichnamigen Insel im Kleinen Prespasee, wo das Grab von Zar Samuil entdeckt wurde

Die Basilika „Heiliger Achillios“ auf der gleichnamigen Insel im Kleinen Prespasee, wo das Grab von Zar Samuil entdeckt wurde

FOTO bgsleda.com

Zar Samuil wurde in Prespa in der gleichnamigen Kirche auf der Insel Agios Achillios begraben, die heute auf dem Gebiet Griechenlands liegt. Dort entdeckte der griechische Archäologe Nikolaos Moutsopoulos 1969 die Gebeine des bulgarischen Herrschers. Am 3. Oktober werden sie in der modernen bulgarischen Hauptstadt Sofia ihre letzte Ruhe finden.

Heute sind die beiden Prespaseen ein unberührtes Naturschutzgebiet, in dem neben Pelikanen und Fischen auf der Insel friedlich Kühe grasen. Vielleicht werden dort eines Tages griechische und bulgarische Archäologen eine neue Untersuchung durchführen, die die Fundamente der königlichen Paläste ans Licht bringt.

die Insel Agios Achillios im Kleinen Prespasee

die Insel Agios Achillios im Kleinen Prespasee

FOTO Merim Tenew

„Es gibt einzelne kleinere Untersuchungen“, erinnert Prof. Nikolow und kehrt zur Geschichte zurück: „Während des Aufstands von Georgi Wojtech im Jahr 1072 haben wir Hinweise darauf, dass die byzantinische Herrschaft damals westliche Söldner gegen die aufständischen Bulgaren einsetzte. Unter diesen Berichten wird erwähnt, dass Alamannen und Franken die Paläste in Prespa angriffen und zerstörten. Auch die Basilika ‚Heiliger Achillios‘ plünderten sie und raubten ihre Schätze, ihr liturgisches Gerät, Ikonen und alles andere, was sie mitnehmen konnten. Es wird sogar beschrieben, wie ein Kreuzritter einige Gegenstände an sich nahm, woraufhin Gott ihn bestrafte und so weiter. Ein großer Teil dieser Artefakte wurde also zerstört. Aber natürlich ist dies eine Frage der Vereinbarung, sofern von beiden Seiten guter Wille besteht. Unsere Wissenschaftler von der Sofioter Universität und auch diejenigen, die ich von der Universität Thessaloniki kenne, könnten sich auf etwas Derartiges verständigen und bei der Erforschung eines Ortes wie der Insel Agios Achillios im Kleinen Prespasee einen gemeinsamen Weg finden. Das wäre für uns sehr wertvoll.“


Das Grab von Zar Samuil auf der Insel Agios Achillios im Kleinen Prespasee

Das Grab von Zar Samuil auf der Insel Agios Achillios im Kleinen Prespasee

FOTO Archiv

Heute steht inmitten der Ruinen der Basilika „Heiliger Achillios“ noch immer die Frage im Raum, was aus der Zeit von Zar Samuil erhalten geblieben ist. Die Antwort liegt nicht nur in den archäologischen Funden, sie liegt auch in der Erinnerung an den Herrscher, dessen Name eines der Symbole der bulgarischen Staatlichkeit ist.

Ein Fernsehfilm von Iwo Iwanow aus dem Jahr 2015, der anlässlich der Entstehung der Statue des bulgarischen Herrschers in Sofia gedreht wurde, zeigt interessante Momente der Rekonstruktion des Bildes von Zar Samuil:



Übersetzung: Rossiza Radulowа