Autor
Zwetana Tontschewa
Nachricht
Meisterwerke bulgarischer Musikkultur
Das einzigartige Denken von Dimitar Nenow in „Vier Skizzen für großes Orchester“
Freitag 9 Oktober 2026 17:45
Freitag, 9 Oktober 2026, 17:45
Dimitar Nenow (1901 - 1953)
FOTO archives.bnr.bg
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Der unbestrittene Intellektuelle und geistige Aristokrat unter den bulgarischen Musikern – Dimitar Nenow – war eine der Schlüsselfiguren bei der Herausbildung der professionellen bulgarischen Kompositionsschule. Musik faszinierte ihn bereits seit frühester Kindheit leidenschaftlich, doch als Jugendlicher waren seine Interessen breit gefächert: Literatur, Kunst, Philosophie, Mathematik und Physik. Sein Lebensweg war von Prüfungen und Widrigkeiten geprägt. Noch sehr jung geriet er in Konflikt mit seinen Eltern, die darauf bestanden, dass er die Musik aufgeben und einen ihrer Ansicht nach „seriösen“ Beruf ergreifen sollte.
Im Alter von 19 Jahren ging Nenow nach Dresden, um Architektur zu studieren. Seine Wahl fiel nicht zufällig auf diese Stadt: Dort hatte er gleichzeitig die Möglichkeit, am Konservatorium Klavier und Komposition zu studieren – gegen den Willen seiner Angehörigen. Deutschland zog damals mit seiner avantgardistischen Kunst viele Bulgaren an – Musiker, bildende Künstler und Literaten, die später neue, moderne Tendenzen in der bulgarischen Kultur etablierten. Für Dimitar Nenow waren die Studienjahre sehr schwierig. Er reiste ohne Stipendium und fast ohne finanzielle Unterstützung an, zudem sprach er kein Deutsch. Um seine Studiengebühren und die Miete für seine Unterkunft zu finanzieren, arbeitete er sieben Stunden täglich als Pianist in einem Kino und als Korrepetitor an einer Ballettschule.
Immer wieder verschob er Prüfungen, weil er seinen Lebensunterhalt selbst verdienen musste und mit Arbeit überlastet war. Gleichzeitig etablierte sich der junge Architekt als gefragter Konzertpianist und gab zahlreiche Gastspiele in verschiedenen Städten Deutschlands, Dänemarks und der Tschechoslowakei. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Werke: Klavierstücke, Lieder, die Erste Sinfonie, „Poème“, „Ballade“, eine „Kinosuite“, eine Violinsonate, zwei Klaviersonaten und die „Vier Skizzen für großes Orchester“.
Obwohl die „Vier Skizzen für großes Orchester“ von einem gerade einmal 24-jährigen Komponisten geschrieben wurden, beeindrucken sie durch ihre beeindruckende Professionalität und ihren hohen künstlerischen Wert.
Offensichtlich ist die Ähnlichkeit zwischen den ersten beiden Skizzen – „Sehnsucht“ und „Verlangen“. Nicht zufällig wurden als Titel Synonyme gewählt. Diese beiden Stücke haben Musikwissenschaftler dazu veranlasst, in Nenows Musik sinnhaft-assoziative Bezüge zum Werk des großen russischen Komponisten Alexander Skrjabin zu suchen, insbesondere zu seiner berühmten „Poème de l’extase“, in der der Komponist eine „Thema der Träume und Sehnsüchte“ sowie ein „Thema des Fluges“ bezeichnet.
Einen starken Kontrast zu den von Skrjabin inspirierten „Sehnsucht“ und „Verlangen“ bildet Nenows dritte Skizze „Groteske“ – ein markanter Gegenpol zur Verträumtheit mit dynamischem und theatralischem Charakter.
Der letzte Teil der „Vier Skizzen für großes Orchester“ – „Tanz“ – beeindruckt durch melodische und rhythmische Vielfalt sowie eine farbenreiche Orchestrierung, die an das Schaffen eines weiteren berühmten russischen Komponisten erinnert: Nikolai Rimski-Korsakow. Die Assoziationen mit dem stürmischen „Fest in Bagdad“ aus der äußerst populären sinfonischen Suite „Scheherazade“ sind mehr als offensichtlich.
Nach Ansicht des renommierten bulgarischen Komponisten und Dirigenten Konstantin Iliew bilden die „Vier Skizzen“ von Dimitar Nenow, von denen jede durch eine völlig unterschiedliche musikalische Bildsprache geprägt ist, einen stilistisch geschlossenen Zyklus, in dem die „Groteske“ die „Sehnsüchte“ im „Tanz“ bricht. Diese Jugendpartitur ist einer der ersten eindrucksvollen Belege für das außergewöhnliche Talent Dimitar Nenows – eines hochintellektuellen und aristokratischen Künstlers von tiefer Sensibilität, dessen große Lebenstragödie darin lag, Architektur studieren und ausüben zu müssen, während sein Verstand, sein Herz und sein ganzes Wesen nach der Musik strebten.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov