Autor
Elizabeth Radkova
Interview
Ausstellung in Sofia sucht nach den Konturen der Seele
Ausstellung mit Bildern von Patienten des Zentrums für psychische Gesundheit „Prof. N. Schipkowenski“ anlässlich des Welttages der psychischen Gesundheit
Freitag 9 Oktober 2026 15:05
Freitag, 9 Oktober 2026, 15:05
FOTO Daniela Popowa
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„Kunst ist eine Wunde, die in Licht verwandelt wurde.“
Georges Braque
Nach Angaben der Nationalen Strategie für psychische Gesundheit leiden etwa fünf Prozent der Bevölkerung Bulgariens an schweren psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, bipolarer affektiver Störung und schweren Psychosen. Rund 20 Prozent der Bulgaren entwickeln Angststörungen und Depressionen. Laut dem Global Mental Health & Research Studies Report liegt Bulgarien bei den Raten von Angst und Depression weltweit auf Platz 17.
Der 10. Oktober, der Internationale Tag der psychischen Gesundheit, bietet Anlass zum Nachdenken und dazu, die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Problematik zu lenken. Das tun auch die Ärzte des Zentrums für psychische Gesundheit „Prof. Nikola Schipkowenski“. Sie haben eine schöne Initiative ins Leben gerufen, um diesen Tag aus der Perspektive der bildenden Kunst zu begehen – mit der Ausstellung „Konturen der Seele“. Wir sprechen mit einer der Hauptinitiatorinnen der Idee, Dr. Antoana Usunowa, Assistenzärztin am Zentrum „Prof. N. Schipkowenski“.
Dr. Antoana Usunowa
FOTO Antoana Usunowa
„Die Idee für diese Ausstellung entstand eigentlich schon vor zwei Jahren. Damals erwähnte ich in einem Gespräch mit einem Grafikdesigner, dass viele unserer Patienten kreativ tätig sind und viele von ihnen malen“, erzählte Dr. Usunowa. „Ich teilte diese Idee mit einigen Patienten. Sie waren sehr begeistert, und das hat mich noch mehr motiviert und inspiriert, weiterzumachen und es zu schaffen – beziehungsweise gemeinsam mit meinen Kollegen und dem Team – diese Idee zu verwirklichen. Möglich wurde dies auch dank des Kinos Dom na kinoto, das uns diese Möglichkeit gegeben hat, sowie durch unsere Partnerschaft mit dem ‚Kollegium für private Psychiatrie‘“, sagte Dr. Usunowa.
FOTO Antoana Usunowa
Den Namen „Konturen der Seele“ habe ein Kollege vorgeschlagen. „Ich denke, es ist eine schöne Metapher, denn die Seele kennt keine Grenzen. Eine unserer Aufgaben ist es jedoch, sie kennenzulernen und zu verstehen, soweit das möglich ist. Und die Kunst ist eine Möglichkeit dafür“, erklärte Dr. Antoana Usunowa.
Jeder Patient, der sich beteiligen wollte, war willkommen. Dabei stellte sich heraus, dass viele ein enormes kreatives Potenzial in sich tragen, das manchmal sogar ihnen selbst unbekannt war.
„Zu dieser Zeit hatten wir eine Patientin, die sehr kreativ ist. Sie ermutigte die anderen Patienten, ebenfalls kreativ zu werden. Sogar Menschen, deren Alltag ziemlich grau ist und bei denen ich nicht vermutet hätte, dass sie ein solches Talent besitzen, schufen Werke mit sehr tiefgründigen und unterschiedlichen Motiven, die auf ihre ganz eigene Weise berühren“, sagte Dr. Usunowa.
FOTO Antoana Usunowa
Warum wenden sich viele Menschen mit psychischen Erkrankungen der Kunst zu?
„Meiner Meinung nach gibt ihnen das eine Art Freiheit, eine Art Erleichterung, denn ihre innere Welt und die inneren Prozesse, die in ihnen ablaufen, sind sehr oft alles andere als leicht. Die Kunst ist eine Möglichkeit, sich von dieser inneren Last zu befreien, die sie mit sich tragen“, so Dr. Usunowa.
FOTO Antoana Usunowa
Kann man anhand der Bilder, die ein Mensch malt, eine psychische Erkrankung feststellen?
„Ich persönlich bin auf diesem Gebiet keine Expertin und kann das nicht beurteilen. Es gibt Bilder, bei denen wir beim Betrachten überhaupt nicht vermuten würden, dass sie von einem Menschen mit einer psychischen Erkrankung stammen. Es gibt aber auch solche, in denen sich diese Besonderheiten erkennen lassen. Eine Antwort auf Ihre Frage finden Sie vielleicht in den Büchern von Dozent Alexander Marinow, der mich ebenfalls zur Ausstellung inspiriert hat. Er war Psychiater in der Stadt Bjala und ist Autor von zwei Büchern, die sich auf die Kunst seiner Patienten beziehen. Sie sind mit zahlreichen Bildern illustriert und enthalten viel Theorie darüber, wie Kunst und psychische Erkrankungen miteinander verflochten sind“, sagte Dr. Antoana Usunowa.
FOTO Daniela Popowa
Welche Rolle spielen Hobbys für eine gute psychische Gesundheit?
„Meiner Meinung nach ist ihre Rolle sehr wichtig. Sehr oft frage ich persönlich die Patienten, denen ich begegne, nach ihren Hobbys und danach, was sie gerne tun, und versuche, sie auf diese Weise zu ermutigen. Denn wenn ein Mensch, bildlich gesprochen, in einem Loch steckt, fehlt ihm der Antrieb, und er vergisst die Dinge, die er gerne tut. Was ich bei den Patienten beobachte, besonders jetzt im Zusammenhang mit der Ausstellung, ist, wie sehr ihnen dies geholfen hat, diese Ressource weiterzuentwickeln“, erklärte Dr. Usunowa.
FOTO Daniela Popowa
Prävention, heißt es, ist der wichtigste Teil der Behandlung. Was kann ein Mensch tun, um psychisch gesund zu bleiben?
„Ja, natürlich ist es überall wichtig, über Prävention und Vorsorge zu sprechen. Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, zu denen Bewegung, Sport und vor allem Gespräche und soziale Kontakte gehören, denn wir Menschen brauchen die Verbindung zueinander. Konkret sollte vielleicht jeder von uns jeden Morgen zehn bis 15 Minuten für sich selbst einplanen – insgesamt mehr Zeit für sich finden und innehalten, um über sich und sein Leben nachzudenken. Man sollte Zeit für die Menschen finden, die einem nahestehen, und für die Dinge, die man gerne tut. Man muss sich um die Pflege seiner psychischen Gesundheit genauso kümmern, wie man sich um seine körperliche Gesundheit kümmert“, so Dr. Usunowa.
Die Ausstellung „Konturen der Seele“ wird am Samstag, dem 10. Oktober, um 18:00 Uhr im „Haus des Kinos“ in Sofia eröffnet. Die Werke werden dort bis Ende Oktober zu sehen sein.
FOTO Daniela Popowa
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov