Autor
Weneta Nikolowa
Artikel
NEET in Bulgarien – warum immer mehr Jugendliche weder arbeiten noch studieren
Samstag 13 Dezember 2025 12:28
Samstag, 13 Dezember 2025, 12:28
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Man nennt sie NEET (Not in Education, Employment or Training) – junge Menschen zwischen 16 und 29 Jahren, die weder studieren noch arbeiten noch eine Ausbildung machen. Diese Gruppe wächst in ganz Europa und wird auch in Berichten von Eurostat erwähnt. In Bulgarien ist die Situation jedoch aufgrund des Bevölkerungsrückgangs und der anhaltenden Schattenwirtschaft noch komplexer. Studien zeigen, dass der Anteil arbeitsloser bulgarischer Jugendlicher erheblich ist.
Ein Teil von ihnen meidet freiwillig den Arbeitsmarkt und die Bildung, bleibt bei seinen Eltern und ist auf deren finanzielle Unterstützung angewiesen. Andere wiederum sind mit dem Angebot auf dem Arbeitsmarkt unzufrieden.
„Insgesamt ist aufgrund des negativen Bevölkerungswachstums, der Einwanderung und anderer Faktoren ein Rückgang der Erwerbstätigen im ganzen Land zu verzeichnen, nicht nur unter jungen Menschen“, sagte Plamen Robow von der Bulgarischen Konföderation für Beschäftigung und fügte hinzu:
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„Es gibt auch spezifische Gründe, die für diese bestimmte Gruppe charakteristisch sind. Einer davon, der vielleicht besonders interessant ist, ist der Rückgang des Interesses junger Menschen an einer Festanstellung. Die neuen Generationen sind viel offener für flexible Arbeitsformen – Freelancing, Dienstleistungsverträge, Projektarbeit usw. Bei jungen Menschen wird diese Art der Arbeit immer beliebter, während umgekehrt die klassische Arbeit mit Arbeitsvertrag immer unattraktiver wird.“
Diese Veränderung in der Einstellung ist nicht nur eine Laune, sondern spiegelt einen grundlegenden Wandel in den Werten und Lebensvorstellungen der neuen Generation wider. Junge Menschen suchen nicht nur einen Job, sondern einen Lebensstil, der ihnen Autonomie und Ausgewogenheit ermöglicht. Dies stellt jedoch eine ernsthafte Herausforderung für das bulgarische Wirtschaftsmodell dar, das nach wie vor stark von traditionellen Beschäftigungsformen in Sektoren wie Produktion, Dienstleistungen und anderen Bereichen abhängt, die eine physische Präsenz erfordern. Die Statistiken in dieser Hinsicht sprechen für sich:
„Nehmen wir an, dass zwischen 120.000 und 150.000 Menschen unter 29 Jahren offiziell nirgendwo registriert sind, d. h. dass sie weder studieren noch arbeiten. Ein wichtiger Faktor ist natürlich die Schattenwirtschaft. Ein nicht unerheblicher Teil dieser jungen Menschen arbeitet in irgendeiner Form, aber dies wird nicht offiziell erfasst, d. h. sie sind im grauen Sektor tätig. Im größeren Maßstab zeigen die Statistiken, dass insgesamt etwa eine Million nicht studierende und nicht arbeitende Bulgaren, die arbeitsfähig sind, keinen Beitrag zur Wirtschaft leisten“, erklärte Plamen Robow.
Heute entscheiden sich immer weniger junge Bulgaren für handwerkliche Berufe oder Tätigkeiten, die eine ständige physische Anwesenheit erfordern - in der Fabrik, im Büro oder auf der Baustelle. Der Grund dafür ist einfach: Die Arbeitszeiten von 9.00 bis 18.00 Uhr bieten keinerlei Flexibilität. Was ist attraktiv? Alles, was Freiheit und Fernarbeit ermöglicht - der IT-Sektor, Outsourcing, digitales Marketing, Online-Content usw. Laut Plamen Robow müssen sich Unternehmen anpassen und mehr Flexibilität bieten, während die neue Generation ihre Erwartungen „zurückstutzen“ sollte:
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„Ich denke, dass beide Seiten viel tun können, um den Prozess besser zu gestalten. Aus Sicht der Arbeitgeber sollten sie ihre interne Struktur so effizient gestalten, dass sie ausreichend attraktive Gehälter anbieten können, und den Arbeitsprozess so flexibel gestalten, dass sie junge Menschen anziehen können. Auf der anderen Seite haben junge Menschen heute oft ziemlich unrealistische Erwartungen. Online-Inhalte überschütten sie mit glänzenden und hochfliegenden Bildern von Karrieren, die superleicht und gut bezahlt erscheinen. In Wirklichkeit sind jedoch ein Abschluss und Englischkenntnisse im Alter von 20 bis 23 Jahren keine Garantie für ein hohes Gehalt. Um dorthin zu gelangen, braucht es Zeit, Mühe und Praxis, nicht nur Universitätswissen. Deshalb ist es wichtig, dass diese Menschen ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurückkommen - dass sie geduldiger sind, in sich selbst investieren und ihre Karriere und ihre Beziehungen zu ihren Arbeitgebern langfristig betrachten“, sagte Plamen Robow abschließend in einem Interview für Radio Bulgarien.
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Übersetzung: Antonia Iliewa
Redaktion: Rossiza Radulowa
Gestaltet von Rossiza Radulowa